Stefan Georges r a d i k a l e Lyrik, nebst einer Bemerkung zum Nationalsozialismus Gottfried Benns.

Dass Stefan George mindestens ein stockkonservativer Reaktionär war, darüber dürfte sich niemand mehr streiten. Mancher würde ihn sogar einen Faschisten nennen, aber mit seiner Politik ist es tatsächlich nicht ganz einfach. Selbst für einen Faschismus italienischer Prägung wäre er wohl zu elitär gewesen, mit dem Nationalsozialismus wäre er womöglich noch heftig aneinandergeraten, hätte er länger gelebt. Für einen „Konservativen Revolutionär“ war er zu politikfaul, und trotzdem zielte seine Ästhetik wie auch das damit durchaus verbundene Gesellschaftliche nicht nur ästhetisch aufs Totale, sondern strukturell aufs Totalitäre. Doch ein Reaktionär war er eigentlich ja auch nicht. Sondern ästhetisch wie gesellschaftlich doch eher ein Revolutionär. Geistig und formal ließ er keinen Stein auf dem Anderen, nur dezidiert politisch wollte er nicht werden bzw. sein und wurde es letztlich auch gerade dadurch. Der Nationalsozialismus hatte durchaus gute Gründe, ihn zu verehren, und was ihm heutige Jünger in seiner Ablehnung der Präsidentschaft der Sektion Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste 1933 als Distanzierung auslegen, werde ich niemals als solche lesen können:

„(…)[D]ie ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht (…) das märchen vom abseitstehen hat mich das ganze leben begleitet.“

Dafür brauch es schon einige geistige Verrenkungen, die dem Dichter eine weitsichtige Taktik unterstellen, für die es kaum Indizien gibt. Auch über Georges Lyrik ist dann das Verdikt schnell gesprochen. Altertümlich, eintönig, langweilig. Hat uns heute nichts mehr zu sagen.

Die zeitgenössische und historische Wirkmacht

Nur: das stimmt nicht. Und das ist nicht einfach eine Meinung, über die man streiten kann. Es ist falsch. Nachweislich falsch.
Einmal: in Georges Zeit. Damals war, was George sprachlich schuf, sicherlich mit das radikalste, was in deutscher Sprache vorlag. Und zwar genau in dem Sinn, in dem sonst das Wort radikal besonders von links so verehrt wird: George schuf nicht einfach krasse neue Verse, zielte anders als die Avantgarden, nicht aufs Spektakuläre, sondern ging dem Gedicht mit all seiner Geschichte und Tradition an die Wurzel. Und er rezipierte und übersetzte zugleich die internationale Moderne seinerzeit sehr emsig, und schuf sich aus einer bis dahin selbst bei den feineren Dichtern noch eher groben deutschen Literatursprache, die eigentlich nur auf den Endreim hin zu komponieren wusste, ein unglaublich differenziertes Klanggefüge, das er zugleich wieder in feste, doch längst nicht durchgängig traditionelle, formale Bande zu binden wusste.
Dann falsch auch im historischen Ausblick. Denn viele Formen, die dieser angeblich heute so bedeutungslose Dichter als erster verwendete und popularisierte, finden sich dann ausgerechnet bei Autoren wieder, die George ferner nicht stehen zu können glauben mögen, aber sich doch sehr frei beim georgeschen Schatz bedienen. Ein Beispiel ist der früh verstorbene linke Modernist Rainer Maria Gerhardt.

Nazi-Benns Lob und das Gefühl der Leere

Vielleicht haben auch Sie ja auch schon mal den Versuch gemacht, sich schnell durch das Werk Georges zu arbeiten und festgestellt, dass Sie praktisch leer wieder herausgehen. Keine Erinnerung an die Inhalte der Texte. Vielleicht ein Nachklingen von Rhythmen und Melodien. Aber sonst nicht viel. Wenn man 20 oder 30 George-Gedichte hintereinander liest, verschwimmt alles zu einer Soße. Gottfried Benn hat das in der negativst möglichen Weise ausgelegt: Er verglich die Strenge der Lyrik Georges mit dem Gleichschritt der SA:

„Dieser Geist ist ungeheuer allgemein, produktiv und pädagogisch, nur so ist es zu erklären, daß sein Axiom in der Kunst Georges wie im Kolonnenschritt der braunen Bataillone als ein Kommando lebt. Es ist der Geist des imperativen Weltbildes, das ich kommen sehe.“ [vgl.]

