Zwei kathastrophale Romane: Die Atomschrecker „Die Wolke“ und „„Die letzten Kinder von Schewenborn“ ersetzen Handlung durch Ereignisse.

Im russischen Staatsfernsehen wird mittlerweile mit einer Nonchalance über Atomschläge gesprochen, als ginge es darum, was es zu Abend gibt. Also warum die verbleibende Zeit nicht damit verschwenden, sich noch einmal die beiden berühmtesten deutschsprachigen Atomkriegs-bzw Katastrophenszenarien anzuschauen. Die eint gefeierten, heute eher verfemten „Die Wolke“ und „Die letzten Kinder von Schewenborn“ von Gudrun Pausewang. Mittlerweile hat sich ja vor allem dank konservativer als Kindheitserinnerungen getarnter Propaganda die Perspektive durchgesetzt, diese Bücher traumatisierten Kinder und sollten besser nicht in der Schule gelesen werden. Ich bin geneigt mich anzuschließen, obwohl ich das mit der Traumatisierung für Unsinn halte. Oder besser: Wenn man diese Text in der Schule liest, sollte man die Chance nutzen und statt um Abwehr oder Betroffenheit zu kreisen, einmal die literaturkritische Fragestellung einüben: Ist dieser Text gut? Wenn ja: Warum? Wenn nein… Und so weiter.

Oh, und all die Ebenen, auf denen beide Romane voll und ganz misslungen sin! Da gäbe es in meiner imaginierten Unterrichtseinheit einiges zu tun. Und nichts dabei hat mit der politischen Haltung der Romane zu tun.

„Die Wolke“

Fangen wir mit dem einfachsten an. „Die Wolke“ soll offenkundig ein Roman sein, der die Gefahren von Atomenergie vor Augen führt. Was es tatsächlich viel mehr ist, ist ein Roman, der die Gefahren praktizierter Dummheit vor Augen führt. Das müsste natürlich kein schlechter Roman sein. Ein Reaktorunfall, aber Menschen sterben, weil sie sich in Panik nicht an gelernte Regeln halten? Warum nicht einmal diese Perspektive literarisch untersuchen? Das wiederum ist aber nicht die Message, die der Roman vermitteln will. So wird es dann vor allem konfus. Der eigentlich intendierten „Atomkraft ist böse“-Message konnte ich aber von Anfang an nur noch schwer folgen, weil mich die absolut absurde Ausgangssituation davon abgelenkt hat:

Kinder erfahren in einer Schule von einer etwa 100 Kilometer entfernten Nuklearkatastrophe. Was machen wir also? Doch wohl ab in die Keller und warten, bis wir evakuiert werden? Nein, die Schule schickt die Kinder nach Hause und die laufen oder fahren los, teils in Richtung der Katastrophe! Okay, unsere Protagonistin ist nun zu Hause und erinnert sich sogar, was sie gelernt hat. Was macht also Janna-Berta, die an diesem Tag allein ihren Bruder Uli betreut, während die Eltern in Schweinfurt weilen? Doch wahrscheinlich ab in den Keller, wo es sogar Vorräte gibt und warten bis sie evakuiert wird? Aber nein! Obwohl sie darüber nachdenkt und rekapituliert, dass es im Keller am sichersten ist, heißt es nun ab auf die Fahrräder und möglichst weit weg vom Nuklearunfall! Dabei hatte zuvor ein Schüler ganz zu Recht darauf hingewiesen, dass der Unfall schon so lange zurückliegt, dass die Wolke schon längst über das Gebiet hinweg gezogen ist. Die Strahlung, etwa 100 Kilometer vom Ground Zero entfernt, dürfte in einem sehr gut überlebbaren Bereich liegen, wenn man sich in einer entsprechend sicheren Struktur wie beispielsweise einen Keller zurückzieht (was Spätfolgen natürlich nicht ausschließt). Aber nein. Fahrräder. Freie Natur. Seufz.

