Poetisches Panoptikum des ländlichen Russland. Turgenjews „Aufzeichnungen eines Jägers“.

Es ist gut, wenn man den ein oder anderen Klassiker noch nicht gelesen hat. Dann besteht noch einmal die Chance, etwas wahrhaft Schönes zu entdecken, wenn man gerade mal wieder am Einheitsstil der neueren deutschsprachigen Hochliteratur zu ersticken droht. Ja, selbst ein mit massig Schwächen behaftetes Buch wie Schlegels Lucinde (hier einiges über diese Schwächen) kann eine Erholung sein, wenn man zuletzt wieder zehn bis zwanzig dieser Schreibschulen-Buchpreisbait-Titel in Reihe gelesen hat, die mit angezogener Handbremse Moderne noch simulieren, ohne dass das Erzählte wirklich Gründe dafür geben würde. Und Schlegels Lucinde ist natürlich alles andere als ein Meisterwerk.

Wie ich das Buch schon mehrfach beinahe las…

Ein solches aber in jedem Fall ist Turgenjews Aufzeichnungen eines Jägers. Die Geschichte, warum ich diesen Band bis heute nicht wirklich gelesen habe, ist ähnlich verwickelt wie manche der in den Aufzeichnungen versammelten Szenen und Erzählungen, aber zugegeben deutlich weniger interessant. Ich gebe dennoch einen kurzen Abriss:

Ich habe sicher Anfang meines russisch Studiums schon einmal von den Aufzeichnungen gehört, doch nachdem ich eine andere Sammlung von Erzählungen des Autors zwar lesenswert aber nicht wirklich herausragend fand und Väter und Söhne eher ein Traktat mit Handlung als ein runder Roman war, war mein Interesse an Turgenjew weniger groß als an Dostojeskis skurriler Karikatur des Autors in Die Dämonen. Ein bisschen mehr hörte ich von dem Buch während meines Aufenthalts in Kursk, denn die Nachbarstadt Oriol ist die Heimatstadt Turgenjews. Wir nutzten sogar einen unserer wenigen komplett freien Tage zwischen Sprachunterricht und straff getakteten Besuchen bei den Kursker Sehenswürdigkeiten und Betrieben (heftigster Tag: Morgens Wodkafabrik mit Schnapsprobe, Mittags Schokoladenfabrik mit Schokoprobe – Ach, nochmal jung sein und davon nicht kotzen müssen…), um in einer kleinen Gruppe Oriol und das Turgenjewmuseum zu besuchen. Damals begannen mich die Aufzeichnungen zu interessieren, und ich versuchte das Buch sowohl im Buchhandel des Einkaufszentrums als auch in einigen der unglaublich günstigen riesigen Antiquariate aufzutreiben. Vergeblich. Zurück in Deutschland fand ich auch deutsche Ausgaben vergriffen vor und die Neuauflage war mir mit etwa 30 Euro dann doch zu teuer. Irgendwann lud ich mir eine gemeinfreie russische Ausgabe herunter, doch diese Lektüre war dann mehr Arbeit als Genuss. Turgenjew ist kein ganz einfacher Autor, verfasst Texte voller langer Sätze mit einigem sprachlichen Lokalkolorit. Ich mochte, was ich lass, doch mir fehlte die Kraft für das ganze Buch. Tja, und jetzt habe ich eine gemeinfreie deutsche Ausgabe gefunden…

Beobachtungen, Bilder, Mündlichkeit

Die Aufzeichnungen eines Jägers sind einer dieser herausragenden Texte, denen es gelingt, erzählerisch breit detaillierte Szenen aus dem Leben zahlreicher Menschen mit künstlerischer Konzentration zu verknüpfen. Und das, wie in vielen Fällen, in denen das wirklich einmal klappt, indem das Ganze aus einzelnen in sich geschlossenen Texten zusammengesetzt ist, die lose miteinander in Verbindung stehen.

