Verrät Jordan hier etwas über seine Poetik? „The Wheel of Time“ 11

Yeah… Band 11 von „The Wheel of Time“. „The Knife of Dreams“. Das Buch, mit dem der berüchtigte „Slog“ enden soll. Allerdings denke ich, dessen Nicht-Existenz habe ich in der vorangegangenen Besprechung schon ziemlich plausibel gemacht. Daher… meeh.

Tatsächlich lässt sich weder beim Stil noch beim Pacing irgendeine Veränderung zwischen Band 10 und Band 11 feststellen. Weiterhin gibt es einen unglaublich exzessiven Fokus auf Inneneinrichtungen und Bekleidungen, besonders von Frauen. Wieder macht der Prolog mit diesmal fast 100 Seiten einen guten Teil des Buches aus. Und wieder ist absolut nicht ersichtlich, was an diesem Prolog Prolog sein soll. Er enthält mehrere Unterkapitel, die an verschiedenen Stellen des Landes spielen und in denen sowohl Neben- als auch Hauptfiguren vorkommen. Es gibt keinen Grund, aus diesen Abschnitten nicht einfach normale Kapitel zu machen.

Wir verweilen diesmal anfangs lang bei Suroth, Anführerin der Seanchan, die ich in dieser Reihe die „Bondage-Badies“ getauft habe. Jordan scheint zu meinem, es würde einen Text besser, weil balancierter, machen, wenn auch die Bösewichte uns immer wieder ausführlich von ihren Gefühlen beim böse Sein erzählen. Aber wenn Suroth Sorgen hat, dann interessiert mich das nicht und ganz besonders sorgt es nicht dafür, dass ich ihre Perspektive plötzlich nachvollziehbar finde. Bösewichte schwätzen zu machen sorgt nicht für eine balancierte Perspektive, die auch die Seite des Bösen glaubhafter werden lässt. Das geschieht erst, wenn auch das „Böse“ nachvollziehbar wird und man sich fragt, ob die aus deren Perspektive, die man als Lesender zumindest ein wenig teilen kann, nicht eigentlich die „Guten“ sein könnten. Und die Bondage-Badies sind halt einfach von Anfang an als eine Gesellschaft beschrieben, die nicht nur auf Sklaverei aufbaut. Sondern auf der Versklavung von Frauen, die durch eine Art lebenslange astrale Folter sichergestellt wird, sodass diese Sklavinnen mit der Zeit oftmals in eine Art Stockholm-Syndrom verfallen. Die Folter wird gern in Dialogen und Aktionen vorgestellt, die wie aus irgendwelchen Femdom-Streifen abgeschrieben wirken. Ja, man kann sich sicher vorstellen, dass auch diese Gesellschaft mit sich im Reinen ist. Waren ja alle realen Sklavenhaltergesellschaften auch im Großen und Ganzen. Aber Antagonisten, die auf diese Weise eingeführt wurden und seit zehn Büchern einfach nur Böses tun, taugen nicht zu Protagonisten. Die Innenleben dieses Staates, die Innenleben seiner Herrscher, sie sind einfach irrelevant. Insbesondere, wenn dabei nichts Bedeutendes über das zentrale Moment dieses Staatssystems, eine besonders gewaltvollen Form der Sklaverei, ausgesagt wird (und dass Jordan sie zwanghaft relevant machen will, ohne das Problem zu lösen, wird ein großes Problem von „The Wheel of Time“ bleiben, obwohl die Reihe ab dem nächsten Band ansonsten massiv an Qualität gewinnen wird).

Und genauso wenig interessieren mich die Gefüüüüüühle von Elaynes Widersacherinnen um den Thron in Caemlyn. Wenn schon profillose Antagonistinnen aus dem Hut gezaubert werden müssen, um einen „Plot“ anzustoßen, der sich seit 2000 Seiten nicht bewegt – belasse man sie halt als reine Widersacherinnen. Das macht sie interessanter, als wenn man jetzt noch in zig weitere Köpfe gucken muss, die doch sowieso wieder in der Versenkung verschwinden.

Ansonsten werden die bekannten Dauerhandlungen mir weitergeführt. Mat flieht und heiratet aufgerechnet Tuon, die Thronfolgerin der Bondage-Badies. Perrin versucht Faile zu befreien (auch seit 2000 Seiten!). Elayne… s.o. Und Rand wechselt von Seanchan bekämpfen zu mit Seanchan verhandeln.

Um allerdings auch ein mal wieder was zu loben: Egwenes Gefangenschaft im weißen Turm, und wie es ihr durch Stoizismus, Ausdauer und geschicktes Ausnutzen der politischen Animositäten gelingt, langsam ihre Rolle als die wahre Amyrlin zu festigen, das ist eine der überzeugendsten Handlungen bisher. Endlich einmal wieder treiben nicht Zufälle und Dei ex Machina den Fortschritt, sondern planvoll angestoßene Entwicklungen, die mit einem glaubhaften Machtgefüge interagieren, darin sich Figuren für WoT-Verhältnisse nachvollziehbar verhalten. Diese Handlung wird in Brandon Sandersons Teil 12 deutlich ausgebaut werden, ist aber definitiv noch Jordans Produkt.

