Eins starker politischer Roman, zahlreicher erzählerischer Schwächen zum Trotz. „Die Mandarins von Paris“ von Simone de Beauvoir.

Dass Simone de Beauvoir auch Romane geschrieben hat, ist glaube ich im deutschsprachigen Raum heute nicht mehr sonderlich bekannt. Ihr belletristisches Hauptwerk, wenn man das so sagen kann, „Die Mandarins von Paris“, hat sogar 1955 den bedeutendsten französischen Literaturpreis errungen, den Prix Goncourt. Ich habe das Buch schon länger auf meiner Liste, aber aus verschiedenen Gründen dann doch immer wieder geschoben. Erstens: 1100 Seiten. Zweitens: Wenn PhilosophInnen Romane schreiben, geht das selten gut, und lange Bücher machen da besonders Sorgen. Denn dann werden die Figuren oftmals zu Sprachrohren der Philosophie, die nur etwas einfacher verpackt einem breiteren Publikum präsentiert werden soll. Und definitiv: auch „Die Mandarins von Paris“ teilt diese Schwäche, allerdings handelt es sich trotzdem um keinen ganz uninteressanten Text und wenn man ein wenig Interesse an Résistance, der französischen Nachkriegszeit und besonders den Strömungen der Linken dieser Zeit mitbringt, wird man sich trotz der Länge des Romans wahrscheinlich nicht langweilen. Überhaupt ist über die Breite des Werks betrachtet de Beauvoir wohl weniger eine Philosophin, die auch mal Romane schreibt, sondern eine Romanschriftstellerin (5 bzw. 7 insgesamt), die auch politische Philosophie betreibt.

Résistance nach dem Krieg

Darum geht es grob: Eine Gruppe Intellektueller hat in der Résistance zusammen gegen die Nazis gekämpft, nun freut man sich, dass der Krieg vorbei ist, doch nach einer viel zu kurzen Phase der Illusion stellt man fest, dass es sich nicht weiterleben lässt wie zuvor. Robert sucht eine Vereinigungs-Bewegung der Linken auf die Beine zu stellen, die sich von den moskautreuen Sozialisten abgrenzt, aber gleichzeitig mit diesen nicht verfeindet sein möchte. Henri hat sich durch Robert politisieren lassen und fragt sich nun, ob er noch weiter Romane schreiben kann. Noch größere Sorgen deswegen hat seine Lebensgefährtin Paule, mit der jener allerdings nur noch aus Pflichtgefühl zusammen ist, was diese aber verdrängt. Anne ist Psychiaterin, ringt ebenfalls mit ihrem Verhältnis zur Politik und lebt mit Robert. Nadine, die Tochter von Anne und Robert, lebt ein unstetes Leben mit vielen Liebhabern, Alkohol und womöglich auch anderen Drogen und sucht sowohl persönlich als auch politisch ihre Verortung.

Es ist am Anfang wirklich schwer, mit diesen und vielen weiteren Figuren warm zu werden, während wir sie auf einer großen Party kennenlernen. Denn tatsächlich treten sie anfangs und später auch immer wieder als Thesenautomaten auf. Auch atmosphärisch stark gestaltete Szenen sind selten im Roman. Eine Beschreibung wie auf der ersten Seite:

“Henri blickte ein letztes Mal zum Himmel hinauf: ein schwarzer Kristall. Tausend Flugzeuge, die die Stille verwüsteten – man konnte es kaum glauben; doch in seinem Kopfe schwirrten mit fröhlichem Geräusch die Worte: Stillstand der Offensive, deutsche Niederlage, ich werde abreisen können. An der Ecke des Quais drehte er sich um. Es würde in den Straßen nach Öl und Orangenblüten riechen, die Leute würden schwatzend auf erleuchteten Terrassen sitzen, bei Gitarrenmusik würde er richtigen Kaffee trinken. Seine Augen, seine Hände, seine Haut hatten Hunger: Wie lange hatte die Fastenzeit gedauert! Langsam stieg er durch das kahle Treppenhaus nach oben.”

bekommt man danach vielleicht alle 100, mit Glück 50 Seiten mal wieder zu lesen, der Rest ist Dialog oder Gedankenwiedergabe. Die Figuren bleiben dadurch lange blass, sind vor allem durch ihre Meinung voneinander abgegrenzt und bekommen wenig andere äußerliche wie innere Eigenschaften. Irgendwann aber gibt sich das Problem, die reine Masse der Informationen schafft schließlich halbwegs wiedererkennbare Charaktere.

