Diesem Krimi fehlt der Krimi. 1795 ist ein langer Nachgedanke zu den Vorgängern.

1793 von Niklas Natt och Dag war nicht nur ein herausragendes Stück düstere Krimi-Literatur, sondern auch insgesamt eine der stärkeren Neuerscheinungen 2019. Ein atmosphärisch dichter Roman, dem es gelang, einen mitreißenden Spannungsplot mit einem finsteren Zeitgemälde zu vereinen. Der Nachfolger 1794 krankte schon ein wenig daran, dass das kraftvolle offene Ende von 1793 eigentlich keinen Nachfolger gebraucht hätte, doch im Großen und Ganzen wurde wieder eine gelungene Geschichte entwickelt, die zwar Berührungspunkte mit dem Vorangegangenen hatte, und einen übergeordneten Bogen von 1793 weiter führte, jedoch wie schon der erste Roman im Großen und Ganzen hatte für sich stehen können. Der Schluss wieder kraftvoll, doch diesmal vielleicht schon etwas z u offen, so dass klar war, dass ein dritter Teil folgen würde.

Dem Urteil über diesen bei Lesbar, wo ich vom Erscheinen der deutschen Ausgabe erfahren habe, kann ich mich nicht anschließen. Waren die Vorgänger jeweils gelungene Kriminalromane, die aus einer düsteren Variation des klassischen Holmes/Watson-Schemas einen starken Konflikt entwickelten, der durch nachvollziehbare Entwicklungsarbeit im ästhetischen, wenn auch nicht im gesellschaftlichen Sinne aufgelöst wurde (im Hintergrund drängt das Land immerhin auf Revolution), beobachten wir in 1795 vor allem einen Autor, der lose Enden verknüpft. In 1795 sehen wir vor allem Figuren beim Driften durch Stockholm zu. Zuerst Ceton, der schon im Vorgänger eine verbrecherische Rolle bei den Machenschaften der nur vordergründig philanthropischen Bruderschaft spielte und der hierhin und dorthin geht, um wieder aufgenommen zu werden und später ein Verbrechen verübt. Dann dem jungen Elias, der obdachlos mit einer jungen Frau, die in sich selbst eingeschlossen kein Wort mehr spricht, durch die Stadt wandert. Ich denke niemand, der die Vorgänger kennt, dürfte überrascht sein, dass es sich um Anna Stina handelt. Zwischendurch prügelt Cardell den gewalttätigen Aufseher des Spinnhauses zu Tode. Vor dem letzten Drittel bringt Ceton Anna Stina in seine Gewalt, und erklärt ihr noch einmal die Handlung der beiden vorherigen Romane aus seiner Perspektive:

“»Es war nämlich wie folgt: Ein Teil meiner Wohltätigkeit bestand in der Vormundschaft für einen jungen Adligen, der bankrottgegangen war – Erik Drei Rosen. Erik litt an einer seelischen Erkrankung, die ihn immer wieder in Raserei versetzte, auch wenn er sich im Nachhinein nie daran erinnern konnte. Diesem Gebrechen fiel noch in der Hochzeitsnacht seine junge Braut zum Opfer. Meine Zuneigung zu Erik erlaubte es mir indes nicht, ihn einfach der Justiz zu übergeben. Wenn Erik nur ganz und gar genäse, dann wäre damit dem wahren Täter, dem Wahn, das Handwerk gelegt! Aber obwohl ich teuer Geld für die beste Behandlung bezahlte, zu der sie im Hospital Danviken imstande waren, verschlechterte sich sein Zustand, und man wusste sich keinen anderen Rat, als ihn zu seiner eigenen und zur Sicherheit anderer ins Tollhaus zu verlegen. Nur wurden seine Tollheiten dort noch kultiviert. Cardell und sein Gehilfe, ein gewisser Emil Winge, waren von Eriks Schwiegermutter beauftragt worden, den Namen des jungen Mannes reinzuwaschen, und Cardell fand es wohl nur recht und billig, den Verdacht auf mich zu lenken. Warum?

(…)

Wenig später stand das Haus in Flammen. Hornsberget brannte bis auf die Grundmauern ab. Nur wenige Kinder konnten sich retten, an die hundert fielen den Flammen zum Opfer, darunter auch deine Kinder. Der Brandstifter war Erik Drei Rosen, der aus dem Tollhaus entkommen war, wo sie im Übrigen seither die Bewachung beträchtlich verstärkt haben. Und aus welchem Grund? Cardell hatte sich vor Drei Rosen verplappert und den Verdacht geäußert, dass ausgerechnet ich die Tragödie in Drei Rosens Hochzeitsnacht aus finsteren Beweggründen angezettelt hätte. In seiner Verwirrung griff Erik nach jedem Strohhalm, der versprach, seine eigene Unschuld wiederherzustellen.«”

Und dann dürfen wir uns schon langsam auf den Showdown vorbereiten, der eher antiklimatisch verläuft. „Entwicklung“ war das Stichwort, das ich im Zusammenhang mit 1793 und ‚94 zweimal gebraucht habe. „Entwicklung“ im Sinne einer Handlung, die aufgebaut und dann nachvollziehbar zu einem Ende geführt wird, findet in 1795 praktisch nicht statt. Auch kriminalistischen Ermittlungen wohnt man defacto nicht bei. Es wird mal hier und mal dort nach jemandem gefragt, das war es aber auch schon. Und wie die Handlung in der Luft hängt, die tatsächlich nicht mehr ist als ein verlängerter Epilog zu den Vorgängerbänden, so hängt auch die Atmosphäre in der Luft. Das ungeheuer dichte Stockholm der Vorgänger ist zu einer Kulisse geworden, die nur noch aufgerufen wird. Hier enge Gassen, dort mal ein Ballsaal, Schauplätze, die es gerade braucht um dort eine Szene anzusiedeln. Wer unbedingt einen Schluss zu einer Serie braucht, in dem Sinne, dass ein Autor sagt, „Das war’s jetzt!“, muss 1795 natürlich lesen. Es gibt auch zweifelsohne zumindest stilistisch deutlich schwächere Lektüren, keine Frage. Doch tatsächlich hatte die Serie schon zwei gelungene Schlüsse. Zu 1793, das ein fast rundum gelungener starker alleinstehender Roman ist. Und zu 1794, das, wenn die Reihe unbedingt weitergeführt werden musste, als ordentliche Fortsetzung gelten kann. 1795 dagegen sind 500 Seiten auf der Suche nach einem Ende, das doch schon zweimal gefunden wurde.

Bild: Pixabay.

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