Ist „Die Meer-Arbeiter“ Victor Hugos stärkster Roman?

Man tut sich nicht leicht damit, „Die Meer-Arbeiter“ (alternativ: „Die Arbeiter des Meeres“) als Victor Hugos stärksten Roman zu bezeichnen. Zu groß ist der Nimbus des mehrfach verfilmten „Notre Dame de Paris“, obschon dieser Roman, gelungen Stellen zum Trotz, eklatante Schwächen aufweist. Besonders die Essays zu Architektur und Stadtplanung, die fast ein Drittel des gesamten Textes ausmachen dürften und in keinem Verhältnis zum wirklich Erzählten stehen. So gewaltig ist auch der Schatten, den „Les Misérables“ wirft, sicherlich eine deutlich stärkere Erzählung, die durch ihre Breite besticht, die überlebensgroßen Figuren und die dramatische und geschichtsträchtige Handlung. Die aber, wenn man ehrlich ist, auch alles andere als aus einem Guss gemacht ist, und an den Bruchstellen eher grob verklebt. Und dann ist da noch der Außenseiter „1793“, jener weniger bekannte Roman über die Revolution und den Restaurationskrieg, vielleicht eine der stärksten Erzählungen, wenn es darum geht, tatsächlich zwei Seiten ohne abschließendes Urteil in ihren Stärken und Schwächen einander gegenüberzustellen. Allerdings auch ein Text, der zwischenzeitlich exzessiv in Abhandlungen über die Architektur irgendwelcher Ruinen abdriftet. Dennoch: Wie sollte man sich angesichts dieser Konkurenz für „Die Meer-Arbeiter“ verwenden, ein Text, den wahrscheinlich selbst die meisten deutschsprachigen Leserinnen und Leser Hugos nicht kennen.

Aber wenn man einmal von der historischen Bedeutung absieht und die Werke tatsächlich als Literatur einander gegenüberstellt, lassen sich gerade für diesen Text durchaus gute Argumente finden.

„Man wird es begreiflich finden, daß wir viele Einzelheiten, welche die Sache zwar für Fachgenossen deutlicher, für Andere aber unverständlicher macht, mit Schweigen übergehen“,

schreibt Hugo einmal im Verlauf des Romans. Andere Autoren vergessen diese Freundlichkeit den Lesenden gegenüber gern, je älter und erfolgreicher sie werden. Hugo aber scheint sie erst im Alter entdeckt zu haben.

Denn Hugo sagt das nicht nur, er hält sich dran. 600 Seiten entfalten hier ein detailliertes, etwas düster-romantisches Bild des Lebens auf der Insel Guernsey und entlang der bretonischen Kanalküste. Etwa ein halbes Dutzend zentrale sowie einige weitere Nebenfiguren werden eingeführt und sind größtenteils ähnlich plastisch gestaltet wie die starken Figuren aus „Les Misérables“. Der Ozean als Bedrohung, aber auch Quelle des Lebens, als Trennendes und Ort, über den unzählige Verbindungslinien gehen, bildet das Zentrum des Romans und dabei überzeugt Hugo mit einer Gewalt der Bilder, die in ihrer Dichte die vorangegangenen Romane übertreffen dürfte.

Hauptfiguren sind Gilliat, ein einfacher Seemann, und Mess Lethierry, der sich relativ spät im Leben durch die Investition in ein Dampfschiff ein kleines Vermögen und vor allem ein sicheres Einkommen aufgebaut hat. Als weitere wichtige Figuren treten sein zeitweiser Kompagnon Clubin auf, der später in einer sehr spannenden Passage sein wahres Gesicht enthüllen wird, des weiteren ein früherer Kompagnon Rantaine, der Lethierry betrogen hat. Und Gilliat verliebt sich in Déruchette, die Ziehtochter von Lethierry. Relativ detailliert kann man sich über die Figuren auf Wikipedia (fr) informieren. Zur langgezogenen Klimax kommt es, als der Dampfer Durande auf einem Felsen auf Grund läuft und Déruchette verspricht, dass derjenige, der die Maschine rettet, sie heiraten dürfe. Daraufhin zieht Gilliat los und versucht dem Meer die Dampfmaschine abzutrotzen.

Diese Geschichte liest sich wie ein spannender Abenteuerroman, der sich aus dem eher breiteren Gesellschaftsroman mit Abenteuer-Elementen der ersten Hälfte entwickelt. Hier gibt es einige Momente, da man sich gewünscht hätte, Hugo hätte vielleicht etwas weniger dick aufgetragen. War es wirklich nötig, dass Gilliat auf dem Felsen Douvre eine Art Schmiede einrichtet, um fast alle Instrumente zur Bergung der Durande dort herzustellen? War in der Barke auf dem Hinweg wirklich kein Platz zumindest für die Metallteile, die es braucht, einen Flaschenzug zu bauen? Es wäre doch wirklich ausreichend spannend und glaubhafter gewesen, er hätte nur das vor Ort vorgefundene Holz zurechtzimmern müssen. Und ich denke die Unterschiede zwischen dem Kraken, der bei Hugo auftritt und der realen Verhaltensweise von Kraken untersuchen wir lieber nicht im Detail…

Doch die wahre Stärke des Romans sind nicht solche Kleinigkeiten der Handlung, wo dann Kritiker schreien können „das ist aber unrealistisch!“. Es ist die Kombination einer starken traditionellen Erzählerstimme mit vielleicht nicht ganz realistischem, aber glaubhaftem einfachem menschlichem Leben am Meer. Das Zusammenspiel von harter Arbeit, Schmuggel, Ränkeschmieden, Feindschaft und Freundschaft. Und dann eben die bildhaften Beschreibungen. Eine verlassene „Geisterhütte“ in einer entlegene Region der Insel, die von Schmugglern genutzt wird. Die See, wenn plötzlich Nebel aufzieht. Das geheimnisvolle Meeresleuchten. Oder die Abgründe und Höhlen des Felsen Douvre, die dem einsamen Arbeiter Galliat wie ein zugleich herrliches und bedrohliches Heiligtum erscheinen.

Einzig, dass Déruchette, die sich dem Berger der Maschine als Preis verspricht, selbst als Figur etwas stärker ausgearbeitet wäre, wünschte man sich. Immerhin, sie handelt an dieser Stelle selbst, es ist nicht der Vater, der auf die Idee kommt. Aber sonst hat Déruchette im Buch eigentlich keine Funktion, sie existiert, und das war es.

Trotzdem möchte ich „Die Meer-Arbeiter“ allen Leserinnen und Lesern ans Herz legen. Es ist nicht der bekannteste Roman Victor Hugos, und mag sein, besonders „Les Misérable“ wird aufgrund der einzigartigen Position, die es in der Geschichte einnimmt und der Breite des Materials, aus dem Hugo eine dennoch durchweg spannende Erzählung zimmert, zurecht höher eingeschätzt. „Die Meer-Arbeiter“ ist rundum aber gelungener gearbeitet. Dem Roman mag die Schwere der historischen Bedeutung fehlen, doch kompositorisch und erzählerisch, und nicht zuletzt auch im Entwurf eines zusammenhängenden Lebens zahlreicher Menschen, war Victor Hugo nie stärker.

Bild: Illustration von Victor Hugo, wiki, gemeinfrei.

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