Interessant, doch ohne die Vielschichtigkeit von „Weiches Begräbnis“. „Wütendes Feuer“ von Fang Fang.

In „Wütendes Feuer“ erzählt Fang Fang die Geschichte der jungen Frau Yingzhi, die durch eine frühe Schwangerschaft in eine schreckliche Ehe gezwungen wird und von da an wenig Gutes erlebt. Wir treffen Yingzhi auf den ersten Seiten im Gefängnis, der Rest des Textes soll uns erzählen, wie sie dorthin gekommen ist.

Yingzhi hat gerade begonnen, statt weiter zur Schule zu gehen, eine Karriere als Sängerin in der Gruppe von San Huo anzustreben. Das lässt sich gut an, sie verdient einiges Geld. Nach einigen Auftritten schläft sie auf dem Heimweg mit Guiqings, und ein paar Monate später stellt sie fest, dass sie schwanger ist. Ohne das wirklich zu wollen lässt sie sich auf den Druck beider Familien hin auf die Ehe mit Guiqings ein.

In dieser hat sie von Anfang an nicht nur die Launen ihres Ehemanns zu dulden, der ein Herumtreiber ist und sie mehrfach schlägt, sondern auch der neuen Familie, die auf sie herab sieht. Die Art und Weise, wie diese Familie die Frau unterdrückt ist allerdings aus allen mir bekannten Lektüren recht einzigartig. Werden Frauen meist eher von höherer Bildung und Arbeit ausgeschlossen und Männer erlernen Berufe, versucht die Familie unter anderem Yingzhi dazu zu zwingen, auf den Obstplantagen der Familie das Handwerk zu lernen und in eine leitende Position hineinzuwachsen, damit der Sohn weiter seinem Müßiggang frönen kann. Yingzhi aber sperrt sich dagegen und wird stattdessen wieder Sängerin. Das wird noch zu vielen Eifersuchtsszenen führen.

Tatsächlich singt Yingzhi aber nicht nur. Sie beginnt sich in immer weiter reichenden Graden zu körperlich zu verkaufen, um zuerst Geld für ein eigenes Haus anzusparen und später, als auch das ihre Situation nicht wirklich verbessert, um in den Süden zu fliehen. Der Plan misslingt und zum Schluss wissen wir dann genau, warum Yingzhi im Gefängnis sitzt.

Diese ganze Geschichte wird in einer Nüchternheit und Bodenständigkeit erzählt, die es schwer macht, sich klar darüber zu werden, ob hier eine besonders krasse Geschichte oder in übersteigerter Form gewissermaßen ein typischer Fall erzählt werden soll. Besonders würde mich das natürlich bezüglich der Tatsache interessieren, dass die Frauen das Handwerk lernen, damit Männer nicht arbeiten müssen. Satirische Überspitzung, um auf fehlenden Respekt für die Arbeit von Frauen hinzuweisen, oder im ländlichen China der Zeit der Erzählung üblich? Gesellschaftliche wie intime Verhältnisse in „Wütendes Feuer“ sind voller Gewalt, die Sprache manchmal derb und das Liebesleben überraschend freizügig. Manchmal mischt Fang Fang in diesen ansonsten sehr deprimierenden Text Momente der Landschaftsbeschreibung, deren Schönheit dadurch umso stärker strahlt.

Im Ganzen hat mich wütendes Feuer dennoch nicht gleichermaßen überzeugt wie „Weiches Begräbnis“, das ich hier besprochen habe. Dem Text fehlt die Vielseitigkeit, über 200 Seiten wird vor allem gezeigt, wie schrecklich die Welt zu Yingzhi ist. Das mag als Zeitdiagnose notwendig sein, literarisch fehlt dem über die lange Strecke dann irgendwann doch die innere Spannung.

Im Nachwort verortet Übersetzer Michael Kahn-Ackermann „Wütendes Feuer“ Anfang der 90er Jahre, wobei im Text jeglicher genauer Zeitmarker fehlt. Die Verhältnisse auf dem Dorf zumindest könnten ebenso gut in eine Zeit Jahrzehnte oder Jahrhunderte früher passen, allein, dass man weiß, dass es irgendwo Städte gibt und dort solche Dinge wie Kühlschränke oder Computer markiert den Text als modern, und erlaubt daneben auch Yingzhi und uns mit ihr an eine andere Welt zu denken, an eine Flucht überhaupt zu glauben.
Wie schon bei „Weiches Begräbnis“ handelt es sich bei „Wütendes Feuer“ keinesfalls um einen Text, der gegen den chinesischen Staat gerichtet ist. Das ist erwähnenswert, da die in China sehr erfolgreiche Fang Fang ganz gerne als „Dissidentin“ vermarktet wird (im Falle dieses Romans zum Glück nicht, das Nachwort weist sogar ausdrücklich darauf hin, dass sie keine ist, auch wenn sie aufgrund ihres „Wuhan Diary“ Probleme bekam). Ja, dass eine neue Zeit angebrochen sein und das Verhältnis von Mann und Frau auch ein anderes sein könnte, auf diese Hoffnung stützt sich Yingzhi im Verlauf des Romans sogar mehrfach und spricht das deutlich aus. Die Stoßrichtung der Kritik ist mehr, dass man von der neuen Zeit, die der chinesische Staat versprochen hat, auf dem Dorf nichts spürt, dass stattdessen all die archaische Gewalt weiter existiert, die der Sozialismus versprochen hat abzuschaffen.

„Wütendes Feuer“ ist sicher kein Must-Read, aber doch ein lesenswertes Buch, wenn man es in die Hand bekommt. „Weiches Begräbnis“ ist allerdings wie gesagt ein gutes Stück besser.

Bild: Pixabay.

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