Ein kleinadliger Jäger reist in der Landschaft zwischen Oriol und Kursk herum, jagt hier und dort und kehrt in zahlreichen Ortschaften und Landgütern ein und kommt dabei mit ganz verschiedenen Menschen in Kontakt, die oftmals im Stand der Leibeigenschaft stehen. Er beobachtet und erzählt uns was er beobachtet, er spricht mit Menschen und die erzählen ihm ihre Geschichten, die der Jäger nun uns erzählt. Mal ist es eine Liebesgeschichte zwischen einem heruntergekommenen Adeligen und einer Leibeigenen, mal die Geschichte eines jungen Mannes, der in Moskau Maler wird, das Geld seiner Tante durchbringt und, sich noch immer für den großen Mann haltend, zurückkehrt. Einmal wird jemand beim Geschäft mit Pferden beschissen, ein anderen mal fährt ein Bauer eine Jagdgesellschaft mit einem notdürftig geflickten Flachboot zur Schnepfenjagd auf den See hinaus und das Boot kentert. Auf meist etwa zwischen 10 und 20 Seiten entstehen so sowohl in den Dialogen als auch in der Schilderung sehr bildhafte Szenen eines relativ alltäglichen, wenn auch durch die Ankunft des Außenseiters gestörten, Lebens. Man kann sich allerdings vorstellen, dass besonders die rustikale Schönheit der fingiert mündlich gehaltenen Dialoge in der Übertragung allenfalls sehr näherungsweise vermittelt werden kann.

Rustikale Schönheit, das dürfte auch recht treffend sein für den Reiz der einzelnen Erzählungen. Turgenjew arbeitet einerseits mit opulenten Beschreibungen, so etwa dieser Einstieg in die Geschichte „Die Bjeschin-Wiese“:

“Es war ein herrlicher Julitag, einer von den Tagen, die nur dann vorkommen, wenn kein Wetterumschlag zu erwarten ist. Der Himmel ist dann vom frühen Morgen an heiter; das Morgenrot flammt nicht wie eine Feuersbrunst; die Sonne ist nicht feurig und glühend wie zur Zeit einer Dürre, auch nicht trüb-blutrot wie vor einem Sturm, sondern schwebt hell und freundlich unter einer schmalen und langen Wolke hervor, leuchtet heiter und versinkt im lilagrauen Nebel. Der obere dünne Rand der langgestreckten Wolke glitzert wie voller feiner Schlangen; ihr Glanz erinnert an den Glanz getriebenen Silbers … Schon brechen aber die spielenden Strahlen aufs neue hervor, und das mächtige Gestirn steigt lustig, majestätisch, wie auffliegend empor. Um die Mittagsstunde erscheint gewöhnlich eine Menge runder, hoher, goldig-grauer Wolken mit zarten weißen Rändern. Gleich Inseln, auf einem uferlosen Fluß verstreut, der sie mit tiefen und durchsichtigen Armen einer tiefen Bläue umflutet, bewegen sie sich kaum von der Stelle; weiter unten am Horizont drängen sie sich mehr zusammen, und es ist kein Blau zwischen ihnen mehr zu sehen; aber sie sind selbst da so leuchtend blau wie der Himmel; sie sind ganz von Licht und Wärme durchtränkt. Die Farbe des Horizonts, leicht und blaßlila, ändert sich während des ganzen Tages nicht und ist in der ganzen Runde gleich; nirgends verdunkelt sie sich, nirgends sammelt sich ein Gewitter; höchstens ziehen sich hier und da bläuliche Streifen herab – es ist ein kaum bemerkbarer Regen, der wie eine Saat herabrieselt. Gegen Abend verschwinden diese Wolken; die letzten von ihnen, dunkel und formlos wie Rauch, ballen sich rosenrot der scheidenden Sonne gegenüber; an der Stelle, wo sie ebenso ruhig untergegangen ist wie sie emporgestiegen, bleibt das hellrote Leuchten nur eine kurze Zeit über der dunkelgewordenen Erde, und leise flimmernd, wie eine vorsichtig getragene Kerze, leuchtet darin der Abendstern auf. An solchen Tagen sind alle Farben gedämpft; sie sind leuchtend, aber nicht grell; auf allen Dingen liegt das Siegel einer eigenen rührenden Milde. An solchen Tagen ist die Hitze oft sehr groß, manchmal brütet sie an den Abhängen der Felder; aber der Wind vertreibt und verweht die angesammelte Glut, und Wirbel – sichere Anzeichen beständigen Wetters – ziehen als hohe weiße Säulen über die Wege und Äcker dahin. In der trockenen und reinen Luft duftet es nach Wermut, nach gemähtem Korn und Buchweizen; selbst eine Stunde vor Anbrach der Nacht spürt man keine Feuchtigkeit. Ein solches Wetter wünscht sich der Landmann für die Getreideernte.”

