Mehr als ein „Schlüsselroman“. Klaus Manns „Mephisto“ erzählt von einem Menschen, der den Lesenden nicht unähnlich sein dürfte.

Nicht immer ist das berühmteste Werk eines Autors auch das gelungenste. Für Mephisto von Klaus Mann lässt sich aber genau das sagen, zumindest formal und soweit ich das Gesamtwerk bisher überblicke. Dabei hatte ich durchaus meine Zweifel. Die erste Lektüre ist lang her. Und der lose nach einer realen Figur gemodelte Aufsteiger und Opportunist im Dritten Reich, ist das als Thema nicht vielleicht ein bisschen platt, läuft Gefahr zum Thesenroman abzugleiten? Ist der Text nicht am Ende vor allem deshalb beliebt, weil der mit der banalen Botschaft, wie böse die Nazis sind, niemandem weh tut? Vorweg: Nein.

Die größte Stärke von Mephisto ist aber sicherlich nicht seine „Botschaft“, sondern die spannend aufgebaute Erzählung und deren strukturelle Kohärenz. Mann hat hier tatsächlich den „einfachen“ Weg gewählt und eine starke interessante Hauptfigur in den Mittelpunkt seines Romans gestellt, rund um die dann zahlreiche kleinere Handlungen mit erzählt werden können, ohne dass der Text wie etwa Der Vulkan den Faden verliert. So bleibt der Text durchweg fesselnd, und zeichnet dennoch ein breites Bild des individuellen Umgangs mit der Frühphase des Nationalsozialismus.

Und auch die Befürchtung, der Text sei politisch banal, bewahrheitet sich nicht. Mephisto konnte in Deutschland bekanntlich lange nicht publiziert werden, weil die Familie Gründgens ihren Gustav in dem Text erkannte, und es meines Erachtens skandalöser Weise gelang, die Publikation verbieten zu lassen. Gesetzt, Höfgen wäre tatsächlich Gründgens – warum eigentlich? Ich bin überrascht, wie gut die Hauptfigur im Großen und Ganzen wegkommen. Wenn Klaus Mann zu seiner Verteidigung erklärt, der Roman stelle keine einzelnen Menschen, sondern Typen dar, dann könnte das treffender kaum sein. Diese Höfgen ist trotz des Glamours, der dem Schauspiel anhaftet, ein ziemlich typischer Deutscher. Niemand, der wirklich zum Bösewicht taugt, sondern einer, der es nach einem eher verspielten Kommunismus in jungen Jahren mit der Angst zu tun bekommt, aus dem Drang, seine Erfolge in der Heimat festzuhalten, einen Weg sucht, mit dem Regime zu koexistieren und der letztlich auf den höheren Ebenen der Macht ähnlich agiert, wie wahrscheinlich die meisten Deutschen in ihren jeweiligen Kreisen. Und, muss man hinzufügen, wie wahrscheinlich auch heute wieder die meisten agieren würden, die mit sicherem Abstand behaupten, sie hätten auf jeden Fall im Widerstand gekämpft. Höfgen macht sich ein paar mal wirklich die Hände schmutzig, besonders im Umgang mit seiner früheren Geliebten Juliette, er geht aber auch ein nicht unbedingt geringes Risiko ein, einen alten kommunistischen Freund zu retten. Gleich zweimal. Einmal erfolgreich, einmal erfolglos. Ich glaube, das ist schon fast mehr als die Meisten gewagt hätten. Ist Höfgen „schuldig“? Daran lässt der Roman mit seinem intensiven Schluss keine Zweifel. Ist er es in einer herausragenden Weise gegenüber den vielen anderen, die im sogenannten Tausendjährigen Reich ihr Leben weiter lebten und ihren Vorteil suchen? Nein. Das ist die eigentliche brutale Wahrheit, die hinter Mephisto steckt.

Es gibt leider etwas, das die Lektüre heute sehr erschwert. Man kommt nicht darum herum: In seiner Darstellung von Juliette ist dieser Roman sehr rassistisch. Und damit meine ich nicht, das Figuren gegenüber Juliette das N-Wort benutzen und sich rassistisch verhalten, was heute manchem eigentlich antirassistisch intendierten Text vorgeworfen wird. Sondern die Erzählung selbst baut Juliette, auch wenn etwas anderes angestrebt sein mag, als einen groben Satz von Stereotypen auf. „Exotik“ und Einfachheit, „tierische“ Wildheit, blitzende Augen, gebleckte Zähne – Diese Figur ist leider zu mindestens 80% Klischee. Es war sicherlich eine gute Entscheidung von Klaus Mann, die Homosexualität als den „Makel“, mit dem Höfgen erpressbar ist, zu verwerfen. Groß wäre das Risiko gewesen, das Klischee vom unmoralischen Homosexuellen zu bedienen. Was ihm als aber als Ersatz eingefallen ist, ist ebenso komplett misslungen.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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