Finale mit reichlich Gemetzel. „Der Zusammenbruch“. Émile Zola Serie 19.

“Der Zusammenbruch” heißt der vorletzte Roman in Émile Zolas Rougon Marcquart Zyklus. Und da Zolas Titel eigentlich selten geheimnisvoll daher kommen, handelt er auch genau davon. Vom Zusammenbruch des Kaiserreiches unter Napoleon III, von den letzten Tagen des Deutsch-Französischen Krieges und in geringerem Umfang von Aufkommen und Zerschlagung der Pariser Kommune.

Im Roman treffen wir Jean Marcquart wieder, der sich nach dem Zusammenbruch seines zivilen Lebens in „Mutter Erde“ (alternativ „Die Erde“) erneut freiwillig zur Armee gemeldet hat. Der Text eröffnet mit der dichten beklemmenden Schilderung eines Soldatenlagers an der Front, wo sich Jean, bekanntlich einfacher Bauer, mit dem gebildeten gutbürgerlichen Maurice angefreundet hat. Jean ist allerdings auch Maurice Vorgesetzter. Ein weiterer Protagonist, Weiß, erklärt seinen Kameraden, dass der Krieg schon verloren sei und tatsächlich treffen immer mehr beunruhigende Nachrichten ein. Bald bricht die Front, das Bataillon befindet sich auf dem Rückzug und wird dann in die Fatale Schlacht von Sedan und die Kanonade und das Gemetzel von Bazeilles verwickelt.

Vollendeter als Tolstoi?

Ein solcher Roman, der größtenteils im Krieg spielt, zwingt einen Vergleich geradezu auf: Mit Tolstois epochalem Meisterwerk Krieg und Frieden, das ich bekanntlich für einen Text mit deutlichen Schwächen halte.

Strukturell ist „Der Zusammenbruch“ definitiv der bessere Roman. Und wo Tolstoi größtenteils Adlige als Protagonisten führt, aber in langen, mit der Handlung kaum verbundenen, Essays über die Bedeutung des „Geist des Volkes“ und der einfachen Leute doziert, zeigt uns Zola all das im Guten und im Schlechten. In seiner Armee stoßen tatsächlich die Klassen aufeinander und keiner ist als Protagonist berechtigter als der andere. Seine Schlachtfelder derweil sind brutal. Da ist wenig von Tolstois Idealismus. Die Armee im Zusammenbruch ist ein chaoitischer Haufen, für die eigene Bevölkerung oft gefährlicher als für den Feind. Es wird gemordet, geplündert, Kameraden hintergehen sich. Aber gleichzeitig entstehen so auch Momente echten Heldentums, Momente in denen Menschen anderen helfen, ohne dass noch ernsthafte Hoffnung auf einen großen Sieg bestünde. Besonders heraussticht dabei eine Episode, in der sich Hélène (in meiner Übersetzung Henriette???), die Ehefrau des Protagonisten Weiß, in das bereits aufgegebene, nur noch von einigen Eingeschlossenen verteidigte Bazeilles durchschlägt. Während wir parallel ihr Vordringen und den Abwehrkampf der letzten Kräfte beobachten, erreicht sie die Stadt und das eigene Haus gerade noch rechtzeitig, um mitzuerleben, wie der geliebte Mann exekutiert wird. Bazeilles ist verloren.

Wo Tolstoi von der Bedeutung der Masse redet und erzählerisch dennoch den Kaiser glorifiziert, vermenschlicht Zola seinen Kaiser erzählerisch (hier zB im Bericht eines Soldaten):

„»Kurz, da stellte nun der Diener den Klappstuhl auf am Rande eines Kornfeldes, an der Ecke eines großen Busches, und da setzte der Kaiser sich hin … Er blieb unbeweglich vornübergebeugt; wie ein kleiner Rentier sah er aus, der seine Schmerzen in den warmen Sonnenschein bringt. Mit seinem traurigen Blick sah er über den weiten Horizont, wie unten die Maas durchs Tal lief, und drüben über die Waldhügel, deren Gipfel sich in der Ferne verlieren, den Gipfel der Wälder von Dieulet links, den Kopf von Sommauthe rechts …

(…)

Der Kaiser wollte nicht glauben, daß sie sich bei Beaumont schlugen. Aber, nicht wahr? ich konnte doch nur dabei bleiben, um so mehr, als die Granaten, die durch den Himmel flogen, an der Straße von Mouzon entlang immer näher kamen … Und da, so klar wie ich Sie selbst sehe, Herr Hauptmann, da sah ich, wie der Kaiser sein blasses Gesicht nach mir herumdrehte. Ja, er sah mich einen Augenblick mit seinen trüben Augen an, die sehr trotzig und traurig aussahen. Und dann sank ihm der Kopf wieder auf die Karte und er rührte sich nicht mehr.«“

