Das stärkste 1. Kapitel des bürgerlichen Romans? „1793“ von Victor Hugo ist ein vielschichtiger Text über Revolution und Restauration.

„1793“, ein vergleichsweise unbekannter Roman aus der Feder von Viktor Hugo, könnte der Roman mit dem stärksten Beginn der klassischen bürgerlichen Literatur sein. Es handelt sich sozusagen um eine doppelte Eröffnung. Erst folgen wir Soldaten in einen Wald, die eine Frau mit zwei schlecht ernährten Kindern entdecken, die vor dem Revolutionskrieg auf der Flucht sind, den sie gar nicht richtig verstehen. Die revolutionären Truppen stellen die wenig revolutionär gesinnte Familie unter ihren Schutz.

Danach folgt ein scharfer Schnitt. Wir befinden uns auf einem Schiff im Ärmelkanal, das einen geheimnisvollen Alten aus England zurück nach Frankreich transportiert. Eine Kanone im Zwischendeck macht sich los, und nie zuvor und nie wieder wurde wohl ein Kampf zwischen Mensch und Maschine so überzeugend spannend beschrieben wie der Versuch des Kanoniers, die im Seegang wildgewordene Bestie aus Eisen wieder zu zähmen. Der Alte entpuppt sich als ein monarchistischer Anführer, der den Widerstand in der Bretagne organisieren soll. Er zeichnet den Kanonier für seine Rettungsaktion mit dem Kreuz der Ehrenlegion aus und lässt ihn dann hinrichten für den Fehler, die Kanone ursprünglich nicht vernünftig vertäut zu haben.

Man sollte sich hier nicht von modernen Befindlichkeiten leiten machen lassen: Die Szene ist nicht gedacht, den Monarchisten schlecht aussehen zu lassen, des Kanoniers Fehler hat unzählige Menschenleben gefährdet. Unter anderem aufgrund der verlorenen Zeit durch die Aktion kann zudem die Küste nicht erreicht werden. Die Besatzung sieht den monarchistischen Anführer hier also keinesfalls als den „Bösen“.

Das Schiff geht dann in einer letzten Schlacht gegen eine überlegene Flotte unter, doch ein Matrose, der sich freiwillig gemeldet hat, rudert den Aufwiegler nach dem Land hin. Es stellt sich heraus: Das ist der Bruder des Hingerichteten, er hat nichts vor, als den anderen zu töten. Doch in einer intensiven Auseinandersetzung gelingt es dem, den Bruder von der Rechtschaffenheit seiner Entscheidung zu überzeugen.

Wir haben in den beiden Handlungssträngen schon alles, was den Roman so stark macht. Überzeugende Figuren aus ihrer Welt, mit einer eigenen Moral, die jeweils für sich als nachvollziehbar gezeichnet wird. Die junge Frau mit ihren beiden Kindern, die revolutionären Soldaten, die ebenfalls unter ein neues Kommando gestellt werden, der alte Monarchist: Sie alle Folgen ihren Wegen, die letztlich unweigerlich aufeinanderprallen. Und hier wird im Größeren noch einmal die kleinere Situation mit dem Kreuz der Ehrenlegion und der Hinrichtung vom Anfang gespiegelt werden, da einer der Revolutionäre schließlich feststellen muss, dass jemand ein Gegner und für die eigene Seite für viel Leid verantwortlich sein und trotzdem ein „guter Mensch“ sein kann, soweit die Umstände es erlauben. Doch die Entscheidung, sich womöglich für diesen Menschen einzusetzen, kann wiederum die eigenen Kameraden gerade zu zwingen, diese von allen anerkannt gute Tat zu bestrafen.

Hugo macht es seinen Leserinnen und Lesern moralisch wirklich nicht leicht in diesem Roman. Und „1793“ ist ein herausragendes Beispiel politischer Literatur, die nicht versucht eine Message zu vermitteln, sondern aus einer vertrackten Situation heraus zum Denken zu drängen, was, wenn man es sich nicht leicht machen will, geradezu zum Verzweifeln zwingt.

Leichter als in seinen anderen Texten macht es Hugo den Lesenden dagegen erzählerisch. Der Roman beginnt wie skizziert sehr spannend, stößt dann zwar, zugegebenermaßen, auf einige hugo-typische Passagen, die viel zu ausgebreitet Architektur und Ähnliches beschreiben (das muss man sich vorstellen, eine wirklich karge Waldlandschaft, nur einige Dörfer und Ruinen, doch Hugo, dessen „Notre Dame de Paris“ etwa zur Hälfte architektonischer Reiseführer ist, findet selbst hier noch genug Material, um schätzungsweise ein Sechstel des Buches mit Beschreibungen dieser Ruinen zu füllen).

Aber ansonsten: starke Konflikte, hohes Erzähltempo, überzeugende, wenn auch eher archetypische als psychologisch ausgedeutete, Figuren. Allein den Ausflug in die höchsten Ebenen der Macht mittels eines Gesprächs zwischen Danton, Robespierre und Marat, hätte der Autor sich sparen können. Die Mechanismen, nach denen die Revolution in Terror umschlägt, zeigt Hugo, selbst ja durchaus Sympathisant dieser Revolution und immer wieder Parteigänger der progressiven Bewegungen im Frankreich des 19. Jahrhunderts, während der Verwicklungen in der Bretagne so viel plastischer.

Aber alles in allem: ein starker Roman. Nicht so überwältigend in der Breite wie „Les Misérables“, aber deutlich besser komponiert und erzählt als „Notre Dame de Paris“.

Bild: Wikiart, gemeinfrei

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