„Ende in Sicht“ von Ronja von Rönne ist eine kurzweilige Roadnovel mit ein paar Schwächen.

Wie man „Ende in Sicht“ von Ronja von Rönne bewertet, dürfte stark davon abhängen, was für ein Buch man erwartet. Es handelt sich sicher um keinen Text, der mit einer besonderen Sprache, Bildern oder Komposition derart überzeugt, dass man ihn wird regelmäßig wieder lesen wollen. Fans der Kolumnen der Autorin, ihres weiteren Online-Contents und auf Freunde des letzten Romans dürften aber sehr zufrieden sein. „Ende in Sicht“ wirkt fokussierter als „Wir kommen“, einfacher in der Anlage und konsequenter entwickelt. Es ist letztendlich vom Aufbau her ein typisches Roadmovie in Buchform, also nennt man das wohl: „Road Novel“. Zwei unterschiedliche Figuren, die das „Schicksal“ aneinander kettet und die feststellen müssen, dass sie das Ein oder Andere voneinander lernen können. Und in diesem Genre gehört „Ende in Sicht“ durchaus zu den lesenswerteren Exemplaren, deutlich unterhaltsamer etwa als der schrecklich bemühte Buchpreis- Finalist „Eurotrash“ von Christian Kracht oder das gefeierte, doch bis zur Unlesbarkeit redundante „Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš.

„Ende in Sicht“ erzählt, wie ihr wahrscheinlich alle schon wisst, weil ihr den Klappentext gelesen habt, von Julia, die sich umbringen will und von einer Brücke springt, und dabei ausgerechnet auf der Motorhaube von Hella landet, die mit ganz ähnlichen, doch deutlich kühler gefassten, Plänen in die Schweiz fährt. Juli ist ein Teenager, die, wohl etwas verfrüht, Lebensbilanz gezogen hat und das Leben für nicht lebenswert hält. Hella eine ehemalige Schlagersängerin, die ihre erfolgreichste Zeit weit hinter sich hat. Dann klappern die beiden einige Stationen ab. Das Krankenhaus und der obligatorische Versuch, sich voneinander zu trennen, den Plan zu einer gemeinsamen Reise nach Ulm, wo Julis Mutter wohnen soll. Ein dörfliches Feuerwehrfest, wo Juli eine Erfahrung macht, die sie auf die Idee kommen lässt, das Leben könnte doch nicht durch und durch schlecht sein. Den Besuch bei Hellas Mutter in einem Schlagerverrückten Altenheim.

Anders als manch andere Road-Novel hat von Rönne mit Ende in Sicht zuerst einmal das richtige Händchen für die Länge. Sprechen wir nicht gerade von einer vor allem auch klanglich und formal aufzunehmenden Komposition wie Jack Kerouacs „On the Road“, sollte so ein Text sich tatsächlich an den erfolgreichen Roadmovies orientieren und nicht über viele hundert Seiten daher schwätzen. Denn eine Road-Novel hat nur wenige Möglichkeiten, den Text abwechslungsreich zu strukturieren. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes von A nach B, ob nun geradeaus oder im Zickzack. Manche Road-Novel wird irgendwann langweilig, selbst wenn sie inhaltlich interessant ist. „Ende in Sicht“ mit seinen recht großzügig bedruckten 250 Seiten ist vorbei, ehe es langweilig werden kann (Das Hörbuch hat 6 Stunden, 3 Stunden sind gewöhnlich knapp 100 Seiten). Das Hin und Her zwischen den beiden Hauptfiguren ist meist recht amüsant, auch wenn man das Gefühl hat, das ein oder andere schon einmal oder mehrfach gelesen zu haben. Und der Text beschränkt sich auf wenige Stationen, die jeweils eine klare Bedeutung für die Weiterentwicklung der Handlung haben. Auch das oft eine Schwäche von Road-Novels, die meinen sich eher am „Don Quichotte“ als an „Thelma & Louise“ orientieren zu müssen und die Figuren in tausend verrückte Ereignisse stolpern lassen, die mit der Zeit absolut austauschbar werden. „Ende in Sicht“ hat stets einen Plan, wozu (nicht im Sinne von Schicksal, sondern vom erzählerischen Zweck) die Figuren bestimmte Dinge erleben. Also: Unterhaltsam und nicht langweilig, das ist tatsächlich schon mehr als ich etwa vom Großteil der letztjährigen Buchpreis-Kandidaten sagen konnte.

Was dagegen mitunter nervt ist dieser ironische – bzw. nennt man das heute schon postironische? – Ton – Also so ein Ton, der das Pointendrechseln zwar hinter sich gelassen hat, aber sich doch deutlich auf den Ton dieser ironischen Alltagsbeschreibungen bezieht, die eine Zeit lang etwa bei Poetry Slams so modern waren, dass sie die Poetry praktisch verdrängt hatten. Von dort fand der Stil seinen Weg auch in die nicht-Slam-Literatur. Texte, bei denen man hinter jedem zweiten Satz ein leises „Tufftä!“ erwartet. Das ist in „Ende in Sicht“ zwar deutlich seltener, aber es gibt doch alle paar Seiten so einem Moment, in dem man das Gefühl hat, die Autorin schaut eine direkt an: „Na? Na? Das war doch jetzt aber eine pfiffige sozialkritische Bemerkung? Und das hier? Das war doch jetzt aber schon witzig, nicht?“ Etwa die im Roman mehrfach wiederholte Werbung:

„»BILLIGMOEBEL24, der einzige Laden, der noch billiger ist als ich!« “

Zu diesem Stil gehört auch das Einbauen von Informationen in die Handlung, die nicht direkt aus dem Blick auf die Welt erwachsen, wie wir ihn von den Figuren bisher kennengelernt haben.

