Marylou wird von der Fantasie zur Figur. „On the Road“ ist die vielleicht best denkbare Verfilmung des Stoffes, und doch „nur“ ein ordentlicher Film.

„On the Road“ gehört nicht in die Riege der besten, der ganz besonderen Filme, die man zwingend mehrfach schauen muss und weiterempfehlen. Der Film ist aber wahrscheinlich durchaus die beste nur denkbare Verfilmung des Stoffes. Und das nicht, weil die literarische Vorlage schwach wäre, sondern weil sie kaum verfilmbar ist. „On the Road“ macht dahingehend viel richtig und trifft zahlreiche harte Entscheidungen über Abweichungen gegenüber der Vorlage, die einen Film überhaupt erst möglich machen. Das ist auch mutig, weil man weiß, wie Fans von Büchern reagieren, wenn allzu stark von Vorlagen abgewichen wird. Da es aber meines Wissens keinen großen Skandal um den Film gab, hat der Roman wohl eine Gefolgschaft, die einiges von diesen Notwendigkeiten in der Kunst versteht.

Die wichtigste Entscheidung: der Ausbau der Figur Marylou zur… Nun ja – überhaupt zur Figur. Als ich vor kurzem las, dass Kristen Stewart in diesem von mir bisher nicht beachteten Film die Marylou spielt, fragte ich mich „was will sie denn da spielen? Zweimal stumm in der Ecke stehen, einmal wütend werden, einmal tanzen?“ Denn Marylou ist in Roman ja nun wirklich nicht mehr als eine von zwei Frauen, an die sich Dean Moriarty bindet und die vor allem dafür da ist, um von ihr weg in das große Abenteuer „On the Road“ zu fahren. Im Film ist sie öfter mit von der Partie. Sie wird immer noch offenkundig schlecht behandelt von Dean, lässt sich von ihm ausnutzen und auch der Rest der Crew, der netter zu ihr ist, nutzt sie hier und da als Versorgerin der Gruppe aus. Aber: Sie hat nun ihre eigene Geschichte. Der Konflikt mit der zweiten Geliebten/Ehefrau wird aus ihrer Perspektive als Konflikt erfahrbar, und in ihrer Hingezogenheit Sal wird sie zu der Figur, die überhaupt erst viele Dinge in der Gruppe in Bewegung setzt. Übrigens, wie sich nach etwas Recherche feststellen lässt, durchaus mit Präzedenz: so wird die Figur im Buch „One and Only“, dem einzigen ausgedehnten Interview mit Vorbild LuAnne Henderson, gezeichnet. Überhaupt gibt der Film so Antworten auf Fragen, die man sich schon früher hätte stellen dürfen/müssen: Kann das wirklich so eine profillose Frau sein, die es über Jahre mit Dean Moriarty/Neal Cassidy aushält? Marylou im Film ist selbst so eine Art Hipster/Beatnik, auch wenn sie ähnlich wie Neal nie Kunst produziert. Das scheint nicht nur der „Wahrheit“ nahe zu kommen, es ermöglicht (und das ist in diesem Fall wichtiger) überhaupt doch erst einen Film, denn anders als ein Roman, der vor allem von Sprache und Struktur getragen wird, braucht ein solcher Film irgendeine Art von zentralem Konflikt, eine Triebfeder, die ihn über zwei Stunden trägt.

Dazu korrespondiert die Entscheidung, die Sexualität noch deutlich stärker in den Mittelpunkt zu stellen, als im dafür bereits kritisierten und von der Urfassung zur Veröffentlichung entschärfen Roman. Dass die drei männlichen Protagonisten miteinander ins Bett gehen, darüber muss man im Film nicht spekulieren, das ist so. Auch hier hilft das wieder, den Figuren und ihrem Verhältnis noch etwas mehr Dynamik zu verleihen, insbesondere indem Carlo Marx von Eifersucht auf die Beziehung zwischen Dean und Marylou phasenweise fast zerfressen wird.

Gleichzeitig hat man die Beschäftigung mit Literatur und besonders mit Lyrik sehr stark zurückgefahren. Literatur kommt vor allem in Einstellungen vor, die die Bücher zeigen, die die Hauptfiguren lesen. Lyrik dagegen praktisch gar nicht. Das mag man fragwürdig finden in einem Film, in dem eine der Hauptfiguren nach Allan Ginsberg gemodelt ist. Ich denke am Ende war es eine richtige Entscheidung. Ein Film muss sich stärker konzentrieren als ein Roman. Wir haben die Beziehung der Hauptfiguren als ein Hauptthema, wir haben als zweites Hauptthema, ich komme nach dazu, das Entstehen des Romans „On the Road“ selbst. Der einzige Weg, wie man neben einer eingestreuten Lesung sich noch hätte intensiver mit Lyrik auseinandersetzen können, wäre die Montage von Gedicht-Fragmenten gewesen. Der Film arbeitet aber bereits mit der Montage von Romanfragmenten eben aus „On the Road“. Zusätzlich montierte Lyrik-Fragmente hätten dem seine Kraft genommen. Dennoch hat der Film einen weiteren kunstbezogenen Rahmen, in der Musik. Und wie hier Lieder aus verschiedenen Genres, von Protagonisten gesungen, oder von anderen Figuren dargeboten, sich motiisch durch die Geschichte bewegen, das ist sehr gelungen. Nein, so verrückt es klingt: Die Lyrik hatte keinen berechtigten Platz in der Verfilmung von „On the Road“.

Zuletzt: Die Entscheidung, die Verfilmung zwischen einer Verfilmung von „On the Road“ und einer der Entstehung von „On the Road“ aufzuhängen. Denn auch wenn „On the Road“ selbst natürlich bereits gewissermaßen das Buch über die Entstehung von „On the Road“ ist, ist es das nicht im gleichen Maße wie der Film. Der zeigt uns immer wieder, wie Sal eindeutig Passagen des Romans verfasst, den Jack Kerrouac verfasst hat, während andere Passagen des Romans als Voice Over vorgetragen werden. Die Voice Over sind sozusagen Teil unserer Erzählung Nummer eins, sie legen nahe, dass hier der Roman verfilmt wird. Die getippten Passagen sind Teil unserer Erzählung Nummer zwei, die erst im Entstehen begriffen sind, der Roman, der verfilmt wird, ist im Film also noch gar nicht geschrieben. Eine schöne Konstruktion, die die kreativen Freiheiten, die man sich gegenüber dem Roman genommen hat, gewissermaßen innerhalb der Fiktion begründen.

Daher: Von schlechten Kritiken nicht abschrecken lassen. „On the Road“ ist sicherlich praktisch unverfilmbar, und obwohl der Film ein paar Probleme hat, die Literaturverfilmungen regelmäßig haben, funktioniert er als Film ziemlich gut und als Verfilmung eines unverfilmbaren Romans darf man vor diesem Film großen Respekt haben.

Bild: Pixabay.

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