Cyberpunk mit mehr Punk als Cyber. „When the music’s over“ von Myra Çakan

„When the music’s over“ bzw. „Hier kommt die Flut“ von Myra Çakan ist mal wieder eine Empfehlung von Fragmentansichten. Ein im Großen und Ganzen sehr lesenswertes Buch. Ich fasse mich aufgrund von Neujahrsmüdigkeit und anderer Schreibarbeit dennoch möglichst kurz.

Es handelt sich um eine Art Cyberpunk-Erzählung, man könnte es aber auch er der postapokalyptischen Dystopie zuordnen. Die Apokalypse ist dabei in relativ weitsichtiger Weise eine langsame und zumindest teilweise selbst herbeigeführte. Einerseits steigen die Meeresspiegel und haben mittlerweile die meisten Küstenstädte unbewohnbar gemacht. Zusammengebrochene Staaten, große Fluchtbewegungen, all das hat weite Gegenden der Welt, darunter auch das jetzt im Elend geeinte, aber immerhin geeinte, Europa, zu radikal postkapitalistischen Kampfplätzen gemacht, in denen neben dem Tauschgeschäft das Recht des Stärkeren regiert. Allerdings gab es nebenbei auch noch eine ähnlich graduell verlaufende Alien-Invasion, die als Handelsbeziehung begann, die eine sehr potente Droge in die Welt brachte, der immer mehr Menschen verfallen.

Während man beim apokalyptischen Szenario das Gefühl hat, eine relativ treffende Parabel auf die Probleme unserer Zeit zu lesen (sehr viel treffender als etwa bei „Don’t look up“), wirken die Cyberpunk-Elemente in faszinierender Weise antiquiert. Für unsere Begriffe sind die technologischen Gadgets, die genutzt werden, geradezu altertümlich. Naheliegend: Der Verfall der Welt nahm wohl irgendwo in den 90ern so richtig Fahrt auf, als gerade die ersten Pentium-Rechner für Gamer geradezu zu Sehnsuchtsmaschinen wurden. Wer Cyberpunk in erster Linie mit William Gibson und seinen Imitatoren sowie virtueller Ganzkörper-Realität à la „Ready Player One“ verbindet, denkt sich vielleicht: Das ist doch kein Cyberpunk. Der Großteil der Handlung findet auf Marktplätzen, Festivals, in der Gosse und zwischen Ruinen statt. Eine Art weltweites Netz spielt eine untergeordnete Rolle und ist, wo es existiert, sogar ein Rückschritt gegenüber dem WWW der 90er. Letztendlich würde ich aber sagen, der Titel verdient den Namen Cyberpunk eher, und besonders den Punk-Aspekt des Ganzen, als die meisten Romane, Filme und was nicht noch alles, die heute das Wort „Punk“ als fast sinnentleertes Suffix im Namen führen. Denn Punk als Bewegung zwischen no future, kaputt in den Tag leben und Akten verzweifelten Widerstandes spielen in „When the music’s over“ anders als in vielen anderen solcher Werke tatsächlich eine zentrale Rolle. Als Subkultur, als Musik, als Lifestyle.

Zentral dreht die Handlung sich um eine Gruppe Jugendlicher, die im Verlauf der ersten Hälfte erst zusammen findet und Aliens bekämpft. Um eine schon halb zerfallene, ehemals gefeierte Band, die auf einem Festival noch einmal auftreten soll. Und um die Frage, wie eigentlich tatsächlich das Verhältnis der verbleibenden Weltregierungen zu den Aliens gestaltet ist. Besonders die Vorstellung, dass das dystopisches Setting mit seinen vielen Nischen zum sich irgendwie Durchschlagen auch wieder Raum lässt für faszinierende Schübe der Kreativität und das zwischen alten Ölbohrplattformen so eine Art neue Hippie-Kolonie entstanden ist, finde ich eine faszinierende und durchaus folgerichtige Entwicklung. Überhaupt ist das stark, was man gemeinhin „World-Building“ nennt. Und wen allen Romanen, von denen sich das sagen lässt, gilt: Çakan erzählt einfach aus ihrer Welt heraus. Keine langen „so und so ist das alles“-Passagen, nichts Reiseführerartiges, es wird nicht mehr erklärt als in einem „realistischen“ Berlin-Roman zB auch erklärt würde. Wir erfahren die Welt in personaler Perspektive aus den Augen der zahlreichen Figuren, die sich irgendwie durchwursteln. Der Stil ist temporeiche gehalten und trifft einen Ton, der zu dieser Welt passt. Die Kapitel sind kurz und auch wenn man es anfangs kaum glauben mag, finden die zahlreichen Stränge zum Schluss hin überzeugend zusammen.

Ab hier Spoiler

Eine Einschränkung: Der Schluss überzeugt mich überhaupt nicht. Da reisen die Jugendlichen mit einem neuen Verbündeten in den hohen Norden. Im ewigen Eis taucht wie durch Magie noch mal eine ganz neue Technologie auf, ein organisches Alienschiff, das mit den anderen Aliens anscheinend nichts zu tun hat aber irgendwie genau die Schnittstelle bietet, die es braucht um ein Virus in die Systeme der anderen Aliens zu applizieren. Dabei hatte Çakan zuvor noch zu meiner Zufriedenheit erklärt, dass genau das nicht so einfach möglich sei: Mit menschlichen Computerviren eine ganz andere Technologie zu infizieren. Und dann sieht die Lösung so aus:

»Wie soll dann der Virus eingespeist werden?« Wiesel war ratlos. »Ich weiß, wie.« Sunshine klappte die Rückseite des Cyber3 auf. »Wenn das hier auf Alien-Technologie beruht, dann … Hier ist es!« Sie zog ein dünnes gewundenes Kabel, das an zwei bewegliche Fühler erinnerte, aus dem Laptop. »Du musst dir die Enden in die Nase stecken.« Sie winkte Garfield. »Und du startest das Programm und lädst es in Wiesels Kopf.«”

Nee, soviel „willful suspension of disbelief“ mache ich nicht mit. Das Ende hängt total in der Luft. Und wäre doch auch gar nicht so nötig gewesen. Wurde nicht zuvor schon etabliert, dass diese Aliens das Interesse an einem Planeten verlieren könnten, wenn er sich „irrational“ verhält, was letztlich bedeutet, zu viel Widerstand zu leisten? Und die jungen Widerstandskämpferinnen und Kämpfer hatten doch gerade, und bis hierhin war die Geschichte noch relativ glaubhaft, eine Basis am Meeresgrund gesprengt. Damit hätte man doch durchaus schließen können. Und die Erde mit der Frage allein lassen, wie die Menschheit nun damit umgeht, dass ein Teil den Rest an die Aliens verkauft hat.

Nun ja. „When the music’s over“ ist ansonsten ein starker Roman, doch wer ein wirklich überzeugendes Ende erwartet, könnte enttäuscht werden.

Bild: Pixabay.

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