Zu viel von allem. „La Dragonne de l’aurore“, der Schluss des Vrénalik-Zyklus, ist ein wenig konsequentes Chaos.

Mit jedem Band von Esther Rochons Zyklus von Vrénalik hatte ich die Sorge, dass der Nachfolgeroman aufgrund des ungewöhnlichen Settings (Kontrastierung einer altertümlichen Gesellschaft mit einer in unserem Sinne modernen, sowie ein Riesenzeitsprung von Band 1 zu Band 2) nicht mehr wirklich funktionieren könnte. Zweimal wurde diese Erwartung positiv „enttäuscht“. Vom Abschlussband „La Dragonne de l’aurore“ lässt sich das nun leider wirklich nicht mehr sagen. Werden die vorherigen Texte jeweils klug reduziert erzählt, gruppiert um ein oder wenige miteinander korrespondierende Themen, wird in den Schlussband einfach von allem unglaublich viel hinein gestopft, es werden Ideen angerissen und wieder fallen gelassen, und einiges scheint Vorangegangenem deutlich zu widersprechen. Nicht in der früheren, produktiven Weise, die Zweifel sät, sondern in einer „das wirkt undurchdacht“-Weise. Auch wird vieles, was zuvor die entrückte Atmosphäre und das schwebend Unsichere der Texte ausmachte, mit dem Bulldozer platt gemacht. Dass irgendetwas nicht stimmen könnte, lässt bereits die Länge des Romans erahnen: er ist deutlich zu lang. Wenn der Schlussteil einer vierteiligen Serie mehr als zwei Drittel so lang ist wie die drei anderen Romane bzw. nicht viel fehlt, dass er die Hälfte der kompletten Serie ausmacht, kann das zumindest ein Hinweis sein, dass dort etwas erzwungen wurde.

(hier findet ihr alle Links zum „Klassiker Reread mit Alessandra Ress und Peter Schmitt)

Handlung ohne Fokus

In Kürze zur Handlung: Die Einwohner von Vrénalik verlassen ihre jetzt befreite Insel. Sie suchen das zurückgezogene Imperium Catadial auf, das von Menschen gegründet wurde, die vor dem „Fluch“ (vgl. Band 1) die Insel verlassen haben. Es ist ein streng regiertes Imperium, das allerdings das Wohlbefinden seiner Bewohner zum Ziel zu haben scheint. Der Protagonist aus Band 3, Taïm Sutherland, tritt in den Dienst des Imperators. Im Gegenzug verspricht der den Menschen von Vrénalik, dass sie auf seinem Land ein neues Dorf gründen können.

Das ist, was man als die zentrale Handlung der Geschichte ausmachen kann. Allerdings beginnt die erst nach knapp einem Drittel der Erzählung, also nach beinahe so viel Text, wie ihn der gesamte „Träumer in der Zitadelle“ umfasst. Davor verlässt erst Strénid Vrénalik, und wir bekommen ein bisschen von dem mit, wie er sich im modernen Ister-Inga einlebt. Dann geht Strénid zurück, aber Sutherland verlässt Vrénalik, und wir bekommen ein bisschen von dem mit, wie er Schwierigkeiten hat, sich erneut in der alten Heimat einzuleben. Zwischendurch bekommen wir in langen Rückblenden erzählt, was auf Vrénalik passiert ist, während Sutherland auf der Suche nach der Statue Hatzléns war (vgl. Band 3), worunter u.a. eine Reform des Herrschaftssystems der Insel fällt. Zugleich wird vieles aus eben diesem dritten Band noch einmal wiederholt. Das sind alles Dinge, die man mit wenigen Sätzen in Rückblenden im Rahmen dessen abhandeln könnte, was ich oben als eigentliche Handlung skizziert habe. Die Erzählung gewinnt durch das lange Vorspiel nichts, wird aber unnötig verkompliziert und liest sich zeitweise eher, als habe sich einer bzw. mehrere Spieler in Monkey Island 2 festgefressen und reisten nun ziellos von Insel zu Insel.

