Ist Kehlmann der Uhlenspiegel? Das Elend des „Tyll“ und seine einzige Rettung.

Kehlmann präsentiert eine dieser unausgegoren Fingerübungen, für die jeder, der nicht für die Ich-lese-per-se-keine-Unterhaltungsromane pseudointellektuellen Elite schreibt, mit Recht ein paar Watschn bekommen würde. Wie zuletzt schon einige Autoren (zB Mo Yan) benutzt Kehlmann in „Tyll“ das Label „In der Art des Schelmenromans“, um jegliche seit etwa dem 17. Jahrhundert herausgebildete Technik des literarischen Erzählens in den Wind zu schlagen und in einer endlosen Folge im besten Fall mal leidlich unterhaltsamer Episoden drauflos zu schwätzen, im Habitus eines sich dahinziehenden „und dann und dann und dann und dann“.

Geschenkt, dass Kehlmann ein Szenario aus dem dreißigjährigen Krieg wählt, das selbst Grimmelshausen für den modernen Leser bereits ansprechender gestaltet hat, und dann ausgerechnet den Uhlenspiegel in dieses versetzt. Mancher kritisiert die fehlende Historizität. Doch ein talentierterer Autor hätte gerade daraus vielleicht etwas Besonderes gemacht. Aber überschreitet Kehlmann das bedeutungslose Gerede in irgendeiner Weise? In der der Komposition etwa, wie Thomas Pynchon virtuos in seinen historischen Szenarios Stimmen gegeneinander stellt und ein vielschichtiges durchstrukturiertes Kunstwerk entstehen lässt, nur scheinbar beliebig – klar wie ein Kristall und doch schwer zu durch blicken? Nein: Kehlmans Tyll ist tatsächlich bloße Reihe, eben: „und dann und dann und dann und dann“. Ein Episodenroman von beschämender Unverbundenheit.
Oder sprachlich, wie Valle Inclan, der durch betörende Schönheit, quasi durch „Überheiligung“ des Profanen alles Althergebrachte in der Pseudo-Heiligenlegende Adega fragwürdig macht? Mitnichten. Weder versucht sich Kehlmann daran, den dreißigjährigen Krieg sprachlich fühlbar zu machen, noch aber bedient er sich einer leichten, eleganten, zugänglichen, gar einer durchdacht-modernen Sprache. Sein Gemisch aus heutigem Ausdruck und Archaik ist ein wildes „ich weiß nicht wie“, mal so, mal so und ohne zwingende Momente – Jeder Satz könnte auch anders da stehen, das Gegenteil dessen, was Virginia Woolf von ihrer Kunst verlangte und auch lieferte, und was künstlerischer Imperativ der Moderne sein sollte (denn Text gibt es in Massen, es braucht wirklich nicht noch mehr Text).

Ich kann mir kaum vorstellen, wie irgendwer, an den nicht der Lesebefehl des Feuilletons, der subtile Gruppenzwang des Bildungsbürgertums ergangen ist, das Buch zufällig ergreift und sich festliest. Was eine Textwüste ist Tyll gegen den 400 Jahre älteren Quixote, was für ein Backstein gegen den witzigen Quixote Graham Greens und selbst auch noch gegen Schelmen aus der zweiten Reihe wie die Jean Pauls.

Aber vielleicht ist ja die Geschichte so gut, dass all diese Mängel nicht stören? Gegenfrage: Welche Geschichte? Und auch betreffs dessen, wonach das deutsche Feuilleton am meisten giert, politische und sogenannte philosophische „Haltung“, enttäuscht Tyll auf ganzer Linie. Hexenprozesse wurden nicht nach den Regeln der modernen Strafprozessordnung geführt? Echt jetzt? Im 17. Jahrhundert waren die meisten Menschen nicht wirklich als Menschen angesehen sondern verheizbares Volk? Voll die Erkenntnis! (und auch nicht wirklich richtig, zumindest extrem einseitig gedacht). Usw., usf. Noch dazu sind wirklich alle Personen im Buch, die wagen, etwas zu denken, unglaublich dumm. In Analogieschlüssen und absurder Pseudologik verfangenn, als sei die Aufklärung Anfang des 18. Jahrhunderts wie ein göttliches Geschenk über die Menschen gekommen. Man lese da lieber den anderen populären Romanhistoriker, Eco, bei Leibe auch nicht das unfehlbare Genie, zu dem er stilisiert wird, doch sehr viel besser darin, einer Zeit ohne Überheblichkeit des Modernen zu begegnen und herauszuarbeiten, wie viel Ratio bereits im sogenannten „finsteren Mittelalter“ steckte. „Tyll“ ist einer dieser Romane, wegen dem sich Fans von Genreliteratur zu Recht vergackeiert fühlen. Es gibt wirklich so viele besser konstruierte, angenehmer zu lesende, erkenntnisträchtigere historische Romane. Und damit meine ich keine seltenen Meisterwerke wie „Les Misérables“. Sondern was man halt so auf den Wühltischen findet.
Doch Kehlmanns Ehre lässt sich retten. Mehrfach im Roman kommt ein „Gemälde“ vor, das nichts zeigt und das angeblich nur Hochwohlgeborene sehen können, die dann regelmäßig Begeisterung heucheln (eine natürlich ausgelutschte Hommage an Malewitschs Quadrate, „Des Kaisers neue Kleider“ oder Yazmin Rezas „Art“). Tyll ist im besten Fall ein solches Gemälde, die deutsche Leserelite solche Hochwohlgeborene – und Kehlmann selbst der Uhlenspiegel.

Bild: Wiki, gemeinfrei: https://de.wikipedia.org/wiki/Till_Eulenspiegel#/media/Datei:Vlenspiegel_1515_007.jpg

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