Die Atmosphäre

Derweil erweist sich Zola einmal mehr als Meister der atmosphärischen Gestaltung. Die Art und Weise, wie er düstere Szenen auf dem Schlachtfeld immer wieder durch beinahe, aber eben nur beinahe, entrückte Naturbetrachtungen erlöst ist überwältigend:

“Die Nacht kam herauf, als die 106er durch Angecourt zogen. Rechts zogen sich weitere Gipfel hin; aber der Paß erweiterte sich links, in der Ferne erschien ein bläuliches Tal. Endlich sah man von den Höhen von Remilly in den Abendnebeln ein blaßsilbernes Band zwischen endlos weit sich hinziehenden Wiesen und Feldern. Das war die Maas, die so heißersehnte Maas, von der her ihnen der Sieg zu winken schien. Und indem Maurice den Arm gegen die kleinen Lichter in der Ferne ausstreckte, die fröhlich im Grünen auf dem fruchtbaren Talboden funkelten, von köstlichem Reiz in der sanften Dämmerung, da sagte er in der freudigen Erleichterung jemandes, der ein geliebtes Land wiederfindet, zu Jean: »Siehst du da unten… das ist Sedan!«

(Der Leser weiß natürlich: Sedan ist beinahe Synonym mit dem nahen Tod).

Manchmal wird, was aus der Nähe noch das Allerbrutalste ist, dann aus der fernen Betrachtung sogar selbst zu einer Art Naturphänomen. Für einen Moment wirkt der Krieg vom fernen Hügel betrachtet nur noch wie eine Art Wetter, das sich über die Maas oder die Ardennen legt:

„In der Mitte hob sich von dem dunklen Hintergrunde des Ardenner Waldes, der wie ein altgrüner Vorhang am Horizont aufgespannt schien, Sedan mit den geometrischen Linien seiner Befestigungen, die im Süden und Westen die überschwemmten Wiesen und der Fluß bespülten. In Bazeilles flammten bereits Häuser empor, der Staub der Schlacht hüllte den Ort mit seinem Dunst. Im Osten von La Moncelle bis La Givonne sah man sodann nur ein paar Regimenter des zwölften und des ersten Korps wie Insektenzüge sich über die Stoppelfelder hinziehen und zeitweilig in dem engen Tale verschwinden, in dem diese Weiler verborgen lagen; gegenüber lag die Rückseite der feindlichen Stellung auf hell erscheinenden Feldern, die das Chevaliergehölz mit seinen grünen Massen durchsetzte. Am besten aber konnte man im Norden das siebente Korps sehen, das mit seinen beweglichen schwarzen Punkten die Hochebene von Floing besetzt hielt, einen breiten Streifen rötlichen Geländes, der sich vom Garennegehölz bis zu den Büschen am Rande des Wassers hinabzog. Darüber hinaus lagen noch Floing, Saint-Menges, Fleigneur, Illy, lauter in den Wellen des Geländes versteckte Dörfer, die ganze Landschaft durchaus hügelig, von steilen Böschungen durchschnitten. Nach links kam dann auch die Maasschleife, deren ruhiges Wasser in der hellen Sonne wie blankes Silber erglänzte; sie versperrte mit ihrem weiten, träge fließenden Bogen den Weg nach Mézières vollständig und ließ zwischen ihrem Uferrande und den undurchdringlichen Wäldern nur den Paß von Saint-Albert als Durchgang offen.“

Schwächer als Tolstoi?