Reisepässe und alltägliche Technik

Auch treten hier bereits größere erzählerische Probleme auf. Etwa wenn es ohne jedes Aufsehen heißt:

“J’ai demandé à Mikril Manian de me débarquer à Ougris : ma carte d’identité aurait plus de chances d’y être reconnue qu’à Irquiz, et l’argent que je possédais y avait cours légal.”

Wirklich? Strénid hat einen Personalausweis? Obwohl wir gleichzeitig wissen, das sein Herrschaftsbereich Vrénalik tatsächlich im ganzen höchstens 300 Einwohner zählt und wir nie zuvor von solchen Papieren gehört haben? Das Problem wäre recht einfach zu lösen, wenn zuvor vielleicht erklärt worden wäre, dass er sich extra für diese Reise selbst einen ausstellt (er ist immerhin so eine Art König oder Bürgermeister in unserem Sinne). Aber nein, das Dokument wird einfach erwähnt, als sollten wir glauben, in einem Staat von der Größe eines Dorfes, seit Jahrhunderten abgeschlossen vom Rest der Welt, liefen die Menschen trotzdem mit Personalausweisen herum, weil man das eben (bei uns!) so macht. Schwer vorstellbar.

Auch befremdet die Art und Weise, wie der Umgang mit der neuen, hochtechnisierten Welt gestaltet wird. Die wird nämlich von den Geflüchteten als absolut selbstverständlich hingenommen. Man steigt in den Flieger, man telefoniert, man richtet innerhalb kürzester Zeit eine Art Telefon- oder Funkverbindung nach Vrénalik ein. Außer ganz am Anfang, als Strénid in Ister-Inga weilt, erleben wir keinen Sinn für das Wunderbare, aber vielleicht auch Verstörende bis Erschreckende, das die neue Technik doch eigentlich für Menschen bedeuten müsste, die über Jahrhunderte in den Ruinen einer alten Zivilisation groß geworden sind und gewissermaßen gelebt haben wie Überlebende einer untergegangenen (teils industrialisierten) Antike. Entsprechend ist diese seltene Ausnahme, da die Straßen bildlich mit Flüssen enggeführt werden, dann auch eine der schöneren Passage im Roman:

“Ayant commencé à traverser le pont, Strénid s’arrêta au milieu. Sa montre indiquait deux heures du matin. De rares voitures, des autobus même, passaient derrière lui de droite à gauche, de gauche à droite ; il entendait les pneus rouler sur l’asphalte humide et les moteurs vrombir. Le vent du nord lui soufflait au visage. L’eau noire coulait du sud, loin en dessous, faisant des petits remous apparaissant en bas du parapet grâce aux reflets des lampadaires. Il demeura immobile. Sur les deux rives s’évasant en estuaire luisaient des lumières froides. Des traînées scintillantes de reflets permettaient de deviner, de loin en loin, les courants du fleuve. Ni feu ni ténèbres ni silence : la nuit d’une ville. Ni froid, ni misère, ni isolement : la nuit du Sud. Ni vraie maison, ni famille : la nuit d’un étranger, là où tous le sont plus ou moins. ”

Des weiteren wird meines Erachtens nie wirklich klar, warum die Masse der Bewohner Vrénalik unbedingt verlassen muss. Die Insel scheint vorteilhaft im mittleren Ozean zu liegen, sie ist nun „frei“, man kann reisen. Vrénalik könnte ein Handelsknotenpunkt werden oder ein Ziel für den Tourismus. Tatsächlich wird uns im Verlauf der Erzählung Vrénalik dann auch als plötzlich anstrengend überlaufen vorgestellt. Was allerdings zu einer weiteren Frage führt: warum zur Hölle? Es ist ja nicht so, dass es zuvor unmöglich oder auch nur schwer gewesen wäre, die Insel von außen zu erreichen und wieder zu verlassen. Wenn, wie es nun nahegelegt wird, diese Insel Ressourcen hat, die sich ausbeuten lassen, für Touristen interessant ist und sie überhaupt von all den Unannehmlichkeiten der Moderne überschwemmt wird – warum dann nicht bereits zuvor? Die Insel war bekannt, es kamen zwei Schiffe pro Jahr, sie wurde von Wissenschaftlern untersucht. Die einzigen, die nicht runter konnten, waren die dort geborenen Nachfahren jener, die der Fluch des Träumers getroffen hat. Und hier navigierte Rochon bis dahin sehr geschickt rund um die Frage, ob das nicht doch eher Aberglauben sei, was bisher am wahrscheinlichsten schien.

