Brutale Familienverhältnisse im Nordirland-Konflikt. „Amelia“ von Anna Burns.

„Amelia“ von Anna Burns ist ein durchaus interessanter Roman. Er verfolgt das Leben der Figur, die dem Text den Namen gibt, während der „Troubles“ in Nordirland, also der Kämpfe der IRA gegen Großbritannien, gegen protestantische Iren und, darin ist der Text sehr deutlich, immer wieder auch untereinander und gegen die „eigenen“ Leute, die den Wegen der IRA dennoch nicht folgen wollen.
Der Roman ist sehr gewaltvoll. Nicht unbedingt in der Darstellung expliziter Gewalt, obwohl das auch reichlich vorkommt, allerdings nicht im Sinne von Splatter. Aber quasi alles, was gezeigt wird, ist von Gewalt durchdrungen. Die politischen Beziehungen. Die freundschaftlichen Beziehungen. Die Liebesbeziehungen. Die familiären Beziehungen. Die kinderreiche Familie Lovett, aus der Amelia stammt, hat eine Fehde mit Verwandten am Laufen, die der Gewalt der IRA in nichts nachsteht. Die Brutalität, mit der die Geschwister miteinander umgehen ist ebenfalls krass. Prügeleien an der Schule sind an der Tagesordnung und Ausschreitungen werden von den Jugendlichen als Event erfahren. Übrigens ist Gewalt hier nicht etwas, das Männer ausführen und Frauen erleiden. Auch für junge Frauen ist es ein Traum, Mitglied der IRA zu werden, später sind einige dort sehr aktiv, andere schlagen den Weg als einfache Verbrecherin ein, da ihnen der Kodex der IRA zu strickt ist. Und die Mutter erklärt Amelia früh, wie man aus gewaltsamen Auseinandersetzungen siegreich hervorgeht.

Amelias Lebensgeschichte ist sehr bruchstückhaft erzählt. Die einzelnen Kapitel springen von Jahr zu Jahr, manchmal werden auch mehrere Jahre übersprungen. Und das stört nicht durchweg, das Schlaglichtartige hat etwas für sich, wenn es darum geht, eine solch chaotische Zeit zu erzählen. Brüche werden durch Brüche vermittelt. Manchmal ist es aber doch zuviel des Guten, etwa wenn ein Kapitel sich dem entgleisten Trinkverhalten Amelias widmet und schließlich klar wird: Das ist eine Sucht, die nur noch durch Entzug und Therapie in den Griff zu bekommen ist. Das nächste Kapitel beginnt aber dann:

“Sie runzelte die Stirn, und sie war betrunken. Aber nicht vom Alkohol. Amelia Lovett hatte seit einem Jahr, einem Monat und einem Tag keinen Alkohol mehr getrunken. ”.

Hier, wie an einigen anderen Stellen, stellt sich der Eindruck ein, dass der Roman letztendlich mit den Zeitsprüngen auch die entscheidendsten Charakterentwicklungen all zu lässig beiseite schafft. Amelia steht oft vor großen Problemen, überwindet die meisten aber auch irgendwie. Allerdings erleben wir niemals mit, w i e sie diese überwindet, sondern bekommen die Hauptfigur in einer neuen Situation gezeigt, in der das Problem schon überwunden ist.

Am besten funktionieren die Kapitel, die sich fast als eigenständige Kurzgeschichte lesen lassen, etwa die Geschichte einiger Jugendlicher, die sich als Ordnungshüter aufspielen, und dafür von der IRA zum „knee-capping“ bestellt werden. Das war eine brutale Praxis, bei der quasi als außergerichtliche bzw. alternativ-gerichtliche Bestrafung dem „Deliquenten“ die Kniescheiben zerschossen wurden. Man kann sich dem nicht entziehen, denn darauf steht die Todesstrafe. So finden sich die Jugendlichen zu einem letzten Besäufnis ein, um dann hoffentlich so wenig Schmerzen wie möglich zu haben. Enggeführt wird das mit der Geschichte eines IRA Kassenwartes, der die Kasse verzockt hat und seinen Selbstmord plant und einer anderen Gruppe Jugendlicher, die das russische Roulett für sich entdeckt hat.

Eine gewisse Schwierigkeit bereitet derweil das Kapitel „Mr Hunch auf dem Vormarsch, 1980“, das nahelegt, dass all die anderen Kapitel in Wahrheit dem Kopf Vincents, einem der Lovett-Geschwister, in einer psychiatrischen Einrichtung entspringen, der damit was auch immer verarbeitet. Man kann das für den Roman vielleicht positiv deuten, als dass es sich mit der Problematik beschäftigt, die objektiv „verrückten“ Zustände der troubles Menschen außerhalb dieser Zusammenhänge begreiflich oder auch nur plausibel zu machen. Dennoch hängt das Kapitel ziemlich in der Luft, der Roman geht danach wieder weiter wie zuvor und die Psychiatrie-Episode wird nicht wieder aufgegriffen.

Bedacht werden sollte auf jeden Fall noch, dass sich der Roman auf Englisch höchstwahrscheinlich deutlich anders präsentiert. In der deutschen Version haben wir eine standarddeutsche Erzählstimme und Figuren, die die Sprache oft in pseudo-umgangssprachlicher Weise verkürzen (à la „was hastn?“, „wer bistn du“ u.ä.). Ich gehe stark davon aus, dass hier im Original ein lokal irisch sowie sozial gefärbtes Englisch steht. Das lässt sich natürlich schlecht übersetzen, und diese Variante ist neben der Möglichkeit, einfach einiges auf Englisch zu belassen, wahrscheinlich die Beste. Es liest sich trotzdem etwas gezwungen. Wo im Original wahrscheinlich local color die Atmosphäre verstärkt, ist Pseudo-Standard-Umgangssprache im Deutschen der Atmosphäre eher abträglich. Wie gesagt, keine Kritik an der Übersetzung, es gibt für so etwas keine wirklich saubere Lösung.

Im Großen und Ganzen also ein interessanter Roman. Wer sich noch nicht mit nord-irischer Geschichte beschäftigt hat, könnte gewisse Schwierigkeiten bekommen, allerdings kann man sich natürlich parallel zur Lektüre informieren. Ansonsten ein intensiver Einblick, der sich nicht nur jeglicher Beschönigung sondern auch jegliche ideologischer Betrachtung verwehrt. Über Politik wird praktisch nicht gesprochen, alles wird aus den Augen einer zwar durch ihr Aufwachsen ihre politische Seite kennenden, doch ansonsten völlig unpolitischen Figur sehr unmittelbar erlebt. Natürlich schimmert Politik dahinter hervor. Aber oft sehr vermittelt. Das Kapitel „Ein Friedensprozess“ etwa berichtet von nichts als einem Familienausflug, auf dem die Lovetts sich ausnahmsweise mal nicht an die Gurgel gehen. Erzählerisch bzw. strukturell überzeugt der Text dagegen nicht, und man mag ihm vorwerfen, dass er vor allem durch die Drastik Interesse erzeugt.

Bild: Pixabay.

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