Mal wieder: Der schmale Grat zwischen Kunst und Künstlichkeit. Kronauers „Teufelsbrück“.

Ich habe nichts gegen sogenannte „blumige“ oder „verdrehte“ Sätze. Sätze, die in Wortwahl und Struktur die Grenzen des im Alltäglichen Sagbaren ausreizen oder gar sprengen. Sätze wie man sie bei Arno Schmidt findet, bei Toni Morrison oder diesen hier bei Peter Kurzeck:

„Einmal waren die Pflaumen reif und die Äpfel reif und hell auf den Hügeln der Mittag und Drachen am Himmel und drunterher sind an langen Fäden die Kinder gerannt; diesen Tag hat es auch gegeben. “

Solche wahrhaft schönen Sätze sind ganz von Welt durchdrungen, von Natureindrücken, zwischenmenschlichen Beziehungen, Gesellschaftlichkeit. Literatur kann nicht daherschwätzen wie ein Finanzbeamter. Große Literatur verdichtet, und das geschieht leider viel zu selten.

Und dann gibt es diese Sätze, voller gesuchter Worte und gezwungener Wendungen, die nur aus dem Willen des Autors zu kommen scheinen, besonders „literarisch“ oder „tief“ zu schreiben. Über solche stolpere ich leider viel zu oft in Brigitte Kronauers „Teufelsbrück“. Da sieht die Erzählerin zum Beispiel eine gebeugte Frau, „von der Last der gesamten … Literatur …verbogen“. Ja warum denn ausgerechnet von der Literatur, mein Gott? Auch wenn vorher der Erzählerin selbst anstrengend überbildeter Gesprächspartner Specht Rabelais zitiert hat, und die Erzählerin das nur „im Spaß“ denkt, was für ein absurder Gedankensprung ist das denn, die arme Frau, die mit Literatur doch gar nichts am Hut hat (bzw.: noch nicht mal das wissen wir), damit zu belasten?

So geht es weiter: Wenn unsere Erzählerin sich nicht gleichgültig geben kann, weil sie sich freut, dann sagt sie „ich versuchte schnöde zu sein, es glückte nicht aus Gründen der Freude“. Wenn sie sich fragt, ob der Gesprächspartner sie angefasst hat, um sich ihr anzunähern, was er sich bisher nicht traute, heißt es: „wollte er sich durch die Berührung, durch diese scheinbar gut motivierte Frechheit ungeniert entschädigen per Annäherung, die er bisher nicht gewagt hatte?“
Und selbst vor reinem Unsinn schreckt die Autorin nicht zurück. Da lässt sich etwa Specht „den unerkannten Spott gefallen“. Wie das? Gefallen lassen kann ich mir Spott, wenn ich ihn erkannt habe. Habe ich nicht erkannt, bedeutet das nicht Reagieren darauf genau das: Ich WEIß nicht, dass ich verspottet werde. Das kann ich mir aber schlecht „gefallen lassen“, denn gefallen lassen setzt ein Wissen voraus, dass ich reagieren KÖNNTE.

Noch ein paar Beispiele, weil sich an Kronauer Recht exemplarisch der Unterschied zwischen solch deutsch-raunenden Sätzen zeigen lässt, die ich an anderer Stelle nach Hans Henny Jahnn „Jahnnierismen“ getauft habe und solchen, die ich in meinem Aufsatz über „schöne Sätze“, naja, eben „schöne Sätze“ genannt habe.
Da sagte etwa Specht auf Seite 123 „Die einen suchen in der Stille und dem Gewühl ihr ganzes Leben lang den Edelstein, die anderen wollen selbst gefunden werden“. Nun gut, vielleicht ist das einfach Spechts Art zu reden. Doch die Erzählerin kommentiert sogleich, dass die zuhörende Sophie „Zeichen enormen Staunens“ fabriziere. Sie staunt nicht, nein, sie fabriziert Zeichen! Und auch die Buchhändlerin Sophie macht natürlich gleich so weiter, an Specht anschließend, der in Zitaten spricht: „Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen des schönen Elbstroms“.
So geht es regelmäßig im Roman. Alle Figuren klingen wie die Erzählerin, die Erzählerin klingt, muss man mutmaßen, wie Kronauer, und selbst das wäre vielleicht noch nicht schlimm, wenn die Autorin ihre Figuren nicht mit ganz profanen Berufen, Lebensalltag und Lebensgeschichten ausstatten würde. Da fehlt einfach die besondere Welt, die, wie etwa in Kurzecks „Das schwarze Buch“, den Ton rechtfertigen würde. An anderen Stellen gilt das nicht unbedingt. So etwa ein wirklich schöner Satz noch immer auf der gleichen Seite, diesmal Erzählerinnen-Rede:

„Schon bewegten wir uns auf den Ausgang zu. Die stern- und rosenblütigen Formen, die gezackten und gefiederten, die Glocken, Dolden, Trauben, strömten gegenläufig an mir vorbei. Sie flogen mit nachlassender Beschleunigung auseinander, wurden immer mehr, immer verschiedener bei ihrem Auseinandersteuern aus einer einzigen Faust, im ursprünglich rasenden, jahrtausendelangen, verlangsamten Flug.“

Die beschreibende Passagen passt: Ist Hintergrund des Gespräches doch ein tropisches Vogelhaus, in dem man sich für einen kurzen Plausch getroffen hat. Ja: wo immer die Autorin die Prätention etwas zurückfährt ergeben sich nicht gerade wunderschöne, doch angenehme Passagen, von denen man sich schmeichend umspülen lassen kann. Aber für über 500 Seiten ist das ein bisschen wenig. Zumal es auch wirklich überhaupt keine Handlung gibt, die das ganze im Hintergrund wenigsten etwas auspolstert.
Oder von mir aus, es gibt natürlich eine Art Handlung, eine Liebesgeschichte mit ein paar Verwicklungen. Die wird aber so regelmäßig von seitenlangen Beschreibungen kopulierender Schildkröten oder einer Erzählung über einen Bär, Giraffen und ein Zebu unterbrochen, dass sie einem wirklich egal sein kann. Ja, sogar die Giraffenerzählung wird wieder unterbrochen. Von dem unglaublich passenden Einschub „weil es mir da gerade einfällt: Elisabeth Taylor war in dem Ivanhoe-Film eine junge Jüdin. Etwas Schöneres hatte man wohl noch nie gesehen“
(Man merke: „war“. Kronauers Interesse an komplizierten Satzkonstruktionen wird keineswegs von einem Interesse an äußerster Genauigkeit angefeuert, sonst stünde da natürlich „spielte“.

Ich habe bekanntlich wirklich nichts gegen Romane, die zu Gunsten von Situationen, Eindrücken und assoziativem Umherschweifen eine Handlung im klassischen Sinne ganz oder fast beiseite lassen. Jedoch brauchen gerade solche die absolut konsequente Durchgestaltung, die Komposition auf die perfekte Synthese der Welt und Spracherfahrung hin. Teufelsbrück mit seiner ellenlangen „was passiert als nächstes“-Pseudohandlung, die dazu noch seltsam unverbunden zum bemühten Sprachschaffen steht, ist davon meilenweit entfernt.

Bild: Pixabay.

2 Gedanken zu “Mal wieder: Der schmale Grat zwischen Kunst und Künstlichkeit. Kronauers „Teufelsbrück“.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..