Balance zwischen Magie und Aberglaube – weg

Diese Balance zwischen existenter Magie und Aberglaube zerreißt „La Dragonne de l’aurore“ aufs Brutalste. In diesem Roman ist Magie real. Superreal. Der Plan des Imperators ist es, mithilfe magischer Kristalle, die unter anderem in seinem Reich und auf Vrénalik an entsprechenden Stellen postiert werden, die dem Buch den Namen gebende „La Dragonne de l’aurore“ anzurufen (fragt mich nicht, was genau das sein soll… ein altes übernatürliches Wesen. „Dragonne“ ist eigentlich eine Art Säbel, hier ist aber eher eine Art Person gemeint (und kein Drache, das ist „le dragon“). Auch der Träumer kehrt als Geist zurück (Es hieß in einem der früheren Bücher einmal poetisch, dass der Geist des Träumers durch die Ruinen von Drahal spuke). Ja, nun… Das ist jetzt nicht mehr poetisch gemeint, der Geist liegt tatsächlich über diesen Ruinen und fährt in den Körper von Anar, die er später zu einem Fluch zu überreden versucht, der die gesamte Welt von Ister-Inga durch die Pest dahinraffen würde (und das ist keine kurze Besessenheit. Die Erzählung springt mehrfach über Jahre. Doch keiner von Anars Mitreisenden scheint zu bemerken oder sich daran zu stören, dass die von einem zweiten Geist „mitbewohnt“ wird, der ihr u.a. sogar Liebesschwüre abverlangt…). Es ist einfach alles zuviel von allem. Sogar das übernatürliche Wesen, die „Dragonne“, kommt zuletzt zu den Asven, und das wird mit einer Lockerheit behandelt, als stehe wer während dem Fußball von der Couch auf und hole sich ein Bier. Ultrareale Magie und diese technisierte Welt – das beißt sich sowieso schon. Es wird aber auch nie ausgelotet, was das für die Weltwahrnehmung bedeuten könnte. Die Protagonisten von der entlegenen Insel erleben stattdessen Autos und moderne Gesundheitsämter, als seien sie schon immer mit Autos und Gesundheitsämtern aufgewachsen, und zugleich Jahrtausende alte übernatürliche Wesen, als seien sie schon immer mit Jahrtausende alten übernatürliche Wesen aufgewachsen.

Der gesamte Weltzusammenhang wirkt überhaupt unplausibel. Hier gilt einmal mehr, dass im Rahmen des sogenannten „world building“ regelmäßig das Ganze umso fragwürdiger wird, je detaillierter es ausgestaltet wird. Hatte Rochon in den vergangenen drei Romanen sich vor allem auf eine Insel konzentriert, von der wir nicht viel mehr wissen als die Figuren dort, und selbst dieses Wissen ist oft unsicher, da besonders der erste Text mythisch entrückt wird, sieht sie sich gezwungen, diesmal unglaublich viel über das Leben in Ister-Inga, Catadial und Vrénalik auszubreiten. Aber was sie ausbreitet, passt einfach nicht. So soll Catadial also ein relativ verschlossenes, zurückgezogenes Land sein? Gleichzeitig herrscht Reisefreiheit, was man daran sieht, das es eine regelmäßige Fluglinie in das Land gibt. Es gibt Massenkommunikationsmittel wie Telefon und Fernsehen (plus wie gesagt Reisefreiheit), und dennoch weiß man außerhalb praktisch nichts über Catadial? Und dann ist da noch das gefährliche Virus, mit dem sich Sutherland infiziert und gegen das er keine Immunität hat, da er ja aus Ister-Inga kommt. Mag sein, dass mir so etwas während der Corona-Pandemie deutlicher auffällt, Unsinn ist es dennoch. Die beiden Länder liegen auf dem gleichen Kontinent, zwischen ihnen wird gereist und wir können davon ausgehen: auch gehandelt. Wenn dieses Virus schon lange in Catadial existiert (das legt der Roman nahe), existiert es auch in Ister-Inga.