Konflikt ohne vordergründige Parteinahme

Die Debatten sind allerdings größtenteils durchaus interessant zu lesen, wenn auch eher von der politischen Warte. Beauvoir lässt alles aufeinanderprallen, was die französische Linke hergegeben haben dürfte und lässt uns dabei schmerzlich miterleben, warum es so schwer ist, auf der linken Seite des politischen Spektrums so etwas wie eine Einheit herzustellen. Die Positionen sind sehr breit gefächert und oft aus guten Gründen unversöhnlich. Wie sollte etwa der aus der Sowietunion geflohene Scriassine jemals akzeptieren können, dass Robert, Henri und ihre Sammlungsbewegung nicht vollends zur Sowjetunion auf Distanz gehen? Scriassine verfolgt eine „linke“ Vission, die man heute wahrscheinlich neokonservativ nennen würde. Er geht fest davon aus, dass der zweite Weltkrieg innerhalb kurzer Zeit in den dritten mündet, und Europa sich nur entscheiden kann, ob es sich einer sowjetischen oder einer amerikanischen Hegemonie zuwendet. Das zweite scheint ihm das deutlich kleinere Übel. Nur wenn der Einzelne zumindest noch etwas gilt, könne man politisch irgendwann wieder eine linke Vision verwirklichen. Robert und Henri glauben demgegenüber, dass sich ein soziales Europa zwischen den Blöcken positionieren müsse, wollen aber, um die Keimzelle dafür zu legen, die Arbeiterschaft nicht vergraulen, die damals noch größtenteils der Kommunistischen Partei zugewandt ist. Und so weiter und so fort. Das ist wirklich nur ein kleiner Ausschnitt. Es gibt zahlreiche Subplots, etwa um Nadine, die mit einer Gruppe sympathisiert, die sich bei Nacht und Nebel an Kollaborateuren rächt, besonders solchen, die Juden verraten haben, und um Paule, die der gesamte Freundeskreis gern wieder dazu bringen würde, auf Bühnen zu singen und noch einige mehr. Besonders geht es auch viel um Sex und Liebe und das Verhältnis dazu, wobei sich diese Passagen auch oft ein bisschen mechanisch lesen.

Und natürlich geht es um „Freiheit“. Denn bekanntlich rechnet man Simone de Beauvoir zumindest mehr oder weniger dem Existenzialismus zu. Das sind vielleicht die anstrengendsten Stellen des Romans, denn existenzialistische Romane haben die Tendenz, das Konzept der existenzialistischen Freiheit auf das etwas kindische Niveau herunterzubrechen, das die philosophischen Schriften vielleicht nur durch große Worte kaschieren. Das ist nicht de Beauvoirs Schwäche, Sartres Romane und Theaterstücke haben zB das gleiche Problem. In „Die Mandarins von Paris“ erschöpft sich die Frage nach der Freiheit und wie man seine unhintergehbare Freiheit existiert, leider oft genug in der Frage, ob man mit jedem ins Bett springen darf wann man will, oder ob man die Pflicht hat gewisse Rücksichten auf die Gefühle von Freunden und Geliebten zu nehmen. In den Sphären der Politik wird über Freiheit dagegen relativ wenig diskutiert, durchaus naheliegender Weise. Keine der Figuren kann sich nach Résistance und den historischen Kämpfen der Linken nach dem Krieg ernsthaft noch die Illusion machen, dass Freiheit ein Begriff ist, der das eigene Navigieren innerhalb dieses Feldes aus Zwängen und Minen adäquat beschreibt. Und zwar: Bis in die innersten Emotionen und Haltungen hinein (sonst wäre das bezüglich des Existenzialismus ja irrelevant). So kann man „Die Mandarins…“ durchaus sogar als dezidiert materialistischen, anti-existenzialistischen Text lesen, und so verstanden wird er besser.

Literarische Schönheit kommt „Message“ zu Gute

Ich möchte nicht verschweigen, dass „Die Mandarins von Paris“ trotz ihrer Seltenheit auch literarisch schöne Passagen kennt, denen es gelingt atmosphärische Beschreibungen und politische Komplexe zu verknüpfen. Hervorheben möchte ich besonders eine gemeinsame Ausfahrt nach Vercors, wo die Schönheit der Landschaft und die scheinbare Idylle des Dorflebens direkt mit schrecklichen Erinnerung an den Krieg verbunden wird, was dann wieder zu allgemeine Diskussionen zur Nachkriegssituation überleitet.