Brutale Leibeigenschaft in herrliche Landschaften gebettet.

Den Erzähler verschlägt es hierbei zu einer Gruppe von Jungen, eigentlich noch Kinder, die die Pferde nachts auf die Weide treiben. Man spricht miteinander und wie in vielen der versammelten Erzählungen wird klar, dass Turgenjew andererseits eigentlich von Schrecklichem erzählt. Denn natürlich werden diese Kinder geschlagen. Denn natürlich sind diese Kinder später nicht frei, in ein anderes Dorf, in eine andere Stadt zu ziehen. Sie sind eben: Leibeigene. Sie werden gegen den Willen ihrer Besitzer nicht einmal heiraten dürfen. All das wird aber hier wie auch wiederum in den anderen Texten kaum als Schreckliches erzählt. Die Kinder und allgemein die Leibeigenen in Turgenjews Geschichten kennen es nicht anders und verteidigen die Umstände teils gar noch gegen manchen missbilligenden Blick und manche kritische Nachfrage des Erzählers. Man mag heute geneigt sein, die Aufzeichnungen eines Jägers deshalb als eine Romantisierung der Leibeigenschaft zu lesen. Doch so wurden sie nicht aufgenommen. Sondern durchaus als die Anklage, als die sie auch intendiert waren, sammt eines Blicks auf das, was auch ganz reales Problem früher russischer Revolutionäre war: dass sich diese Geknechteten tendenziel mit der Herrschaft identifizierten. Doch es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, es braucht keine Predigt, wenn in die Herrlichkeit eines frühen Morgens, mit dem Turgenjew die genannte Erzählung beendet, zum dritten Mal bereits jäh der Tod einbricht, von dem die Jungs vorher schon sprachen, wie Menschen, die dagegen aus Gewohnheit abgestumpft sind, und den auch der Erzähler ganz lakonisch behandelt:

“Ein frischer Lufthauch streifte mein Gesicht. Ich schlug die Augen auf: Es tagte. Der Himmel rötete sich noch nirgends, aber im Osten war es schon weiß. Alles ringsum wurde, wenn auch noch verschwommen, sichtbar. Der blaßgrüne Himmel wurde immer heller, kälter, blauer; die Sterne flimmerten bald schwach und verschwanden bald ganz; die Erde wurde naß, die Blätter schwitzten, hier und da erklangen lebendige Töne und Stimmen, und ein leiser Frühwind strich flatternd über die Erde. Mein Körper antwortete ihm mit einem leichten, freudigen Zittern. Ich stand schnell auf und ging zu den Jungen. Sie schliefen wie tot um das verglimmende Feuer herum; Pawel allein richtete sich halb auf und sah mich aufmerksam an. Ich nickte ihm zu und ging, den dampfenden Fluß entlang, nach Hause. Ich hatte kaum zwei Werst zurückgelegt, als sich rings um mich herum über die weite Wiese und die grünenden Hügel von Wald zu Wald und hinter mir über die lange, staubige Landstraße, über die glitzernden, geröteten Büsche und über den Fluß, der unter dem sich verziehenden Nebel schamhaft blaute, erst hellrote, dann dunkelrote und goldene Ströme eines jungen, glühenden Lichts ergossen … Alles regte sich, alles erwachte, begann zu singen, zu rauschen, zu sprechen. Überall leuchteten wie strahlende Diamanten große Tautropfen; rein und heiter, wie von der Morgenfrische gewaschen, zogen mir Glockentöne entgegen, und plötzlich jagte die ausgeruhte, von den mir schon bekannten Jungen angetriebene Pferdeherde an mir vorbei … Leider muß ich hinzufügen, daß Pawel noch im gleichen Jahr starb. Er ertrank nicht: Er stürzte von einem Pferd und schlug sich tot. Schade, er war ein prächtiger Junge!”