Ich habe nicht vor, die gesamte Handlung jetzt in diesem Stil nachzuerzählen. Eine große Schwäche erwächst daraus, dass die Autorin die Folgen eines Reaktorunfalls im Großen und Ganzen mit denen einen Atombombe zu verwechseln scheint und nur sehr grobe Vorstellungen davon zu haben scheint, welche Auswirkungen radioaktive Strahlung in welcher Dosis tatsächlich kurz bzw. langfristig auf menschliche Körper haben, sowie in welcher Entfernung welche Dosen zu erwarten sind. Insbesondere stößt noch sehr sauer auf, dass nicht nur alle Figuren sondern auch der Roman selbst nahelegen, wer verstrahlt ist, sei „verseucht“ und könne damit auch andere verstrahlen. Als Vorurteil innerhalb des Romans wäre das ja nachvollziehbar, doch keine einzige Figur widerlegt diese Vorstellung, und auch die Protagonistin scheint zu meinem, es sei kein Problem, sich wieder in verstrahltes Gebiet zu begeben, sie sei doch sowieso bereits „verseucht“. Ach ja, und der Staat lässt auf Geflüchtete schießen, aus Sorge, sie könnten die Seuche mitbringen, statt sie… Was macht man noch mal mit Opfern einer Nuklearkatastrophe genau: zu WASCHEN. Waschen… Erschießen… Das kann schon mal durcheinander geraten, nicht?

„Die letzten Kindern von Schewenborn“

Ich komme später zur Wolke zurück und werde mich nun vorerst „Die letzten Kindern von Schewenborn“ zu. Dessen Vorstellungen über die Folgen einer nuklearen Katastrophe sind nicht ganz so abstrus. Hier fährt eine Familie in die entlegene Stadt Schewenborn ein paar 10 km von Fulda entfernt. Sie sehen einen Blitz, als sie in Schewenborn ankommen, ist schon Panik, es soll einen Atomschlag auf Fulda gegeben haben. Auch hier natürlich wieder: Niemand geht in den Keller, stattdessen läuft die Mutter einen ganzen Tag Richtung Fulda, bis sie selbst sieht, dass die Stadt zerstört ist und setzt sich damit natürlich krassester Strahlenmenge aus. In Schewenborn organisiert man dann Flüchtlingshilfen und Nothospitäler, gerät über schwindende Vorräte in Streit und lebt einige Jahre, in denen der Großteil der Menschen, darunter auch einige Familienmitglieder, sterben. Auch hier gibt es wieder zahlreiche Ungereimtheiten, darunter Strahlenkrankheiten, eigentlich eine akute Folge relativ hoher Strahlendosen, die noch nach Jahren überraschend ausbrechen und unsere Protagonisten-Familie, die sich mit Typhus ansteckt, obwohl sie nur gechlortes und abgekochtes Wasser trinken, als sei das eine durch die Luft übertragbare Krankheit. Man hat irgendwie den Eindruck, die Autorin dachte sich: Zu einer Katastrophe gehört Typhus, also baue ich den ein. Und dann natürlich die Bombe auf Fulda, wobei wir später erfahren, dass höchstwahrscheinlich einfach alle deutschen Größe und Städte vernichtet sind. Warum? Ja, Deutschland hätte im Kalten Krieg zum Schlachtfeld werden können, aber sollte Russland wirklich all seine nukleare Sprengsätze einsetzen, um immer mehr deutsche Städte oder sogar alle deutschen Städte gleichzeitig zu vernichten? Was wäre damit erreicht? Der Feind war ja nicht Deutschland, sondern die USA und die militärisch stärkeren NATO-Mächte. Hunderte Sprengsätze für Deutschland zu verschwenden, das hätte den Westalliierten sicher gefallen, die sich in der gleichen Zeit dann vielleicht einfach tatsächlich mit der Sowjetunion beschäftigt hätten… Was für eine absurde deutsche Selbstüberhöhung.

Ereignisse statt Handlung, oder: Der tote eigene Kopf.