„«Wenn bloß Paule noch nicht zurück ist!», sagte er sich am nächsten Morgen, während er matt die Waldstraße entlangfuhr, deren schmaler Schattensaum kaum die wütende Hitze des Himmels abschwächte. Er hatte Dubreuilh und Anne vorausfahren lassen; allein drang er in die Lichtung ein. Auf dem grünen Gras zitterten Sonnenkringel, und er wusste nicht, warum sich sein Herz so zusammenzog. Es war nicht wegen der verbrannten Baracke, die vielen andern, sacht von der Gleichgültigkeit und der Zeit zerfressenen Ruinen glich. Vielleicht war es das Schweigen: kein Vogel, kein Insekt, man hörte nur, wie der Schotter unter den Reifen knirschte – ein überflüssiges Geräusch. Anne und Dubreuilh waren von ihren Fahrrädern abgestiegen und betrachteten etwas. Henri holte sie ein. Da sah er, dass es Kreuze waren: weiße Kreuze ohne Namen, ohne Blumen.
Vercors – Dieses Wort mit der Farbe verbrannten Goldes, der Farbe von Stoppelfeldern und Asche, das hart und dürr wie der Cevennenboden war, doch einen kühlen Modergeruch der Berge zurückließ, dieses Wort war nicht mehr der Name einer Legende. Vercors. Das war dieses Gebirgsland mit der feuchten, rötlichen Haut, mit den durchsichtigen Wäldern, wo die harte Sonne Kreuze aufwachsen ließ.
Schweigend entfernten sie sich. Der Weg wurde so steil, dass sie ihre Fahrräder schieben mussten. Die Hitze drang durch den bleichen Schatten hindurch. Henri fühlte über sein Gesicht den Schweiß rinnen, der auch auf Annes Stirn und den kupferfarbenen Wangen von Dubreuilh rieselte; und zweifellos war in allen ihren Herzen die gleiche Verstörung. Eine Wiese, so grün, dass man sein Zelt darauf errichten möchte. Eine jener unschuldigen und verborgenen Stellen, von denen man früher dachte: Hier wenigstens wird es dem Krieg, dem Hass niemals gelingen, sich einzuschleichen. Jetzt wusste man, dass es nirgends eine Zuflucht gab. Sieben Kreuze (…)”

Ich hätte mir solche Stellen öfter gewünscht, denn hier merkt man: De Beauvoir beherrscht auch die szenische Gestaltung. Ich glaube ihre Botschaften oder vielmehr ihre Diskussionen, denn der Roman versagt sich, sehr zu seinem Vorteil, einer Haltung allzu großes Übergewicht zu verleihen, wären dadurch noch deutlich intensiver geworden. Die Autorin selbst legt Robert den folgenden Gedanken in den Mund, den man bis heute linken Künstlerinnen und Künstlern immer wieder vorlegen möchte:

“«Wissen Sie, was geschehen wird?» [wenn man sich auf Thesenromane beschränkt, statt gute Geschichten literarisch ansprechend zu gestalten], fuhr Dubreuilh in heftigem Ton fort: «Die Bücher der Burschen von rechts werden schließlich wertvoller als unsere sein, und Leuten wie Volange wird die Jugend nachrennen!”

Auch „Die Mandarins von Paris“ hätte vertragen, das vielleicht noch ein bisschen mehr zu beherzigen.

