Ein Meisterwerk der jüngeren Filmgeschichte & eine der besten Erzählungen übers Erzählen: „Die Wolken von Sils Maria“.

„Die Wolken von Sils Maria“ ist ein stiller meisterhafter, klänge ist nicht so abgedroschen, möchte man sagen „poetischer“, Film über das Filme machen, über das Geschichtenerzählen, das Rollen spielen und innerhalb dieses Kontextes, doch auf zahlreiche Lebenslagen erweiterbar: über das äler werden.

Der nicht mehr ganz jungen Schauspielerin Maria (Juliette Binoche) wird angetragen, noch einmal in dem später verfilmten Stück aufzutreten, das sie eins berühmt gemacht hat. „Malojaschlange“. Darin geht es um eine Firmenerbin, die aufgrund fragwürdiger Entscheidungen droht, das Unternehmen an die Wand zu fahren, während sie sich immer abhängiger macht von ihre Jungen Assistentin, auch in erotischer Weise. Dieser Assistentin ist sich ihrer Macht über die ältere sehr bewusst und spielt sie in einer Weise kalt aus, die man kaum gewillt ist, bösartig zu nennen, so sehr ruht die Jüngere im Selbstbewusstsein der Kraft der Jugend. Das erinnert sicherlich nicht zufällig Nietzsches Vorstellung vom Recht der Stärke. Fällt auch der Name Nietzsche im Film nicht ein Mal, kommt man ja kaum drumherum diesen mit Sils Maria zu assoziieren.

Maria nun wurde berühmt, indem sie einst die Rolle der jungen Assistentin spielte. Jetzt soll sie die ältere Unternehmerin spielen. Eine Verschiebung der Perspektive auch auf sie selbst als Schauspielerin, mit der Maria sehr zu kämpfen hat. Im Kampf zur Seite steht ihr ihre Assistentin Valentine (Kristen Stewart), die versucht, Maria zu überzeugen, die Chance anzunehmen.

In selten so gelungener Weise kommentieren sich dabei Stück und Film nicht nur, es werden oft die Grenzen verwischt und man muss sich auf jede Szene wieder neu fokussieren: Was für ein Gespräch ist das eigentlich gerade? Denn mehrfach beobachten wir Maria und Valentine ausgedehnt beim Proben des Skripts, wobei Maria alles gibt, während Valentine ihre Rolle gern eher lakonisch runterliest. Dennoch ergeben sich immer wieder Momente, in denen man das Gefühl hat, dass nicht die Rollen, sondern die beiden Frauen streiten. Und das liegt durchaus nahe, denn auch das Verhältnis dieser beiden wird angespannter und bekommt einen ähnlichen Unterton, bei dem sich die Macht in Richtung der jüngeren Assistentin verschiebt. Eine weitere Metaebene, im Gegensatz zur ersten außerhalb des Films liegend, tut sich auf, wenn Valentine Maria überzeugen muss, ihre jüngere Partnerin, als die neue Assistentin im Stück, die diese schon aufgrund der Rolle als Feindin wahrnimmt, zu respektieren, obwohl die in einer sehr trashy wirkenden Teenie-Science-Fiction Franchise berühmt geworden ist. Wo Maria Trash sieht, sieht Valentine die Kraft eines Schauspiels, dass aus Stereotypen und extravaganter Handlung Emotionen und Figuren kreiert, die eine ganze Generation gefangen nehmen. Zuschauern, die Stewart kennen, dürfte es schwerfallen, dort nicht auch einen Kommentar zu deren eigener Rolle als Bella in Twilight zu sehen und den Hass, der dafür über sie ausgeschüttet wurde, zu sehen.

Valentine verlässt Maria irgendwann auf einer der zahlreichen Bergwanderungen, die sie gemeinsam unternehmen, während sie beratschlagen und proben. Das ist ein sehr verwirrender Moment. Im einen Augenblick sprechen sie noch darüber, dass die Kapitulation der Älteren im Theaterstück vor der Jüngeren, das Fortgehen in eine ungewisse Zukunft, nicht als Niederlage gespielt werden müsse, dass ich Maria diese Rolle auf ihre Weise aneignen könnte. Und im nächsten Moment ist Maria allein, sie kann Valantine, die zuvor zurückgeblieben war und nur noch aus dem Off mit ihr kommunizierte, nicht mehr auffinden. Einerseits natürlich wieder ein direktes sich Kommentieren der beiden Handlungen. Valentine geht in eine ungewisse Zukunft, verschwindet für uns, aber aus einer Position der Stärke heraus. Andererseits lässt mich die Absolutheit des Verschwindens fragen, ob wir Valentine nicht sogar als einen Teil der Psyche von Maria lesen könnten, den Teil, der versucht hat zwischen Alt und Jung zu vermitteln, aber jetzt, für den nächsten Schritt, die Akzeptanz und Neuorientierung, verschwinden muss. Maria bringt ihre Aufgabe in „Malojaschlange“ hinter sich, wichtiger aber ist kurz vor Schluss ein kleines Gespräch mit einem jungen Regisseur, der ihre Rolle in einer Art Space Opera an trägt, was Maria plötzlich schauspielerisch sehr interessant findet.

Ein so vielschichtiger, dabei so klug aufgebauter Film, dass am Ende wirklich alles zusammen kommt, und selbst die Brüche, die Fragezeichen, die bleiben, ganz bewusst so gesetzt wirken. Und da habe ich noch gar nicht über die visuelle Gestaltung gesprochen. Die Art, wie diese Handlung in beeindruckende Bergpanoramen eingebettet sind, die jedoch nie kitschig wirken, die Art, wie der künstlerische Alpenkurzfilm „Das Wolkenphänomen von Maloja“, eine schwarz-weiß Dokumentation über Wolkenphänomene und besonders die berühmte Malojaschlange aus den Zwanzigern, darin wiederum eingebettet ist und in modernerer Bildsprache aufgegriffen wird, wie der Zug der Wolken in verschiedenen Momenten den Lauf der Geschichte kommentiert – auch diese Umsetzung ist meisterhaft.

Bild: Pixabay

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