Der Nazi Benn meinte das aber als Kompliment. Ja – falls das schon wieder vergessen wurde: Während man über Georges politische Ausrichtung streiten mag, wenn auch auf einem engen Korridor, Gottfried Benn ist über alle Zweifel erhaben: Ein Nazi wie er im Buche steht. In welchem Buch? Etwa noch in Gottfried Benns nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienenen Selbstrechtfertigungs-Biografie „Doppelleben“:

„(…) der Nationalsozialismus [war] ein echter und tief angelegter Versuch, das wankende Abendland zu retten. Dass dann ungeeignete und kriminelle Elemente das Übergewicht bekamen ist nicht meine Schuld und war nicht ohne weiteres vorauszusehen“ (zit. nach Dyck 392f.)

Es gab nie eine Abkehr bei Benn, bloß Schuldabwehr und Groll, dass Hitler ihn nicht so schetzte wie Mussolini Marinetti.

Man kann die Leere, die Georges Lyrik zu erzeugen vermag, aber auch anders betrachten, denn Benn springt sicherlich zu kurz:

Wenn ich es auf eine Formel bringen müsste, dann vielleicht auf diese: George hat die lyrische Sprache von ihrem Zwang zum “Inhalt” bzw. vom Primat des Inhalts, befreit, OHNE sie in die Inhaltslosigkeit, und damit auch die Sprachlosigkeit, zu überführen.

Sicher gab es rund um und parallel zu George Lyriker, die auf den ersten Blick weiter reichend die Sprache „dekonstruierten“. Die Dadaisten mit Bildgedichten und Lautmalereien. Die Futuristen ebenso, nur dass sie danach sich mit Kritikern im Publikum prügelten (Kein Witz). Offenkundig: Die enge Beziehung zwischen Sprachlauten und Sinnzusammenhängen waren intellektuell in der gesamten westlichen Welt schon damals brüchig geworden. Durch alle Lager. Es hätte Hoffmansthals Chandos-Brief kaum gebraucht, um das festzustellen. Aber im Gegensatz zu diesen als radikaler wahrgenommenen Strömungen löste George den Zwiespalt nicht einfach in eine Richtung auf. Das ist effektvoll, aber es verpufft. Und schlimmer: Es droht, den Zwiespalt einfach zuzudecken. So waren dann die neuen Avantgarde auch stets bedroht, Zirkusakt zu werden oder schlimmer: Steinbrüche für Werbemaßnahmen aller Art, ob in der Kulturindustrie oder in der politischen Propaganda. Man könnte hier durchaus mittels der in der APO-Politik beliebten Unterscheidung zwischen radikal (s.o. an die Wurzel gehend) und extrem unterscheiden.

George, zugegeben nur in seinen besseren Texten, macht die Entfremdung von der Sprache selbst erfahrbar. Die unzähligen archaischen Worte, die er ausgräbt (ich glaube ich habe noch in keinem deutschsprachigen Werk so viele neue Worte gelernt wie bei George), die streng geregelten, aber oftmals brutal gegen den Wortlaut gesetzten Rhythmen, das Schriftbild, die dadurch erleichterte anti-intuitive Art, Worte aneinanderzureihen, und nicht zuletzt auch der Verzicht auf jegliche Art von Special Effects, sie haben eine Kunstsprache zum Resultat, die zugleich fasziniert und befremdet. Die LeserInnen, die ein Gedicht tatsächlich durchdringen wollen, zwingt, immer wieder ganz genau hinzuschauen, mehrfach zu lesen und festzustellen: Mist, ich hab schon wieder vergessen, was genau eigentlich paar Zeilen weiter oben stand. Was aber nicht daran liegt, dass da nichts stehen würde. George ist eben kein Lautmaler. Sondern: Es lässt sich sehr gut nachprüfen, dass George sehr konkrete, auch nachvollziehbare, Dinge behandelt. Nur: Je näher man dem Inhalt kommt, desto mehr muss man die Ästhetik bei Seite schaufeln. Lässt man sich aber auf den Fluss der Sprache ein, verschwimmt das Gesagte. Stefan George als Poet der Unschärferelation.

Ein überraschend dissonanter Sonnwendzug

Ich denke wenige Texte lassen das klarer erfahren, als “Sonnwendzug”:

“Schwüle drückt auf uns im saal von lichtern
Und von rauchenden becken ·
Elfenbeinern starren unsre leiber –
In die gluten und schatten
Langen feiertags getaucht · in zierden
Die aus hangenden bögen
Wand und boden triefen · aus den flöten
Und balsamischem wein.”

