Die Schwächen der Prosa Rainer Maria Rilkes 2: Zwei der besseren Erzählungen und warum sie frustrieren.

Die Prosatexte von Rainer Maria Rilke, genauer die Erzählungen, sind so unglaublich frustrierend. Ich hatte schon einmal relativ kurz die Sammlung dieser Texte besprochen. Heute möchte ich auf einen Text eingehen, der das Problem genauer nachvollziehbar macht. Es handelt sich nämlich nicht einfach um schlechte Texte. Es handelt sich um frustrierende Texte.

„König Bohosch“ beginnt als einer der stärkeren im Buch und ist teilweise wirklich faszinierend, wenn nicht sogar herausragend. Eine Gruppe abseitiger Künstler in Prag. Darunter der kleine bucklige Bohosch, der zu Beginn dem Frühlingsfrust seiner Freunde Lebensbejahung entgegenstellt. Herrliche Prager Frühlingsszenen. Eine wunderschöne Sprache, die zeigt, dass Rilke auch in der Prosa genau den richtigen Ton finden kann. Dann spitzt sich das Ganze zu. Es gibt ein Geheimnis. Bohosch zeigt seinem Bekannten Rezek ein Loch, eine Art Höhle oder einen kleinen Keller, nahe seines Wohnhauses. Der andere erkundet das Loch tief, was sich Bohosch nie getraut hat. Rezek versucht Bohosch als revolutionären Redner zu rekrutieren, doch der hat mehr Interesse an seiner Geliebten, von der nicht ganz klar ist, ob sie wirklich seine Geliebte ist, aber sehr klar ist, dass sie früher auch die Geliebte des früh verstorbenen Vaters war. Bohosch erlauscht im Loch etwas über diese Geliebte und ist nun bereit, stattdessen die Revolution anzuführen. Und dann …

… Wird irgendeine andere revolutionäre antideutsche Gruppe hochgenommen, die mit unserer überhaupt nichts zu tun hat und Bohosch möchte jetzt nur noch seine Geliebte einmal sehen und dann plätschert die Geschichte aus. Wir haben Bohosch niemals als Redner gesehen, es war nicht seine Gruppe in seiner Abwesenheit, was halbwegs für eine nachvollziehbare Klimax gesorgt hätte, und die ganzen so schön aufgebauten Motive vom Anfang bleiben ziemlich unverbunden und hängen in der Luft. Der Frühling. Das Erkunden der Höhle. Die revolutionäre Rednerschaft. Die Geliebte und der verwirrender Traum, den Bohosch von der Schwester dieser hatte.

Und das ist das Frustrierende an den meisten dieser Texte: sprachlich wunderschön, nicht einmal überpoetisch, wie man es von einem Dichter wie Rilke vielleicht befürchten könnte. Durchaus mit Ansätzen zu einer echten Geschichte. Und dann meist ein wenig konsequentes zu Ende Führen dieser. Entweder dadurch, dass die Figuren alle schrecklich krank und hinfällig sind und das beklagt wird (das sind die schlimmeren Fälle), oder durch ein Ende, das alles andere als konsequent aus dem Beginn entwickelt wirkt. Man glaubt sich um das Potential dieser Texte betrogen. Und wer jetzt meint, das sei nur mein Problem, man könne ruhig auch einmal etwas lesen, bei dem die Atmosphäre im Vordergrund steht – ja, kann man. Wenn ein Text konsequent darauf hin aufgebaut ist. Robert Walser etwa oder Adelheid Duvanel wirft man für gewöhnlich nicht mangelnden Zusammenhalt ihrer Texte vor. Sie wissen, wie lang so ein Text sein darf, wie man durch ihn führt, wenn er doch einmal länger ausfällt und tatsächlich haben diese beiden MeisterInnen der Nicht-Handlung doch ein solideres Handlungskorsett für die besten ihrer Texte als Rilke für seine. Und es dürfte einfach kein Zufall sein, dass ein so berühmter Dichter wie Rilke trotz prinzipiell gelungener Prosasprache als Erzähler praktisch vergessen ist. Sein Prosawerk ist frustrierend. Einfach nur frustrierend. Womit ich nicht sagen möchte, dass man es nicht lesen soll. Es ist aus historischen Grüden definitiv interessant und man findet wirklich ein paar wunderschöne Momente darin. Und auch ein paar wenige gelungene Erzählungen. Man beschwere sich nur im Nachhinein nicht bei mir, wenn man von den meisten Texten frustriert ist.

Bild: Pixabay

Ein Gedanke zu “Die Schwächen der Prosa Rainer Maria Rilkes 2: Zwei der besseren Erzählungen und warum sie frustrieren.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Nun, den Malte Laurids Brigge (oder so) habe ich zweimal mit Hochgenuss gelesen. Die Erzählungen kannte ich nicht, und ich verstehe die Kritik durchaus. Bei dem Laurids Brigge mag ich das Brüchige, Diaphane, diese gespenstische Atmosphäre zwischen allen Zeiten und Räumen, dahingewoben. Es ist beinahe kein Text, so fadenscheinig führt er über die Handlung dahin. Ich schau mal in die Erzählungen rein, hört sich interessant an. Viele Grüße.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.