Die Schwächen in Rainer Maria Rilkes Prosa. 1: Generell.

Es lässt sich nicht leugnen, dass es Rainer Maria Rilke auch in seiner Prosa immer wieder gelingt, schöne Bilder zu finden und sprachlich überzeugende Sätze und Absätze zu bauen. Sein Stil ist ein wenig antiquiert, aber gleichzeitig nicht einfach ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts, sondern gesucht antiquiert. Wie auch die Themen der Texte gesucht antiquiert wirken. Alterserfahrungen, die sich besonders oft ums Sterben drehen. Texte, die Kunstmärchen sein könnten, ohne durch Floskeln das Märchenhafte allzu sehr in den Vordergrund zu stellen. Der Tod spielt tatsächlich eine sehr übergeordnete Rolle.

Obwohl das alles recht positiv klingt, habe ich mich doch sehr durch die Sammlung von Rilkes Erzählungen kämpfen müssen und jetzt, da ich mit etwas Abstand darüber schreibe, ist kaum noch ein Text wirklich in Erinnerung geblieben. Was Rilke noch deutlich mehr abgeht als anderen Lyrikern, die auch ein paar Erzählungen geschrieben haben, nehmen wir etwa Hofmannsthal, ist die Fähigkeit, irgendeine Art von Bogen durch den Text zu schlagen. Sagt man „Spannung“, klingt das gleich, als suche man einen Krimi. Aber Spannung kann auch das Gerüst sein, das in die Tiefe geht und gespannt ist, weil es das Gewicht der Erzählung trägt. Und genau das steht bei Rilke oft in keinerlei Verhältnis zu den langen romantisch-überspannten Sätzen und Szenen.

Dann ist auch eine gewisse Redundanz auszumachen. Es sind immer wieder die gleichen Liebes- und Sterbens-Erlebnisse, das immergleiche obzessive Verhältnis zur Mutter, die überhaupt für ein Element der Handlung sorgen. Liest man mehrere Texte hintereinander, ermüdet das doch. Und zuletzt teilt Rilkes Prosa zwar mit der Lyrik das gesucht Altertümliche, was ja durchaus bereits für sich ein modernes Verfahren ist. Was aber fehlt, und was die Lyrik ab den „Neuen Gedichten“ so außergewöhnlich macht, ist das dezidiert fortschrittliche formale Überschreiten der altertümlichen Sprache. Etwa die schwindelerregenden Zeilensprünge, die in einem ganz neuen Tempo und Rhythmus durch die Sonette reißen. Oder die in den scheinbar in freien Versen komponierten Elegien vorgefundene unerhörte Strenge der Form, die wiederum über den Rhythmus und ein enges Netz versteckter Reime und Assonanzen erreicht wird.

Ein paar Erzählungen Rilkes habe ich mir zum Wiederlesen markiert, es ist also nicht alles Durchschnitt an dem Band. Und in jedem Fall ist es interessant, sich einmal die Prosa des vor allem für seine Lyrik erinnerten Autors anzuschauen. Aber trotz gewisser Momente muss man zugeben: Rilkes Prosa ist zurecht fast vergessen.

Bild: Pixabay

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.