Keine positiven Hauptfiguren

Trotz allem was kritisiert wurde ist der Text lesenswert. Zwar haben sich einige meiner Sorgen bewahrheitet, doch längst nicht in der Intensität, wie man es zu Beginn hätte befürchten können. Und nach einer Phase des Einlesens wird man warm mit den Figuren, der Blick auf die Debatten innerhalb der französischen linken der Nachkriegszeit wirkt sehr glaubhaft, und kommt offenkundig von einer Autorin, die sich auskennt. Und der Roman ist zwar ein politischer Roman, der sich oft in langen Diskussionen ergeht, aber dabei keinesfalls einer, der eine bestimmte Haltung predigt. Ja, tatsächlich kommen alle Hauptfiguren, obschon nach der Autorin selbst und ihrem direkten Umfeld gemodelt, über kurz oder lang ausgesprochen schlecht weg. Sie sind mindestens fehlerhafte, nicht selten sieht man sich aber sogar geneigt zu sagen: schreckliche Menschen. Robert bekommt umfassende und glaubhafte Informationen über das sowjetische Gulag-System zugespielt und versucht lange, sie unter den Tisch zu kehren, um das Verhältnis zur Partei nicht zu belasten. Henri, der hier noch darum kämpft, dass die gemeinsame Zeitschrift das moralisch Richtige tut und veröffentlicht, möchte einige Zeit später einen Verräter, der hunderte Juden in den Tod geschickt hat, in eine Kolonie entkommen lassen, weil er, wie überhaupt die ganze Gruppe, der Polizei derart misstraut, dass man den Verbrecher lieber laufen lässt (ihn selbst zu richten hat man zuvor ausgeschlossen, da die Zeit der Résistance vorbei sei). Eine allgemeine Paranoia, de Gaulle sei kurz davor eine Diktatur zu errichten und die Wahrscheinlichkeit, dass bald amerikanische Truppen Europa besetzen und den Faschismus zurückbringen, sei mindestens ebenso groß wie ein sowjetischer Einmarsch, führt zu allerlei idiotischen Entscheidungen. Nicht dass das, vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Figuren, die ja alle schon einmal erlebt haben, wie die Bürgerlichen die Regierungsgewalt den Faschisten geradezu herschenken, nicht irgendwie nachvollziehbar wäre. Aber gleichzeitig wirkt es schon im Roman bewusst grotesk, und nicht erst durch unseren historischen Wissensvorsprung. Und, ich wiederhole, was ich schon in anderen Texten zum Thema sagte: nur so kann politische Literatur überhaupt gelingen. Nicht als Anklage, sondern vordringlich als gesellschaftskritische Selbstkritik, als Übung, auch all die anderen Seiten zu sehen und empathisch und plausibel zu präsentieren, statt vor allem die eigene stark zu machen. Dafür gibt es Pamphlete und heute auch TikTok.
So aber drängt der Text Lesende zum eigenen Gedanken. Und mit Politik auf 1100 Seiten nicht zu langweilen, das ist in jedem Fall eine Leistung.

„Die Mandarins von Paris“ wird gemeinhin als Schlüsselroman gelesen, wobei Henri Camus zugeordnet wird, Robert Sartre, und Anne de Beauvoir selbst. Man findet sicher irgendwo den vollständigen Schlüssel. Ich habe noch nicht gesucht. Allerdings möchte ich der Autorin in der Ablehnung dieser Lesart folgen. Gut möglich, dass de Beauvoir viele Figuren stark an Freunde und Bekannte angelehnt hat. Aber wenn man etwas mehr ins Detail geht, lassen sich viele Lebensmomente nicht übersetzen. Wer möchte kann den Roman sicherlich auch mit diesem etwas voyeuristischen Blick lesen, um zumindest grob die Dynamiken zwischen einigen der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts in Frankreich zu ergründen.

Das war’s. Fazit: „Die Mandarins von Paris“ ist ein Text mit einigen Längen und Schwächen, die überraschenderweise dem Textganzen sehr viel weniger zum Nachteil gereichen, als sie es eigentlich sollten. Der Text ist, wenn man etwas politisches Interesse mitbringt, unterhaltsam, spannend, dialektisch und manchmal zwar etwas lang, doch selten langweilig. Kann man auf jeden Fall lesen und eignet sich etwa auch zu Lektüre nach oder vor „Der Vulkan“ von Klaus Mann, das ich vor kurzem hier besprochen habe.

Bild: Pixabay.

PS: Kürzlich wurde ein Roman de Beauvoirs veröffentlicht, der auf einem alten Manuskript basiert. Hier und hier habe ich Rezensionen gefunden.

Ein Gedanke zu “Eins starker politischer Roman, zahlreicher erzählerischer Schwächen zum Trotz. „Die Mandarins von Paris“ von Simone de Beauvoir.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Ich mochte „Alle Menschen sterblich“ von ihr sehr gern (aber die Lektüre liegt fast drei Jahrzehnte zurück). Bei „Mandarins“ bin ich bis zur Hälfte gekommen und wusste manchmal nicht weiter. Ich teile deine Analyse uneingeschränkt. Sartres „Wege der Freiheit“, oder wie diese Roman-Tetralogie heißt, hat auch seine Momente, finde ich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.