Doch die Schwächen enden nicht bei schlechter Recherche und unplausibler Handlung, also gewissermaßen an der äußersten Oberfläche. Auch als Texte funktionieren beide Romane sehr schlecht, „Schewenborn“ dabei wiederum etwas besser als „Die Wolke“. Beide teilen aber das Hauptproblem: Es gibt eigentlich keine ausgemalten Figuren, keine Konflikte und keine Entwicklung dieser Konflikte und oder Beziehungen zwischen den Figuren. Beispiel „Die Wolke“: Das beginnt mit einem klassisch angelegten Jugendbuch-Problem: Die ältere Protagonistin kümmert sich um den jüngeren Bruder und muss nicht nur für sich Entscheidungen treffen, sondern auch für einen Schutzbefohlenen, der auch noch einen eigenen Kopf hat. Sie wird praktisch plötzlich Elternteil. Doch der Roman hat kaum richtig begonnen, dann nutzt der Bruder diesen eigenen Kopf einmal, um einen anderen Weg zu wählen, er stürzt mit dem Fahrrad und über diesen seinen eigenen Kopf fährt ein Auto und der Bruder ist tot.

Und damit wurde die Chance vertan, die Katastrophe in Gesprächen und Handlungen zu reflektieren, statt den Roman darauf zu beschränken, immer wieder zu sagen: Und das ist schlimm. Und das ist schlimm. Und das ist schlimm. Aber Pausewang versucht es noch einmal. Im Nothospital, in dem die Protagonistin aufgenommen wird, führt sie Bettnachbarin Ayse ein, mit der unsere Protagonistin ins Gespräch kommt. Noch einmal die Möglichkeit, etwas mehr aus diesem Roman zu machen, als die Kinder planen, zusammen zu fliehen. Und dann… stirbt Ayse an einer plötzlich wieder schlimmer werdenden Strahlenkrankheit.

Schewenborn hat fast das gleiche Problem. Hier ist zwar eine Familie beisammen, aber auch das wird kaum genutzt, um tiefere Figureninteraktionen aufzubauen. Im Verhältnis von Kindern zu Eltern etwa, in der klassischen Frage, wie mit Autorität umgegangen wird. Insbesondere, da rundum ja alle Autorität zusammenbricht. Im Verhältnis der Eltern zueinander, die vor die Frage gestellt sein könnten, wie viel ihr Verständnis von Elternschaft noch wert ist, und deren von Kindern normalerweise ja lange monolithisch erfahrene Autorität vor den Augen der Kinder Risse bekommen könnte. Aber nichts davon. Pausewang türmt schreckliche Begebenheit auf schreckliche Begebenheit und scheint zu glauben, das heiße ist, eine Geschichte zu erzählen.

Nein, „Die Wolke“ und „Die letzten Kinder von Schewenborn“ sind keine guten Romane. Und das ganz unabhängig dazu, wie man zur Message der Autorin steht. Zumal besonders die Wolke eben seine eigene Message auch noch heftig (und unbeabsichtigt) unterläuft.

Bild: Pixabay.

2 Gedanken zu “Zwei kathastrophale Romane: Die Atomschrecker „Die Wolke“ und „„Die letzten Kinder von Schewenborn“ ersetzen Handlung durch Ereignisse.

  1. schiefgelesen sagt:

    Siehst du, die Wolke haben wir nie gelesen, das wollte man uns Kindern, die im direkten Umfeld eines AKWs aufwuchsen, nicht zumuten. Stattdessen also Schewenborn in der Schule und zu Hause die Infobroschüre des lokalen AKW-Betreibers mit Infos, in welche Richtung man sich im worst case entfernen möge und wo es Jod gibt für die, die es nicht mehr schaffen.
    Bis heute checke ich die Windrichtung, sobald mir die Straße merkwürdig leer vorkommt und ich mich frage, ob alle außer mir schon evakuiert sind. Die Wolke wäre vielleicht besser gewesen, sogar auch literarisch.

    Gefällt 2 Personen

    1. soerenheim sagt:

      Also viel hast du da nicht verpasst. Die Windrichtung checke ich zurzeit, wenn mal wieder jemand in meiner Nähe plötzlich zu husten anfängt…
      Und ich hab ein Tool entdeckt, das Detonationsradien & Fallout bei typischer Windrichtung simuliert. Aber ich verlinke es mal lieber nicht, das ist noch schlimmer als klassisches Doomscrolling.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..