„23 Uhr – 12 Menschen in einer Nacht“ versammelt Erzählungen mit wenig Zusammenhalt. Verschenktes Potential.

„23 Uhr – 12 Menschen in einer Nacht“ von Adeline Dieudonné könnte ein herausragender Roman sein. Der Titel gibt den Rahmen vor: Es ist spät in der Nacht, 12 Menschen hat es auf eine sonst relativ leere Autobahntankstelle verschlagen. Der Text eröffnet mit einer relativ stimmungsvollen Szene und der treffenden Beobachtung:

“Sie war überrascht, wie ruhig es hier war. Wenn man sie aufgefordert hätte, eine nächtliche Tankstelle zu beschreiben, hätte sie sich automatisch einen Höllenlärm vorgestellt. Den Lärm der Lastwagen auf der Autobahn, den Lärm einer dicken Harley, Leute, die von einem Ende des Parkplatzes zum anderen brüllen: »Winston oder Marlboro?« – »Was???« – »Winston oder Marlboro?« – »Nein, Camel.« – »Ah, okay!« – »Light!« – »Was?« – »Light!« So viele verschiedene Bestandteile, die sie nicht einzeln benennen konnte, die zusammengenommen aber einen Krawall erzeugen mussten, dass es einem den Frontallappen durchlöchert. Doch so war es nicht. Die Autobahngeräusche klangen wie gleichmäßiges und sanftes Meeresrauschen. Und die Leute, die hier Halt machten, flüsterten eher, als hätten sie Angst, die sich eingebildeten Anwohner aufzuwecken. Sie bewegten sich fast andächtig. Vielleicht versetzten das lange Fahren bei gleicher Geschwindigkeit und die Wärme sie in einen meditativen Zustand, den sie über die kurze Pause hinweg zu erhalten versuchten.”

Das, nebenbei, kann ich aus Erfahrungen als Anhalter-Reisender bestätigen. Es gibt wenig, was einerseits so still und zugleich so verheißungsvoll, jedoch auch furchteinflößend ist wie eine Autobahnraststätte bei Nacht. Die Vorbereitungen und Spekulationen, wie man am nächsten Tag weiter kommt. Die Mischung aus klarer Luft und Benzin. Und die Sorge, wer hier heute Nacht alles noch anhalten könnte und was alles passieren könnte.

„12 Menschen in einer Nacht“ ist leider kein herausragender Roman. Es ist im besten Fall ein ganz okayer Roman mit einigen Schwächen und auch ein paar Fremdscham-Momenten.

Schwäche Nummer eins: Aus dem Szenario selbst wird wenig gemacht. Es ist tatsächlich nicht viel mehr als Rahmen für die Geschichten. Die Geschichten, das sind Geschichten aus dem Leben derer, die es auf die Tankstelle verschlagen hat, teils sogar ohne Bezug dazu, wie sie dorthin gekommen sind. Interaktionen innerhalb der Rahmenhandlung finden praktisch nur ganz zu Beginn und zum Schluss des Romans statt. Einige der Geschichten sind dennoch miteinander verbunden, aber dann außerhalb der Rahmenhandlung.

Das führt zum zweiten Problem: Plausibilität. Statt die Chance zu nutzen und hier auf engem Raum unterschiedliche Figuren in Interaktion treten zu lassen und d a r a u s Geschichten aufzuspannen, werden Geschichten von Menschen erzählt, die sich nicht kennen, deren Leben sich aber dennoch vorher schon in entscheidender Weise berührt hat. Das ist natürlich denkbar, aber bereits etwas weit hergeholt.

