„Thinking Basketball“ – im Vergleich zum Youtube-Kanal des Autors leider etwas enttäuschender Einstieg in tieferes Basketball-Verständnis.

Von „Thinking Basketball“ bin ich leider viel weniger begeistert, als ich es erhofft hatte. Der Autor Ben Taylor ist einer der besten, wenn nicht sogar der beste Basketball-Youtuber. Auf seinem Kanal präsentiert er tiefe datengestützte Analysen des Spiels sowie einzelner Teams und Spieler verknüpft mit starken Erzählungen. Das Buch dagegen dürfte Freunden des Sports, die sich zumindest schon mal ein paar Tage mit systematischer Analyse und sogenannten „advanced stats“ beschäftigt haben, leider nicht viel Neues bieten. Es werden relativ typische Fehler beim Nachdenken darüber, was einen Spieler „gut“ macht, ausgebreitet und dekonstruiert. Also etwa der, die Stärke allein nach den Punkten eines einzelnen Spielers oder auch erweitert überhaupt nach dem boxscore (also Punkten, Rebounds und so weiter) zu beurteilen, von Team-Statistiken auf individuelle Stärke zu schließen (klassisches Beispiel die Zahl der gewonnenen Titel) und so weiter und so fort. Dabei dürfte wahrscheinlich die Einsicht, dass ein Spieler mit starken Statistiken sein Team dadurch Schwächen kann, und es stärken kann, indem er die eigene Produktion zurück fährt, für viele Fans die weitreichendste sein. Thinking Basketball erschien 2016 und vielleicht war das damals tatsächlich noch eine relativ neue Perspektive. Mittlerweile kenne ich kaum noch jemanden, der das nicht vertritt. Aber das kann man natürlich dem Buch nicht ankreiden. Im Großen und Ganzen handelt es sich durchaus um einen informativen Einstieg in das systematische Nachdenken über den Sport, aber wer sich regelmäßig in der Basketball-YouTube-Bubble herumtreibt, erfährt eben nichts Neues.

Ankreiden kann man im Buch ein paar eigene Fehlschlüsse. Beispielhaft hervorheben möchte ich dabei die Diskussion darüber, ob es Sinn macht, sich auf “Clutch Plays”, also späte Punkte in einer knappen und bedeutenden Partie und andere relevante Aktionen in diesem abgesteckten Rahmen zu konzentrieren, um die Güte eines Teams oder eines Spielers anteilsweise mitzubestimmen. Taylors Perspektive ist ganz klar: nein. Dabei versucht er aufzuzeigen, dass natürlich zwei Punkte zu Beginn der Partie nicht mehr oder weniger wert sind für das Gesamtergebnis als zwei Punkte, die als „Buzzerbeater“, also mit dem Auslaufen der Spielzeit, gebracht werden. Das klingt plausibel.

Würden die zwei Punkte zu Anfang fehlen, würden die zwei Punkte zum Schluss nicht helfen. Man verlöre dann mit zwei Punkten. Aber genau diese Überlegung sollte schon ins Stolpern bringen. Würden die zwei Punkte zu Anfang fehlen und das Spiel genau gleich verlaufen, würde ja zum Schluss überhaupt kein Buzzerbeater als zwei Punkte Wurf versucht. Ein Dreier wäre nötig. Die gesamte „Crunchtime“ würde sich anders entfalten. Und in Wahrheit natürlich das gesamte Spiel. Taylor spricht sich vehement gegen die Idee aus, ein Rückstand nach dem ersten Viertel sei weniger bedeutend, da man den ja noch aufholen könne. Doch wer schon einmal länger in einem Teamsport aktiv war, weiß, dass das nicht stimmt. Es stimmt ex-post, wenn man die Statistik entkontextualisiert und ein dynamisches Spielgeschehen in ein statisches überführt. Doch wer früh hinten liegt kann zB trotzdem noch entspannt aufspielen. Eine gute Motivationsrede des Coaches, vielleicht lässt sich das Spiel noch drehen. Natürlich kann auch das Gegenteil wahr sein: Wer früh w e i t hinten liegt und zugleich das Gefühl vermittelt bekommt, dass das andere Team unschlagbar ist, steckt auf, obwohl das nicht nötig wäre. Punkte zu Anfang des Spiels können also je nach Situation sehr viel oder sehr wenig „wert“ sein. Die Punkte gegen Ende des Spiels stehen aber, und diese Einschränkung muss gemacht werden – wenn das Spiel w i c h t i g ist und wenn das Spiel k n a p p ist – unter einem besonderen Zeichen, was auch jeder Sportler schon mal erlebt haben dürfte: Psychischer Druck und besonders harte Gegenwehr des Gegners. In der Retrospektive beim einfachen zusammenrechnen der Zahlen sind natürlich zwei Punkte immer zwei Punkte wert. Aber wer es schafft, in der besonderen Situation eines knappen Spiels die Nerven zu behalten und vielleicht sogar noch bessere Zahlen abzuliefern als im Rest des Spiels hat durchaus eine gewisse besondere Aufmerksamkeit verdient. Taylor aber macht nicht nur den Fehler, ein dynamisches Geschehen, das durch jeden Punkt verändert wird, im Nachgang in ein statisches Geschehen umzudeuten. Gleichzeitig definiert er die Crunchtime in einer Weise, die es ihm leicht macht zu beweisen, es gäbe faktisch keinen statistischen Zusammenhang zwischen erfolgreichen Teams und starken Teams in der Crunchtime. Er zieht nämlich für seine Vergleiche die letzten 5 Minuten eines j e d e n Spiels heran. Da sind also längst entschiedene Spiele ebenso dabei wie vollkommen irrelevante Spiele unter Teams, die sich sowieso keine Chancen mehr auf die Playoffs ausrechnen und so weiter und so fort. Wenn man das Thema aber ernsthaft diskutieren möchte, darf man nur auf bedeutende Spiele die bis zum Ende knapp bleiben gucken. Denn nur da entfaltet sich der besondere psychische Druck und die besondere Gegenwehr des Gegeners. Und es macht absolut Sinn in solchen Momenten Spieler haben zu wollen, die damit umgehen können. Was übrigens nicht heißen muss, vermehrt ins ineffektive 1 gegen 1 zu gehen. Nervenstark kann auch ein Team sein, das sein System nicht aufbricht, bloß weil man kurz vor Schluss zurück liegt, weil es weiß und Vertrauen hat, dass das Zusammenspiel effektiver ist als den „Star“ 1 gegen 1 zu isolieren.
Nun möchte ich nicht sagen, dass nicht möglicherweise auch eine solche Analyse zeigen könnte, dass es irrelevant ist, wer zum Schluss die „Nerven“ behält. Ich fürchte allerdings, es gäbe ein anderes Problem: Man fände er eine sehr starke Korrelation, die allerdings auch wenig aussagt. Denn tatsächlich deckt sich ja einfach die Definition: Wir ein knappes Spiel im letzten Moment gewinnt hat die Nerven behalten. Wer die Nerven behält gewinnt ein knappes Spiel im letzten Moment. Das Problem dürfte also eher sein, dass die Faktoren Psyche und erhöhte Gegenwehr sich sehr schwer statistisch abbilden lassen.

Es gibt noch 1 oder 2 weitere solche Stellen im Buch, aber der Text soll nicht länger werden als notwendig und auch nicht durch übermäßige Kritik den Eindruck erwecken, es handele sich um ein schwaches Buch. Wer in die erweiterte Analyse des Basketball einsteigen möchte findet hier sicher einen guten ersten Begleiter.

Bild: Pixabay.

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