Amélie Nothombs „Ambivalenz“ ist sprunghaft und wirkt teils wie eine Zusammenfassung.

Ein paar Texte von Amélie Nothomb habe ich mir vor langer Zeit einmal aus den Schullektüren meines Bruders geliehen, um mein Französisch zu reaktivieren. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Autorin in den Klappentexten gewissermaßen als eine Spät- oder Post-Existenzialistin beschrieben wurde. Und wenn man das nicht auf ein ausgearbeitetes System der Existentialphilosophie, sondern auf eine bestimmte Konstruktion und einen bestimmten Vibe von Erzählungen bezieht, denke ich, das lässt sich unterschreiben. Auch wenn ich nicht weiß, ob und inwiefern Nothomb einem ausgearbeiteten philosophischen System folgt.

Zumindest die Texte, die ich kenne, zeichnen sich dadurch aus, dass sie Figuren in eine Folge von Situationen werfen, die man als prototypisch bezeichnen könnte, die jedoch zugleich drastisch überzeichnet werden. Im Fall von „Ambivalenz“, das mir als Rezensionsexemplar vorliegt, trifft eine junge Frau einen jungen Mann, sie weist ihn beim ersten Mal ab, beim zweiten Mal nimmt sie praktisch sofort seinen Heiratsantrag an. Sprung in ein neues Leben, über mehrere Jahre Kampf um mögliche Unfruchtbarkeit. Dann Geburt der Tochter. Scheinbar gegenseitiger Hass zwischen Vater und Tochter. Die Tochter, hochintelligent, hochsensibel, findet endlich eine Freundin und wird vom sozial aufwärts strebenden Vater in ein neues Umfeld gerissen.

Ab hier Spoiler

Großer Eklat: Es kommt heraus, dass der Vater die gesamte Familie nur aufgebaut und genutzt hat, um einer anderen Frau, die ihn abgewiesen hat, zu zeigen, was sie verpasst hat. Flucht von Mutter und Tochter aufs Land zu den Eltern. Jahre später: Anruf des Vaters: Er liegt mit Krebs im Sterben im Krankenhaus. Letzte Begegnung, letzte überraschende Wendung. Schluss. All das geschieht auf nicht mal 100 Seiten.

So sehr ich die Prägnanz der Geschwätzigkeit vorziehe, dieser Roman übertreibt es etwas. Keine Figur steht als Figur überzeugend da, und die plötzlichen Wendungen der Handlungen ergeben vor allem Sinn, wenn man sie zurückblickend von der Warte des verrückten Plans des Vaters betrachtet. Allerdings selbst dann nicht ganz. So gibt es z.B. eine Phase, in der er sich von seiner Frau entfernt und sie dann versucht aus heiterem Himmel zurückzugewinnen. Wozu die zwischenzeitliche Entfremdung? Hat er den Plan derweil gegeben? War der ansonsten so sorgsam planende, sagen wir es – Soziopath – an dieser Stelle nachlässig?

Solche Stellen, und derer gibt es einige, sind nicht wirklich erklärlich. Zudem fehlt dem Roman vieles von dem, was andere sehr kurze Texte so herausragend macht, namentlich die poetisch dichte Sprache und die virtuose Komposition. „Ambivalenz“ bleibt dagegen ein reines „was passiert als nächstes?“-Buch. Ich erinnere mich nicht mehr deutlich an meine früheren Lektüren von Nothomb, doch ich erinnere mich, dass ich sie im Großen und Ganzen recht gut fand. Mag sein, mir war damals vor allem das Lesen eines französischen Testes in recht leichter Sprache wichtig, und dafür taugt Nothomb definitiv stets. Aber ich glaube der Unterschied war auch, dass sich die kurzen dialoglastigen Szenen dort in einem deutlich enger abgesteckten Zeitrahmen bewegten, während wir im Fall von „Ambivalenz“ das Gefühl haben, durch insgesamt immerhin drei Leben zu hasten. Thematisch und von der Konzeption her ist der Text durchaus recht spannend, in der Ausführung würde man sich mehr Fokus auf Details wünschen.

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