All das klingt nun, als sei „Der Zusammenbruch“ ein selbst „Krieg und Frieden“ in allen Belangen überlegenes Meisterwerk. Doch so weit würde ich nicht gehen. Es stimmt, der Roman ist definitiv sauberer komponiert und im Großen und Ganzen stilistisch runder. Aber zumindest jetzt, nach meiner ersten Lektüre, fehlt ihm gleichzeitig die Dauer, man könnte sagen, die „staying power“. Das könnte mehrere Gründe haben. Einerseits baut Zola dadurch, dass er uns direkt ins Kriegsgeschehen wirft, keine starke Bindung zu den Figuren auf. André, Pierre, Rostow und die anderen kennen wir durch vielfältige Ereignisse und Konflikte bereits ehe der „Große vaterländische Krieg“ ausbricht. Außerdem sind sie, besonders Pierre und Rostow, in ihrer starken Überzeichnung zwar leicht grotesk, aber eben auch sehr rund wirkende Figuren, zu denen man gleich Körper, Gesicht, Mimik, Gestik hat. All das bleibt, wie so oft bei Zola, in „Der Zusammenbruch“ deutlich blasser. Die tragische Frontreise Hélènes etwa, so gut sie geschrieben ist, so emotional sie eigentlich sein müsste, sie berührt deutlich weniger als Pierres Fronterkundung, da Hélène als Figur bisher kaum entwickelt wurde, nicht viel mehr darstellte als “Weiß Ehefrau” – was schade ist, denn diese Reise könnte ansonsten eine der stärkeren Szenenfolgen der bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhunderts sein.

Dann schafft Tolstoi dadurch, dass er einem langanhaltenden Schlachtengeschehen von Anfang bis Ende folgt, während die Protagonisten langsam in diesen Krieg hinein rutschen, tatsächlich einen ganzen Kosmos des Krieges, der Beziehungen der Figuren und der Beziehungen der Staaten untereinander. Dagegen bleibt „Der Zusammenbruch“ eher Episode. Sowohl für die Figuren als auch für das Kriegsgeschehen reicht es nicht, das Zola einiges in den vorigen Romanen vorausgedeutet hat. Es entsteht dennoch nicht derselbe Eindruck von etwas Zwingendem, das auch uns als Leser fast persönlich bedrängt, da unser Weg mit den Figuren und der Geschichte einfach deutlich weniger verbunden ist. Zuletzt mag natürlich auch eine Rolle spielen, dass ich Krieg und Frieden mindestens zweimal gelesen und seit Jahren etwa jährlich als Hörbuch gehört habe. Allerdings fürchte ich, Zolas Roman wird diese Ehre nicht zuteil werden, solange es kein Hörbuch gibt. „Der Zusammenbruch“ ist der deutlich sauberer komponierte Text, doch Krieg und Frieden erschafft deutlich mehr von diesen Figuren und Momenten, die in Erinnerung bleiben. Allein der Moment, in dem Pierre über dem zerstörten Moskau des Kometen gewahr wird!

Ich bin stets schon etwas genervt, wenn ich Krieg und Frieden einmal wieder beginne, weil ich weiß, dass ich mich durch Stunden erschreckend geistloser Essayistik quälen muss. Aber das Ganze ist es dann doch wert. „Der Zusammenbruch“ bekäme sicher eine Chance als Hörbuch, doch ich fürchte, aus den oben genannten Gründen würde es trotz der runderen Gesamtanlage nie zu einem in gleicher Weise zwingenden Werk.

Gerüchte, dass der Romen auch die Pariser Kommune behandele, sind derweil weit übertrieben. Die kommt eigentlich nur auf ein paar Seiten vor und vor allem als Reaktion auf den Krieg, nicht in ihrer sozial/politischen Bedeutung. Welch eine verschenkte Möglichkeit, Etienne, den Helden von Germinal und Jeans Bruder, in einer starken Nebenrolle zu besetzen – und das obwohl er, wie wir in „Doktor Pascal“, dem letzten Roman, erfahren werden, natürlich aktiv war in Aufstand und Organisation.

Ist der Text nun eine Pflichtlektüre, wenn man sowohl das Beste lesen als auch einen runden Eindruck des Zyklus bekommen möchte? Das kommt drauf an, wie man den Zyklus sieht. Sieht man ihn als chronologische Reihe von Erzählungen über zwei Familien quer durch das Kaiserreich, dann könnte man sagen, dass was mit den Aufständen aus „Das Glück der Familie Rougon“ begonnen hat, hier zu seinem logischen Ende geführt wird, mit Doktor Pascal als Epilog. Dann kommt man um „Der Zusammenbruch“ gar nicht herum. Sieht man wie ich die Stärke im Zyklus eher in dessen Querschnitt durch die französische Gesellschaft, dann ist diese Soldatenwelt, auf die ja auch in anderen Romanen schon Schlaglichter geworfen worden, weniger interessant und man kann den Text zwar lesen, muss es aber nicht. „Der Zusammenbruch“ ist nicht wirklich typischer oder essentieller Zola, sondern hat ein bisschen etwas von einem modernen Serienfinale, wo Schlachten einen exorbitanten Raum einnehmen.

Bild: wiki, gemeinfrei

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