Was passiert hier??? Eigentlich ganz einfach: Es ist schwül. Der Saal ist hell, Becken rauchen, die Leiber sind elfenbeinern.

Nur: Wie leicht wird man verleitet, “Schwüle” erstmal als schwülstiges Adjektiv zu lesen. Und wohinein starren unsere Leiber? In die Gluten und Schatten! Aber nein… Sie sind ja “In die Gluten und Schatten /Langen feiertags getaucht. Und getaucht auch “In Zierden”? Mist. Da ist der Georgesche Hochpunkt. Da beginnt also etwas neues. Starren = Erstarren? Dann ein neuer Gedanke? Also “ in zierden / Die aus hangenden bögen / Wand und boden triefen…” Hmm. Das ist aber kein Vollständiger Satz. Und triefen die Zierden auch “…aus den flöten / Und balsamischem wein.”? Also begann doch nichts neues? Also unsre Leiber starren – in diesen ganzen Rattenschwanz?

Sicher, es ist möglich, da eine endgültige Ordnung reinzubringen und das Gedicht grammatisch zu entschlüsseln. Ob das Ergebnis der Erfahrung der Lektüre gerecht wird? Ich bezweifle es. Die faszinierenderen Werke Georges funktionieren gerade wie Kippbilder, die mit jeder Zeile ihre Bedeutung verändern oder zumindest erweitern können, bis, und das kann sehr schnell gehen, das Bedeuten relativ bedeutungslos wirkt und man doch dem Klang der Worte weiter folgt. Die Besonderheit: Dieser Eindruck wird eben nicht durch Beliebigkeit in Form oder Inhalt erzeugt, sondern durch besondere formale Strenge und einen so geschickten Einsatz von reinen und unreinen Reimen, sowie Verschiebungen des Rhythmus des Gedichtes gegen den „natürlichen“ Sprachrhythmus, dass das einem hastigen Leser gar nicht auffallen mag. Gleichzeitig drängt die Rhythmisierung leicht zum hastigen Lesen, Stolpern wird also forciert. Ein einfaches Beispiel:

[wir] Brechen durch das stadttor in die dörfer
Unter klingendem tanze ·
Sehn die flur im brünstigen morgen rege
Von den scharen der mähder[48]

Das “Rege” würden wir, wenn George sich schon der guten Tradition verweigert, hinter “Morgen” ein Komma zu setzen, mit seiner Sinneinheit in der Folgezeile erwarten. So wie es steht lesen wir eher morgen-rege, als sei das eine Art Substantiv, denken vielleicht an Morgenregen, und sollen das wohl auch, denn der Reim hebt das Zeilenende hervor:

Hirten pflanzer – stürzen nackt entgegen
Ihren strotzenden kräften ·
Haften unsren hellen blick des traumes
In die nährenden blicke
Scheuen tiers die staunen und nur langsam
An der glut sich entzünden.

Natürlich klingen die Pflanzer noch an „tanze“ an, und verschieben zusätzlich den Rhythmus. Die versteckten Reime innerhalb der Zeile, die in Deutschland eher Rilke popularisiert haben dürfte, sie sind George durchaus nicht fremd. Doch wo Rilke sie für gewöhnlich zur Festigung der Harmonie seiner Dichtung nutzt, nutzt George sie hier destruktiver, dissonanter, wie ein Jazzpianist, der in der linken Hand etwas ganz anderes spielt als in der rechten, und doch klingt beides interessant zusammen, jedoch: nicht unbedingt angenehm. Der Effekt wird natürlich noch intensiver, indem ein Thema, dass eigentlich eher an volksliedliches gemahnt, hier so bearbeitet wird.
Ich möchte in diesen Versen auch noch auf etwas hinweisen, das wahrscheinlich die heute am häufigsten übernommene Technik Georges darstellt, auch weil sie seine einfachste und am leichtesten zu kopierende sein dürfte. Die Reihung von Substantiven ohne Kommata, z.B.: “Hirten pflanzer”
Es gibt natürlich bei George deutlich längere derartige Reihen. Und man wird sie wieder und wieder bei deutschen Nachkriegsautoren finden und auch auf Poetry Slams heute noch allenthalben.

Georges analysieren, nicht verdrängen.

