Könnte man „Laubsturm“ als Gabriel Garcia Marquez‘ stärksten Roman bezeichnen?

„Laubsturm“ ist die erste Romanveröffentlichung von Gabriel Garcia Marquez. Der Text spielt, ähnlich wie auch einige Erzählungen in „Das Leichenbegängnis der großen Mama“ in dem Dorf Macondo, das später durch „Hundert Jahre Einsamkeit“ berühmt werden sollte. „Laubsturm“ ist eine starke dichte Erzählung, wohlkomponiert und von sprachlicher Schönheit. Noch etwas reduzierter, nicht dauerhaft in dem sprachlichen Überschwang erzählt, der dann später „Hundert Jahre Einsamkeit“ dominiert. Ich will nicht sagen, dass es sich nüchtern betrachtet bei „Laubsturm“ um das rundum gelungenere Werk handele, denn trotz seiner Länge ist auch die Dichte der Komposition von „Hundert Jahre Einsamkeit“ beachtlich. Doch wenn man sich anstrengt, könnte man das Argument für „Laubsturm“ über den großen Klassiker durchaus stark aufstellen.

Der Text beginnt mit einem kurzen Prolog, der das Konzept des Laubsturms ausbreitet. Als diesen verstehen die Bewohner Macondos die wirtschaftlich erfolgreiche, doch Aufspaltung, Chaos und eine große Kluft zwischen Wohlstand und Armut bringende, Zeit der Bananengesellschaft. Kneipen und Bordell eröffnen, einige steigen zu Wohlstand auf, andere landen in der Gosse. Dieser Prolog erinnert sprachlich am stärksten an „Hundert Jahre Einsamkeit“:

“Plötzlich, als hätte ein Wirbelwind Wurzeln geschlagen mitten im Dorf, kam die Bananengesellschaft, verfolgt vom Laubsturm. Und der Laubsturm war kunterbunt, zerzaust, zusammengefegt aus dem menschlichen und materiellen Abfall der anderen Dörfer, Ausschuß eines Bürgerkriegs, der immer ferner und unwahrscheinlicher schien. Der Laubsturm war unerbittlich. Er vergiftete alles mit seinem buntgewürfelten Geruch, Geruch von menschlichen Ausdünstungen und verstecktem Tod. In weniger als einem Jahr überschwemmte er das Dorf mit den Trümmern zahlreicher früherer Katastrophen und verstreute in dessen Straßen die wirre Ladung seines Abfalls. In rasender Hast, zum unvorhergesehenen wahnwitzigen Takt des Sturms löste sich dieser Abfall heraus und vereinzelte sich, bis er das, was eine Hauptstraße mit einem Fluß am einen und einem Gehege für die Toten am anderen Ende gewesen war, in ein völlig verschiedenes, verzwicktes Dorf verwandelte, gebildet aus dem Abfall der anderen Dörfer.
Und vermengt mit dem menschlichen Laubsturm, mitgerissen von seiner ungestümen Kraft, kam der Abfall der Kaufläden, der Krankenhäuser, der Vergnügungssalons, der Kraftwerke; Abfall von alleinstehenden Frauen und Männern, die ihren Maulesel an einen Hotelpfosten banden und als einziges Gepäck eine Holztruhe mitbrachten oder ein Kleiderbündel und nach wenigen Monaten ein eigenes Haus besaßen, zwei Konkubinen und den militärischen Rang, den man ihnen schuldig war, weil sie spät am Krieg teilgenommen hatten.
Sogar der Abfall trostloser Liebe kam mit dem Laubsturm aus den Städten und baute kleine Holzhäuser; zuerst richtete er drinnen, in einer Ecke, eine halbe Pritsche ein als dunkle Zuflucht für eine Nacht, später dann eine lärmende heimliche Straße und zuletzt, innerhalb des Dorfs, ein ganzes Dorf der Toleranz.”