Es wird schlimmer. Drei: Eine große Zahl der Geschichten sind unglaublich krass. Nichts gegen krasse geschichten, aber das ausgerechnet 12 Opfer und Täter krassester Vorfälle in dieser Nacht an der gleichen Tankstelle sind – das unterminiert weiter die Plausibilität.
Eine der Figuren hat gerade ihren Ehemann ermordet. Eine andere ist vor einer Mordbande geflohen, die anscheinend ihr ganzes Viertel ausgelöscht hat. Eine Frau mittleren Alters erinnert sich an ihre Ehe, die damit begann, dass sie von den Eltern des späteren Ehemanns, beide Gynäkologen, zum Essen eingeladen wurde und sich dann zum Spaß von den beiden untersuchen ließ. Der Ehemann kommt dazu und macht mit! Ein Junge stürzt in einen See und stirbt beinahe. Ein junges Mädchen wird schwer von einem Pferd verletzt. Das Pferd verletzt später auch den Vater wahrscheinlich tödlich. Ach ja, und der, der diese Geschichte erzählt, ist das Pferd. Das Pferd! Schon in Irene Solàs sonst starkem Roman „Singe ich, tanzen die Berge“ fand ich es sehr grenzwertig, Tiere und den Berg selbst sprechen zu lassen. Doch das lässt sich immerhin halbwegs durch die dichte, sich sprachlich immer wieder neu auf Situationen einlassende, einen Mensch-Natur-Kosmos poetisch zum Ausdruck bringende Erzählung rechtfertigen. „12 Menschen in einer Nacht“ dagegen versammelt komplett naturalistische Texte, hier ein Tier erzählen zu lassen, wirkt einfach schrecklich gezwungen. Und natürlich ist die Sprache des Pferdes, sein Reflexionsniveau und die Art und Weise, wie Pferde miteinander umgehen, anscheinend genau die der Menschen. So heißt es etwa ernsthaft in dieser Erzählung:

“Anfangs schauten die anderen Pferde von oben auf mich herab. Sie lachten [!], wenn ich vorbeikam, und nannten mich »das Pony«.”

Come on.

Nicht nur bei diesem Text bekommt man manchmal den Verdacht, die einzelnen Kurzgeschichten hätten größtenteils Bestand gehabt, ehe die Rahmenhandlung erfunden wurde. Mit dem Setting der Tankstelle und der Autobahn haben viele der Texte nichts zu tun, sie könnten ebenso gut in einer anderen Sammlung stehen.

Warum ist dieser Roman nicht schrecklich, sondern trotzdem noch „ok“? Einige der Einzeltexte sind ganz interessant, es gibt Momente, da kommt das Ganze immerhin teilweise zusammen und die Autorin hat sich außerdem kurz gefasst. Dennoch: Im Großen und Ganzen leider verschenktes Potential.

Bild: Pixabay.

Ein Kommentar zu „„23 Uhr – 12 Menschen in einer Nacht“ versammelt Erzählungen mit wenig Zusammenhalt. Verschenktes Potential.

  1. Of interest –  How German is it

    Walter Abish

    Walter Abish (* 24. Dezember 1931 in Wien, Österreich; † 28. Mai 2022 in New York City, New York, Vereinigte Staaten) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Postmoderne.

    Die Grundpfeiler seiner Romane sind fremde Länder und ihre Kulturen. Selbst besucht hat er Mexiko und Deutschland vor der Fertigstellung der Bücher nie. Eine topographisch-realistische Darstellung kann somit nie sein Ziel gewesen sein. Ihm schien es vielmehr darum zu gehen, der Sprache ihre wirklichkeitskonstituierende Macht zu nehmen. Durch die Fremdheit der Orte fasziniert, werden auch die Leser von diesen Gefühlen beeinflusst und damit gefesselt. Sowohl die Faszination fremder Topographien als auch der Konstruktcharakter der Texte lassen sich biographisch erklären.

    Inhaltsverzeichnis – 1Leben – 2Werke – 2.1Aufsätze – 2.2Interviews

    3Literatur – 4Weblinks – 5Einzelnachweise

    Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Als Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Wien verließ Walter Abish nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 seine Heimat. Die Familie emigrierte über Italien und Nizza 1940 nach Shanghai; das war auch ohne Visum möglich. Er verließ China 1949 und lebte anschließend in Israel, wo Walter Abish auch Wehrdienst leistete. Er ging 1956 nach England und wurde 1957 in den USA sesshaft. 1960 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Abish lehrte unter anderem an der Columbia University, der Brown University und der Yale University.