Das Grausame, so dem Schönen kontrastiert, spricht für sich selbst.

Langlebige Kraft durch das Primat der Kunst.

Gewiss, hier ist es nicht die Leibeigenschaft, die den Jungen umbringt, doch ist die Brutalität der Verhältnisse in allen Erzählungen stets gegenwärtig und gewinnt ihre Kraft gerade durch all die Momente der Schönheit, von denen sie umgeben wird. Nicht nur literarisch adelt Turgenjews Entscheidung, aus den Verhältnissen heraus zu erzählen, statt ihnen eine anklagende Figur entgegenzustellen, das Werk. Es dürfte so auch mehr vom Ganzen begreifen als jene mit einem „aufklärerischen“ Impetus. Denn so wie das weitgehende Einverständnis der Leibeigenen Figuren (die dennoch ihre kleinen Akte des Widerstands finden, die aber von ihnen kaum als solche erfahren werden), das Drückende dieses Verhältnisses umso dringlicher macht, so gelingt es Turgenjew zugleich auch, die Adeligen als Menschen zu zeigen, die sich durch ihr Verhältnis zu den Untergebenen entmenschlichen und herunterkommen. Es waren dann ja auch in Russland weniger die Bauern, die das Joch der Leibeigenschaft durch Aufstand oder ähnliches abstreifteen, als die gebildeten Teile des Adels, die dieser Institution den Kampf ansagten. Übrigens nicht nur aus humanistischem Interesse, sondern auch weil deutlich wurde, dass so ein Adliger von ihm zur Pacht verpflichteten „freien“ Bauern, die er in einem Jahr schlechter Ernte nicht durchfüttern muss, deutlich komfortabler lebt als mit der gleichen Zahl von Leibeigenen, deren Leben zu erhalten er im Zweifel verpflichtet ist. So gibt es dann in der russischen Literatur auch einige bekannte Zeugnisse davon, dass Bauern sich je nach Erfolg oder Misserfolg „am Markt“ den früheren Status zurückwünschen, unter anderem verhandelt wird das im Lewin-Plot von Tolstois Anna Karenina.

Wahrscheinlich muss man es nicht extra erwähnen, doch unter den 25 Erzählungen von „Aufzeichnungen eines Jägers“ sind natürlich einige, die deutlich schwächer sind als der Rest und nur eine Handvoll, die wirklich herausragen. Es lohnt aber definitiv, das ganze Werk zu lesen, denn erst durch das Panoptikum der Figuren, das so entfaltet wird, wobei wir einigen Figuren auch mehrfach begegnen, entfaltet sich auch dieses so kraftvolle plastische Bild einer Landschaft und Gesellschaft entlang der Ufer der Oka und in den Ebenen und Wäldern zwischen Oriol und Kursk. Wer aber eine Auswahl treffen möchte, lese in jedem Fall „Chorj und Kalinytsch“, „Lgow“, „Die Bjeschin-Wiese“, „Der Birjuk“, „Die Sänger“, „Es klopft!“ und „Wald und Steppe“ und nehme noch aus den Visionen und andere phantastischen Erzählungen „Drei Begegnungen“ hinzu, ebenfalls eine Geschichte des Jägers und eine der formvollendetsten phantastischen Erzählungen überhaupt.

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