Dichte Komposition rund um die Gezi-Park-Proteste. „Lichtblau“ von Sabine Adatepe.

Schade, dass es zu „Lichtblau“ von Sabine Adatepe bisher noch gar keine Rezensionen gibt. Das ist nämlich ein ziemlich guter Roman, der hätte deutlich mehr Öffentlichkeit verdient.
„Lichtblau“ erzählt von drei Frauen. Der jungen Studentin Lea, Marie, die von der festangestellten Journalistin zur „Festen Freien“ herabgestuft wurde und ein neues Projekt beginnt und der Rentnerin Imke, die mit ihrem Mann Bildungsreisen macht. Alle drei führt ihr Leben gleich mehrfach nach Istanbul, anfangs im Umfeld der Proteste am Taksim-Platz und im Gezi-Park.

Lea, die in Izmir studiert, sich dort auch schon Protesten angeschlossen hatte, wird von Gezi unwiderstehlich angezogen. Aus ihren Augen erleben wir die Welt als eine Art magische Gegenkultur, deren Elemente ungefähr kennen dürfte, wer schon einmal ein längeres Protestcamp besucht hat. Musik und Pantomimen, ein Kostenlos-„Supermarkt“, ellenlange Diskussionen (mit denen uns die Autorin aber zum Glück nicht quält), flüchtige Bekanntschaften, die gleich wie die tiefsten Freundschaften wirken und einige, die zu nächtlichen radikalere Aktionen aufbrechen. Bis das Ganze eben brutal zerschlagen wird. Lea, deren Vater Kurde ist und die gewissermaßen zweieinhalb-sprachig aufgewachsen ist, bleibt auch danach in Istanbul, findet zuerst Anschluss in einem alternativen Stadtentwicklungsprojekt und dann in einem Filmkollektiv, bis sie plötzlich auf eine Spur des lange verschollenen Vaters stößt…

Marie stolpert derweil mehr oder weniger in die Rolle der Leiterin eines dieser modernen interdisziplinär-internationalen Universitätsprojekte, mit Drittmitteln Einwerben, sich an staatliche Stellen heranwanzen und so weiter und so fort. Hafenviertel-Studenten aus Hamburg sollen in Istanbul ein Street-Art-Projekt auf die Beine stellen, was dann vor Ort zu einigen Schwierigkeiten führt. Nicht nur das Verhältnis zur Stadtverwaltung, die ihnen andererseits gehörig Honig ums Maul schmiert, ist gespannt, vor allem mit dem älteren Architekten Orhan aus eben dem alternativen Stadtentwicklungsprojekt aus dem Lea-Strang, ist man sich nicht ganz grün. Orhan setzt auf langfristig verankerte Veränderungen und wirkt auf die Jugendlichen oberlehrerhaft. Für Marie allerdings bahnt sich mit der Zeit eine Beziehung mit Orhan an, und auch die führt dazu, dass sie zumindest vorläufig länger in Istanbul bleibt.

Imke dagegen hat vor allem mit ihrer Familie zu kämpfen. Die Tochter hat den Kontakt abgebrochen die Bildungsreisen, die sie mit ihrem Ehemann unternimmt, stopfen das schwarze Loch, das dieser Kontaktabbruch hinterlassen hat, nicht wirklich und erinnern sogar immer wieder an die Tochter. Kurz vor dem Antritt einer späteren Reise verletzt der Ehemann sich, und Imke muss alleine reisen und trifft dabei auf eine junge Frau, die sogar ganz ähnliche Ansichten vertritt wie die Tochter.

Die drei Handlungsstränge sind in sehr kurzen Kapiteln gegeneinander montiert, führen mehrfach von Deutschland nach Istanbul und wieder zurück, und dabei durch die historischen Umwälzungen zwischen Gezi-Park und dem Putsch von 2016. Dabei blieb mir bis zuletzt eine gewisse Restunsicherheit, ob Marie die Tochter von Imke ist, ein Gedanke, der sich aufgrund gewisser Ähnlichkeiten früh aufdrängt (Marie hat Probleme mit ihren Eltern, das Alter passt und auch gewisse Eigenschaften). Doch es gibt auch einige Unterschiede, die natürlich auch durch die jeweilige Figurenperspektive bdeingt sein können. Wenn ich nichts überlesen habe lässt sich die Frage nicht ganz entscheidend auflösen. Es gibt allerdings einen starken Hinweis aus dem Bereich der Figurenpsychologie, denn sowohl Marie als auch Imke haben gewisse Träume…

Die Komposition ist also sehr gelungen, nicht so festgezurrt, dass es gezwungen wirkt, doch mit drei Handlungssträngen, die sich immer wieder gegenseitig kommentieren. Die thematischen Schwerpunkte sind breit, die Autorin schiebt uns dazu keine Haltung als die „richtige“ unter, und auch sprachlich sowie atmosphärisch ist der Text überzeugend gearbeitet. Durchaus ein Buch, das man mit etwas Abstand auch noch einmal lesen kann.

Und wie gesagt eines, dass mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Die Autorin kennt ihr übrigens vielleicht sogar schon, selbst wenn euch ihr Name nichts sagt. Sie hat zahlreiche bekannte Titel aus dem Türkischen übersetzt, unter anderem von Burhan Sönmez, Asli Erdogan, Can Dündar, sowie die Krimis von Ahmet Ümit .

Bild: Pixabay

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