    Ein Architekturstudium in Israel mag vielleicht erklären, warum seine Houses of Fiction (Henry James) wie auf dem Reißbrett konstruierte Entwürfe anmuten. Für den Roman How German Is It – Wie Deutsch ist es wurde Abish mit dem PEN/Faulkner Award geehrt. 1987 war er MacArthur Fellow. 1998 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

    Abish war mit der Fotografin und Konzeptkünstlerin Cecile Abish verheiratet, mit der zusammen er das Buch 99, the New Meaning veröffentlichte. Von ihr ist auch das Cover von How German Is It. Abish starb Ende Mai 2022 im Alter von 90 Jahren im New Yorker Stadtteil Manhattan.[1]

    Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten] – Duel Site, Tibor de Nagy Editions, New York, 1970. Gedichte, 28 S., in 300 Exemplaren. – Alphabetical Africa, New Directions, New York, 1974 – Alphabetical Africa = Alphabetisches Afrika, übersetzt von Jürg Laederach, Urs Engeler Verlag, Basel, 2002

    Minds Meet, New Directions, New York, 1975 – Das ist kein Unfall. Erzählungen 1971–1975, Hohenheim-Edition Maschke, Köln 1982. Repr. als: Das ist kein Zufall, Suhrkamp, Frankfurt, 1987
    In the Future Perfect, New Directions, New York, 1977 – Quer durch das große Nichts, Suhrkamp, Frankfurt, 1983
    How German Is It, Wie deutsch ist es, New Directions, New York, 1980 – – In the English Garden, Fiction International, Nr. 4/5, 1975, S. 35–49 – The Idea of Switzerland, Partisan Review, Jg. 47, 1980, S. 57–81. (Vorarbeiten)

    Wie Deutsch ist es, Hohenheim-Edition Maschke, Köln 1982

    99, The New Meaning, Burning Deck Press, Providence, Rhode Island, 1990 – 99, der neue Sinn, Literarisches Colloquium Berlin, Berlin, 1990
    Eclipse Fever, Alfred A. Knopf, New York, 1993 – Sonnenfieber, Rowohlt, Reinbek 1994
    Double Vision. A Self Portrait, Alfred A. Knopf, New York, 2004. Erinnerungen.

    Aufsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten] – Self-Portrait. In: Individuals: Post-Movement Art in America, Alan Sondheim (Hrsg.), Dutton, New York, 1977. – The Writer-To-Be: An Impression of Living. In: Sub-Stance, Nr. 27, 1980

    Interviews[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten] – Jerome Klinkowitz, The Life of Fiction, University of Illinois Press, 1977, S. 59–71. – Wie Deutsch Ist Es, Semiotext(e), Nr. 4, 1982

    Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten] – Alain Arias-Masson: The Puzzle of Walter Abish: In the Future Perfect, Sub-Stance, Nr. 27, 1980. – Richard Martin: Walter Abishs unmäßige Fiktionen. In: Der zeitgenössische amerikanische Roman, Gerhard Hoffmann (Hrsg.), Wilhelm Fink, München, 1988, Bd. 3, S. 7–21. – J.C. Schöpp: Ausbruch aus der Mimesis: Der amerikanische Roman im Zeichen der Postmoderne. München 1990. – Leonard Orr: Walter Abish, in: Contemporary Jewish-American Novelists, Joel Shatzky u. Michael Taub, Eds, Westport, Conn.: Greenwood, 1997, P, 1–7 (mit sehr guter Bibliographie, Englisch). – Robert Leucht: 99 Arten das Ich und die Welt zu erfinden. Walter Abish: Materialien und Analysen. Bonn 2008, ISBN 978-3-938803-05-9.

    Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten] – Literatur von und über Walter Abish im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek – Aaron Retica interview, englisch

    Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten] – ↑ Alan Cowell: Walter Abish, Daring Writer Who Pondered Germany, Dies at 90. In: The New York Times. 31. Mai 2022, abgerufen am 1. Juni 2022(englisch). Normdaten (Person): GND: 124116124 | LCCN: n80102276 | NDL: 00887944 | VIAF: 96215590 | Wikipedia-PersonensucheKategorien:  – Autor – Literatur (20. Jahrhundert) – Literatur (Englisch) – Literatur (Vereinigte Staaten) – Roman, Epik – Autobiografie – Hochschullehrer (Brown University) – Hochschullehrer (Yale University) – Hochschullehrer (Columbia University) – Österreichischer Emigrant zur Zeit des Nationalsozialismus – Mitglied der American Academy of Arts and Sciences – US-Amerikaner – Geboren 1931 – Gestorben 2022 – Mann

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