Im Anschluss verengt sich die Perspektive auf das Sterbezimmer eines Doktors. Drei Figuren einer Familie erzählen im Wechsel. Der Patriarch der Familie, ein ehemaliger Oberst. Die etwa 30 jährige Tochter/Mutter Isabel und deren Sohn. Im Zentrum der Rahmenhandlung steht der Doktor, der sich getötet hat und den das Dorf nun nicht beerdigen möchte. Die Familie hat aufgrund alter Bindungen seine Beerdigung durchzukämpfen, obwohl ihr nicht wohl damit ist. Der Hass des Dorfes wird sich fortan auch auf sie erstrecken.Der Doktor wiederum ist ein Auswärtiger, wurde schon bei seiner Ankunft für verschroben gehalten. Der endgültige Bruch mit Macondo erfolgte in der Zeit der Bananengesellschaft, als auch die verwaltete Welt im Dorf ankam und der Doktor nicht bereit war, sein Diplom auf Richtigkeit prüfen zu lassen. Nach dem Abzug der Bananengesellschaft kam es zu einem Überfall auf Macondo, doch der einzige verbliebene Doktor weigerte sich nun, die Verwundeten zu behandeln. In Rückblicken aus den Perspektiven der drei Erzählenden erfahren wir neben dieser Geschichte vor allem von zwei großen Handlungsbögen: Die Liebschaft des Doktors mit Mene und wie diese das Dorf verließ, während die Polizei einem Bericht glaubte, der Doktor habe sie ermordet und im Garten verscharrt. Und das Werben des ebenfalls Auswärtigen Martín um die Tochter der Erzähler-Familie. Auch ein Mann, der die Umworbene irgendwann wieder sitzen lässt. Details zur Handlung könnt ihr auf Wikipedia nachlesen, der Artikel ist sehr ausführlich.

Es gibt auf der Ebene des Erzählerischen wirklich wenig zu meckern an diesem Roman. Alle Vorausdeutungen gehen auf, der Teppich der Symbole, unaufdringlich gewebt, fügt sich zu einem Ganzen zusammen. Marques findet Raum für schöne Formulierungen, ohne dass man das Gefühl hat, es würde einfach Bild auf Bild gesetzt. Die Symbolik des Jasmin etwa als eine Blume, die wie manche Toten die Fähigkeit hat, auch nach dem Verwelken noch umzugehen. Die Art und Weise, wie der schwere Jasminduft längst ausgerissener Blumen später dann den jüngsten Spross der Familie noch jahrelang verfolgt. All das setzt bildlich starke Höhepunkte in einer ansonsten nüchterneren Erzählung, als man es später von Marquez kennt, und akzentuiert den Text sehr vorteilhaft. Wenn man also von der reinen Gewalt absieht, die „Hundert Jahre Einsamkeit“ durch die Stofffülle entfaltet und zugesteht, dass die Länge des Klassikers auch ein paar Schwierigkeiten mit sich bringt, dann liegt genau in der Perfektion der Komposition von „Laubsturm“ und in dessen Kombination von Schlichtheit mit Momenten der Schönheit genau an den richtigen Stellen das Argument, den unbekannten Text über den bekannteren zu heben.

Auffällig hier wie dort in jedem Fall, dass die Ureinwohner des Landes kaum eine Rolle spielen, obwohl beides doch Kolonisationsgeschichten sind. Ja, es wird hier und da mal ein „Indio“ erwähnt, doch meist eher wenig schmeichelhaft, indem eine Individual-Bezeichnung zugleich Gruppenbezeichnung ist. „… dass XY mit einem Indio zusammen lebte.. .“ Das ist nun nicht nur für Gabriel Garcia Marquez typisch, sondern gewissermaßen ein (meist wohl unbewusstes) propagandistisches Meisterstück des lateinamerikanischen Antiimperialismus. Dass es vielfach gelungen ist, die Kolonisatoren im postkolonialen Diskurs als Kolonisierte umzudeuten. Denn so lesen die meisten ja die Autoren des „Boom“ und des lateinamerikanischen Magischen Realismus (positive Ausnahme: Mario Vargas Llosa). Als Geschichten des Widerstands und der Niederlagen gegen die Kolonisation, wobei als Kolonisator meist der us-amerikanisch-kapitalistische Imperialismus gesehen wird, während zumindest tendenziell die spanischsprachige Bevölkerung als die aufrechten Unterdrückten dastehen, die zwar auch ihren Dreck am Stecken haben, aber immerhin geht es gegen die USA. Dagegen sollte man sich immer wieder in Erinnerung rufen: Spanien war die Kolonialmacht. Es waren spanischsprachige Schatzsucher und Siedler, die ein Massensterben zu verantworten hatten, gegen das selbst das auf dem nordamerikanischen Kontinent plötzlich klein wirkt (insgesamt dürften 60 bis 90 Millionen Ureinwohner gestorben sein, die überwältigende Mehrheit von ihnen in der Frühphase der Kolonisation durch eingeschleppte Krankheiten, etwa zehn Millionen davon auf dem nordamerikanischen Kontinent).

Bild: Pixabay.

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