George ist also, anders als sein Ruf es heute nahelegen würde, alles andere als ein einfacher rückwärtsgewandter Autor, der alte Worte und alte Formen wiederzubeleben sucht. Auch wenn es, da das sprachliche Material geduldiger ist als etwa das sprachlose der Musik, nicht ganz so ins Auge sticht, war George ästhetisch zumindest in Ansätzen ähnlich radikal wie die Protagonisten der Neuen Musik, und dass sich Schönberg zu Georges Gedichten hingezogen fühlte (wie übrigens auch Adorno, der besonders die Nachdichtungen lobte) muss kein Zufall sein. George zerstörte und schuf Sprache neu. Aber nicht in der Weise der Avantgarden, die in letztlich meist ins Extremste übersteigerter, strukturell neoromantischer Spielerei ein Feld weiter Beliebigkeit betraten, auf dem praktisch alles möglich sein sollte. Sondern durch das gleichzeitige Aufrichten neuer, einerseits willkürlicher, andererseits, wenn der Text erst einmal steht, radikal strenger Regeln. Man mag genau darin dann auch die tiefe ästhetische Affinität Georges zum Konservativ-Revolutionären und zu dessen Kulminationspunkt, dem Faschismus und dem Nationalsozialismus sehen. Ich denke man liegt damit durchaus grob zur Hälfte richtig. Aber nur zur Hälfte. Die “unheimliche Nähe von Ästhetizismus und Barbarei”, über die Thomas Mann im Alter gern sprach, dürfte hier einen tatsächlich stofflich analysierbaren Niederschlag finden. Allerdings waren die Futuristen, Imagisten und Dadaisten (bis ihnen klar wurde, dass ein Marinetti in Deutschland als “entartet” gelten würde) nicht unbedingt weniger faschismus-anfällig. Und genau betrachtet ist die georgesche Technik eben auch immer ein selbstkritisches Auseinandersetzen mit dem Voluntarismus, ob vom Dichter nun so intendiert oder nicht. Dass Lyrik eben nicht mehr klingen kann, wie zu Goethes Zeiten, aber auch nicht einfach in eine nur behauptete absolute Freiheit springen kann, ohne schon Richtung kulturindustrielle Resterampe zu taumeln, das wird im georgeschen Werk ganz aktiv verhandelt. Form und Inhalt, Ideal und konkretes Werk im stetigen Kampf.

Es lohnt, George zu lesen. Allein schon, um das selbst zu entdecken. Man muss ihn dann ja nicht mögen. Keinesfalls als Person. Und auch nicht unbedingt als Dichter. Aber wer George aufgrund von “Altertümlichkeit” verwirft, verwirft ihn aus falschen Gründen. Ja, gerade das ästhetisch Revolutionäre an George und wie es an Gesellschaftsvorstellungen gekoppelt ist, sollte noch viel besser untersucht werden, statt es, wie es derzeit seine Freunde wie Gegner meist halten, zu verdrängen. Denn als weit rechts stehender Dichter von ästhetisch höchstem Rang ist George ja nur ein Extrem seiner Zeit, in der viele andere große Autoren sich zu elitären Gesellschaftsentwürfen hingezogen fühlten. Auch, dass man nicht so einfach von ihm los kommt, und dass wer die großen deutschsprachigen DichterInnen des 20. Jahrhunderts liest, wohl immer auch etwas George mitliest, gehört bedacht.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

Ein Gedanke zu “Stefan Georges r a d i k a l e Lyrik, nebst einer Bemerkung zum Nationalsozialismus Gottfried Benns.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Ich finde, du hast hervorragend herausgearbeitet, dass zwischen der politischen Deutung und der ästhetischen Arbeit kontingente Verhältnisse herrschen, die man beliebig zusammenpuzzeln darf. Ähnlich wie die Debatte ob Hölderlin Jakobiner war oder doch Girondist – im Grunde nämlich handelt es sich um einen Menschen, der in einer Gesellschaft gewirkt und in einer Gesellschaft geschrieben hat – das Werk ist sowieso vom Menschen getrennt. Zudem, auf sehr überzeugende Weise, hast du gezeigt, dass die Gedichte von George auch interessant sind, ohne dass man irgendetwas von Marinetti und Benn wissen muss, geschweige denn vom Dritten Reich. Mich würde eine ähnliche Abhandlung interessieren, in denen du Hölderlin mit George vergleichst – bspw. sein Winkel von Hardt – vieles nämlich, was man in George hineinliest, findet man auch schon viel früher. Aber auch das besagt nichts, aber der Vergleich (jenseits der politischen Sektiererei) motiviert zum Erneut-Lesen. Ich werde mal wieder in Georges-Werk hineinschauen! Danke für die Erinnerung.

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