Die Brutalität der Gemütlichkeit, auch formal eingefangen: „Einer“, von Norbert Gstrein.

„Einer“ von Norbert Gstrein war ein Wühltisch-Zufallsfund. Und was für einer. Der kurze Roman erzählt die Geschichte eines jungen intelligenten Alpendorfbewohners, der nach kurzem Gastspiel in der großen Stadt zurück aufs Dorf kommt, dort hängen bleibt, abstürzt. Oder: Das ist eigentlich Unsinn, es klingt zu sehr nach (anti-)Bildungsroman.

In „Einer“ erzählen Andere. Der junge Mann, Jakob, mittlerweile Mitte 30, Anfang 40, wird von der Polizei abgeführt. Sieben Kapitel antworten auf die Fragen des Inspektors, schweifen aber bald weit in die Vergangenheit ab. Hauptsächliche Erzählstimme ist die einer Art Freundes von Jakob, soweit sich überhaupt behaupten lässt, dass dieser Freunde hat. Eine Zeit lang zumindest hatte ihn der für sich als Skilehrer erarbeiten lassen. In diese Stimme eingeschaltet finden sich andere, besonders die Mutter, wer nicht spricht ist Jakob.

Herausragend wird dieses Buch durch eine Sprache. Alles andere als „schön“ gelingt es dieser, durch die Gedrängtheit der kolportierten Aussagen – die Montage von subtilen Perspektivwechseln erfolgen teils sogar mitten im Satz – und das Zusammendrängen auch zeitlich weit auseinander liegender Erfahrungen die Enge und Brutalität dörflicher „Gemütlichkeit“ hautnah erfahrbar zu machen.
So dicht ist „Einer“, dass man fast dazu tendiert, zu überlesen, dass Jakob von seinen Altersgenossen während der Schule in der Stadt über längere Zeit brutal misshandelt wird, was sicherlich nicht alleiniger Grund des späteren Absturzes, zumindest aber doch ein wichtiger Faktor ist. In der deutschen Wikipedia fehlt diese Information.

„Einer“ ist eine ganz starke Lektüre, deren ebenso überzeugendes Nebenthema auch der „Stillstand im Wandel“ des Dorflebens durch den Tourismus bildet. Das Dorf wird reicher, doch die Dörfler versumpfen in ihren Rollen. Zudem besticht der Roman durch seine Kürze. Ein Kunstwerk, das seinen Stoff findet und konsequent entwickelt. Kein Wort ist Füllwerk, um den Text aufzublasen, nur damit irgendwelche gelangweilten Touristen am Strand ihre Zeit totschlagen können. Und: „Einer“ ist nach der klassischen Novellentheorie eine geradezu mustergültige Novelle. Mit der faszinierenden Besonderheit, dass der Leser bis zum Schluss nicht erfährt, was eigentlich die „unerhörte Begebenheit“, das Verbrechen, letztendlich war.

Bild: Eigenes.

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