Die Welt ist, solange man sie mit der Erde gleichsetzt, ziemlich berechenbar: Sie ist der dichteste, fünftgrößte und der Sonne drittnächste Planet des Sonnensystems. Vor allem aber ist sie, zumindest wenn man Wikipedia vertraut, Ursprungsort und Heimat aller bekannten Le-bensformen, und zu denen zählten an diesem Abend auch Juli und Hella.”

Und noch ein paar Stellen mehr, die meist mit milder Sozialkritik verknüpft werden und eingeführt, als seien die Informationen jetzt so wichtig, dass von einem ansonsten personal wirkenden Stil in einen eher auktorialen gesprungen werden muss. Allerdings sind diese Informationen meist eben nicht s o wichtig, sie sagen uns wenig über Welt und Figuren und bei einem so reduzierten Ensemble sind es doch vor allem die Figuren, die interessieren.

Zuletzt bin ich noch über ein paar Formulierung gestolpert, die einfach nicht sauber waren. Etwa –

“Wie immer entgegnete Hella dann stets…“

Entweder „wie immer“ oder „stets“. Beides braucht es wirklich nicht. Oder: „Für den Bruchteil einer sehr kleinen Zeiteinheit“ Dieses Abwandeln feststehender Formulierungen, ohne deren Bedeutung zu ändern, in Richtung einer Formulierung, die vielleicht intelligenter klingen soll, aber letztlich nur schief klingt, ist glaube ich auch ein Überbleibsel dieses postironischen Poetry-Slam-Schreibens. Und: Irgendwo im ersten Drittel des Buches schreibt von Rönne, dass alles geschehe „auf einer beliebigen deutschen Autobahn“. Das soll wohl auch ein bisschen bedeutungsvoll klingen. Es stimmt nur leider nicht. Möglicherweise geschieht es auf irgendeiner Autobahn, aber doch sicher nicht auf einer beliebigen. Es geschieht z.b. definitiv nicht auf der A24, da wir von Anfang an genau wissen, dass sich die Protagonisten südlich von Osnabrück befinden und wohin sie sich nun bewegen. Da sind einige solche Stellen, die springen einen beim Hören einfach an. Mag sogar sein, man würde sie ansonsten überlesen. Auch denkbar, dass zumindest die Doppelung von „stets“ und „wie immer“ zwischen Hör-Manuskript und Buchdruck noch beseitigt wurde.

Damit ist auch klar: ich bespreche auf Basis des Hörbuches, das von der Autorin selbst gelesen wird. Und die kann tatsächlich gut vorlesen. Tempo, Stimmmodulation, sogar vielleicht nicht ganz perfekt imitierte, aber mit viel Spaß gelesene Dialekt-Passagen:Von Rönne liest besser vor als viele andere Autorinnen und Autoren und durchaus auch einige professionelle VorleserInnen. Letztere neigen spätestens seit Rufus Becks Harry Potter ja nicht selten zu Overacting, da wird gepiepst, gehaucht, geschrien. Von Rönne liest klassisch, mit leichten Angleichungen des Stils an die jeweiligen Figuren. Sehr angenehm.

Bild: Pixabay.

2 Gedanken zu “„Ende in Sicht“ von Ronja von Rönne ist eine kurzweilige Roadnovel mit ein paar Schwächen.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Also, ich war neugierig auf dieses Buch und überlegte es zu lesen. Nun stoße ich hier auf deine Rezension und bin, glaube ich, von der Idee abgekommen. Dieser Satz: „Die Welt ist, solange man sie mit der Erde gleichsetzt, ziemlich berechenbar“ löst bei mir nur Verwirrung aus. Die „Welt“ ist „berechenbar“, solange man sie mit der Erde gleichsetzt? Mein Hirn dreht und windet sich. Äpfel sind Birnen, wenn man beide mit Obst gleichsetzt? Das ist in etwa so, wie wenn man schreibt, eine Gleichung gehe bis ins Unendliche, und wer setzt hier eigentlich gleich? Wie immer sehr humorvolle, amüsante Rezension. Gruß.

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    1. soerenheim sagt:

      Gemeint ist, denke ich, dass die „Welt“, vll besser das „Weltgeschehen“ von seiner physikalischen Seite her prinzipiell berechenbar ist. Daher dann auch der Verweis auf Planetenbewegung usw. Das „ziemlich“ ist an der Stelle dann natürlich grober Unfug. Und die ganze Passage eine dieser von mir monierten unnötig „intelektualisierten“ Textstellen, die meiner Erfahrung nach aus dem Slam-Bereich in die restliche Literatur gedrungen sind, auch wo die Autoren nicht selbst im Slam tätig waren. Tatsächlich könnte man die Passage ja komplett streichen und hätte nichts verloren. Wenn man kein Von-Rönne-Fan ist gibt es sicher keinen Grund, unbedingt dieses Buch zu lesen. Aber unter den vielen Neuerscheinungen, die ich bespreche war es bei weitem nicht die schlechteste. Und für selbstzweifelnde Teens ist es wahrscheinlich eine ordentliche Lektüre mit dem Vorteil, dass die vll sogar freiwillig zur Hand genommen wird.

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