„Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“ versammelt eher „Geschichten aus der antiken Bücherwelt“. Trotzdem lesenswert.

Was „Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“ als Buch will, muss man eigentlich nicht groß ausführen. Der Titel sagt es.

Wobei: Einige Einschränkungen sollte man vielleicht schon machen. “Die Welt”, das ist vielmehr vor allem die Region des westlich antiken Kulturraums, auf den sich später die westliche Kultur so stark bezog, also vor allem Griechenland, die Diadochenreiche und das alte Rom. Und die „Geschichte“, das ist im Großen und Ganzen die Geschichte eben dieses Raums bis zum Untergang des weströmischen Reiches. Eine ziemlich komische Auswahl für ein Buch, das die Geschichte der Welt in Büchern erzählen soll? Nun, das Buch hieß im Original dann auch ganz anders: “El infinito en un junco: La invención de los libros en el mundo antiguo”, also grob übersetzt: “Die Unendlichkeit im Schilfrohr: Die Erfindung des Buches in der antiken Welt”. Das Schilfrohr ist dabei eine Anspielung auf Papyrus als Grundstoff des frühen Buchdrucks. Ernsthaft, warum kann man einen solchen Titel nicht zumindest grob übernehmen? Der deutsche Titel ist, wenn wir ehrlich sind, nicht nur eine Lüge, sondern auch noch eine eurozentrische Lüge im Stil der Weltanschauung aus der Hochzeit des Kolonialismus, mit der, was im Buch erzählt wird, überhaupt nichts zu tun hat.

Zuletzt sollte man einschränken, dass Autorin Irene Vallejo auch die Geschichte des antiken Kulturraums nicht wirklich chronologisch und nachvollziehbar anhand des Buchdrucks und des Leseverhaltens erzählt. Vielmehr müsste man vielleicht sagen, der Band enthält „Geschichten aus einer Welt der Bücher.“

Denn Vallejo erzählt hier vom Aufbau der Bibliothek von Alexandria und den teils haarsträubenden Literatur-Räubereien, die dazu stattfanden. Sie erzählt von einzelnen Dichterinnen und Dichtern, etwa wie seine Freizügigkeit Ovid das Exil einbrachte oder von dem, was wir über die seltenen römischen Literatinnen wissen. Sie erzählt von Alexanders Feldzug und seinem Interesse an der Ilias, von Homer und der Entstehung früher kritische Philologie wiederum in der Bibliothek von Alexandria. Und zwischendrin springt sie von Alexander zu Napoleon. Wurde gerade noch beschrieben, wie möglicherweise eine frühe römische Buchhandlung aussah, folgt ein mehrseitiger Exkurs zu Buchhandlungen als geheime Treffpunkte unter der Franco-Diktatur. Steigt ein Kapitel mit einer bestimmten Erzählweise aus der römischen Literaturgeschichte ein, kann es sein, dass ein Gutteil des Kapitels sich dann mit Beispielen ähnlicher Erzählweisen aus der britischen Literaturgeschichte zwischen 1500 und 2000 Jahren später beschäftigt. Das liest sich alles ganz nett, regelmäßig auch interessant, im Großen und Ganzen allerdings leider auch sehr beliebig zusammengesucht. Entwicklungen und Veränderungen in der Schöpfung von Literatur, in der Rezeption von Literatur, im staatlichen Verhältnis zu Literatur nachzuspüren macht Vallejo ihren Leserinnen schwer bis unmöglich. Noch zusätzlich erschwert wird das dadurch, dass dem Buch zwar ein relativ umfangreicher Quellenapparat hintangestellt wird, aber jegliche Fußnoten, Endnoten oder Literaturverweise in Klammern fehlen. Da die Autorin gern auch aus ihren antiken Sujets relativ weitläufige Geschichten schöpft, etwa über eine private Liebesgeschichte oder Spione im Auftrag der Bibliothek von Alexandria, Geschichten, die teils sehr viel tiefer ins Detail gehen als alles was ich bei meinen Recherchen zum privaten Leben in der Antike bisher finden konnte, stellt das eigentlich alles was im Buch erzählt wird, unter den Vorbehalt des Zweifels: Was gehört zum historisch gesicherten Wissen? Was ist gestützte Spekulationen aufgrund von Indizien und was ist vielleicht auch völlig literarische Ausmalung? Vallejo macht das im Text eigentlich nie klar und es ist unglaublich schwer, sich das allein mit Bezug auf das Quellenverzeichnis aufzuschlüsseln. Hier würden schon kleine Hinweise helfen à la „man kann sich das vielleicht so und so vorstellen, wenn man sich auf das bezieht was Wissenschaftlerin Y in ihrem Buch X aus archäologischen Funden geschlossen hat… „

„Papyrus“ ist eine nette kurzweilige Lektüre, interessant an vielen Stellen, besonders in dem Sinne, dass man wahrscheinlich Themen und Werke entdecken wird, mit denen man sich tiefer beschäftigen möchte und die man dann anderweitig nachschlägt. Dem deutschen Titel wird das Buch allerdings in keiner Weise gerecht und ein präziseres Hinweisen auf Quellen und besonders das Einordnen in freie und weniger freie Spekulation hätte LeserInnen sicherlich sehr geholfen, zu entscheiden, womit es sich in Zukunft weiterzubeschäftigen lohnt und welche Lektüren man dazu aufsuchen könnte.

Bild: Pixabay

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..