Auch noch ein Happy End…?

Vielleicht hätte der Roman gelingen können, hätte die Autorin sich das hin und her Reisen des ersten Teils gespart, uns wieder mit einem großen Zeitsprung in die Welt des Imperiums Catadial geworfen und sich auf die Frage konzentriert, wie gut dieses politische System denn nun tatsächlich ist und dabei die Idee der Auswanderung mit der Frage verknüpft, ob man nicht in diese anscheinend so schöne neue Welt einwandern sollte einfach aus dem Grund, dass sie eben so schön ist (oder ist es nicht doch am Ende hoch problematisch, da immerhin einer Diktatur?) Und gewiss, das ist ein Thema des Romans. Anfangs. Doch anders als die drei Vorgänger, die sich immer mit einer klugen Komposition rund um ein solches Thema zu bescheiden wussten, geht „La Dragonne de l’aurore“ in alle Richtungen aus den Nähten und vergisst auch dieses Thema spätestens ab dem Mittelteil. Dann sind alle nur noch auf die Umsiedlung und die Rückkehr des Jahrtausende alten übernatürlichen Wesens fixiert, und dass das alles in einer Diktatur geschieht, ist sch***egal. Folgendermaßen fasst zum Schluss Chann (vgl. Band 3) Sutherlands Taten zusammen:

„Jayènn Sutherland, célèbre et inoubliable, les éléments de ta vie ont été mis en place les uns après les autres, correctement. Par cela même, l’ordre du monde se trouve renforcé. Tu menas à bien trois grandes tâches : à Vrénalik, la statue de Haztlén ; au Catadial, la valse du solstice d’hiver et la Dragonne de l’aurore ; à Ister-Inga, la danse. Tu reçus l’aide de trois principaux alliés : pour la statue, le sorcier Ivendra ; au Catadial, l’empereur Othoum ; ces deux-là furent tes maîtres, mais il y eut aussi Strénid, qui veille encore sur toi. Tu rencontras trois femmes : de l’éminente sorcière Anar Vranengal naquit Iris, de la lignée des sorcières ; auprès de la puissante reine Solune, tu devins l’élu qui découvre le miracle de la passion et de la sagesse jointes ; quant à la dernière femme, plus humble, elle fut aussi la première. Il s’agit de moi, Chann Iskiad, dont tu fus l’amant à Ougris.“

Ein schon fast klischeehaft heroisches Happy-End, das zum Ton der Serie bis Band 3 einfach nicht passen mag.

All das ist allerdings, zum Glück, wenn man die Serien weiter hohem Ansehen halten will, nicht weiter schlimm. Denn tatsächlich hat jeder Roman zuvor ein so ideal bedeutungsvolles offenes Ende, dass man die Texte für sich allein lesen kann oder die Serie an einem beliebigen Moment beschließen. Meines Erachtens schlägt der dritte Teil perfekt den Bogen zurück zum ersten, und bildet einen geradezu perfekten Abschluss, wie man in meiner entsprechenden Rezension nachlesen kann. Bei einer zweiten Lektüre könnte man sich also durchaus erlauben, den vierten Band einfach zu übergehen.

Bild: wikiart, gemeinfrei

Ein Gedanke zu “Zu viel von allem. „La Dragonne de l’aurore“, der Schluss des Vrénalik-Zyklus, ist ein wenig konsequentes Chaos.

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