Besondere Vorkommnisse:

Moraine macht den Gandalf. Seid ehrlich – hat irgendwer den Tod des magischen Mentors in Band 5 ernst genommen? Aber Gott! So sehr ich Tolkiens narrative Skills schon kritisiert habe: Wie viel befriedigender ist die Rückkehr Gandalfs als geheimnisvoller weißer Zauberer, der erst hilft und sich dann enthüllt. Moraine schreibt einfach einen Brief:

„My dearest Thom,

There are many words I would like to write to you, words from my heart, but I have put this off because I knew that I must, and now there is little time. There are many things I cannot tell you lest I bring disaster, but what I can, I will. Heed carefully what I say. In a short while I will go down to the docks, and there I will confront Lanfear. How can I know that? That secret belongs to others. Suffice it that I know, and let that foreknowledge stand as proof for the rest of what I say.

When you receive this, you will be told that I am dead. All will believe that. I am not dead, and it may be that I shall live to my appointed years.“

Gähn. Immerhin keine Ratssitzung.

Apropos Ratssitzung… In Band 11 laufen die „Forsaken“ mal wieder zu Hochform auf, indem sie eine Art Konferenz durchführen und sich dabei gebärden wie Teenager, die Bösewichte spielen:

„„Aran’gar forced her anger down. Sipping her own wine—it was quite good, with a heady aroma, if nowhere near the vintages served at the Gardens—she laid her free hand on Graendal’s shoulder and toyed with one of those sun-colored curls. The other woman never flinched, and the streith remained a bare mist. Either she was enjoying this, or she had better control of herself than seemed possible. Semirhage’s smile grew more amused. She, too, took her pleasures where she found them, though Semirhage’s pleasures had never attracted Aran’gar. “If you’re going to fondle one another,” Demandred growled, “do it in private.” “Jealous?” Aran’gar murmured, and laughed lightly at his scowl. “Where is the girl kept, Mesaana? She didn’t say.”“

Die Forsaken, darf man nicht vergessen, sind quasi-unsterbliche „böse“ ErzmagierInnen, die seit X-Tausend Jahren in dieser Welt weilen und zuletzt eine halbe Ewigkeit gemeinsam mit dem Absoluten Bösen in einer Art magischem Kerker waren. Man sollte meinen, das verleihe ihnen eine besondere Persönlichkeit, wenigstens eine Art Gravitas. Aber nein, sie agieren gewöhnlich wie hormongeflutete Jugendliche auf dem Schulhof. In der Rezension zu Buch 6 habe ich ähnliches noch unter „Keinen Respekt vor der eigenen Mythologie“ gefasst. Nun scheint mir: Jordan kann einfach keine anderen Figuren.

Außerdem wird nun auch den Aes Sedai unter Elaida mehr von der WOT-RPG-Spielmechanik erklärt:

„“Yes,” she said at last. “I cannot make cuendillar, but I can make the new Healing weaves work as well as most sisters, and I know them all.” An edge of excitement crept into her voice. “The most marvelous is Traveling.” Without asking permission, she embraced the Source and wove Spirit. A vertical line of silver appeared against one wall and widened into a view of snow-covered oaks. A cold breeze blew into the room, making the flames dance in the fireplace. “That is called a gateway. It’s well I have been to these rooms before, because it can only be used from places you know well. To journey from a place you do not know well, you use Skimming.” She altered the weave, and the opening dwindled into that silvery line once more then widened again. The oaks were replaced by blackness, and a gray-painted barge, railed and gated, that floated on nothing against the opening.“

Und wir sehen für einige Seiten dabei zu, wie Elayne Aviendha hilft, ihren Skilltree in Richtung „Erschaffung magischer Gegenstände“ zu erweitern.

Loials Poetik = Jordans Poetik?

Immerhin, ein von mir prognostizierter Twist scheint wirklich einzutreten: Es liegt nahe, dass Jordan „The Wheel of Time“ dem armen Loial in die Schuhe schieben wird. Der arbeitet noch immer an seinem Buch und macht klar, welches Verständnis von Literatur wir zu erwarten haben:

„“You never give enough detail, Rand. You make me drag everything out of you. Why, you never even mentioned being imprisoned in Far Madding until Min did. Never mentioned it! What did the Council of Nine say when they offered you the Laurel Crown? And when you renamed it? I can’t think they liked that. What was the coronation like? Was there feasting, a festival, parades? How many Forsaken came against you at Shadar Logoth? Which ones? What did it look like at the end? What did it feel like? My book won’t be very good without the details. I hope Mat and Perrin give me better answers.”

Ja: Es geht um ALLE Details. Nicht die bedeutenden. Hier geht es nicht darum, eine Geschichte zu erzählen. Tee, Stickereien, Haarmoden und stenografierte Gespräche – das ist Loials Poetik, das ist Jordans Poetik (allerdings interessiert beide wohl nur das Leben der oberen ca. 3000 ihrer Gesellschaft – so viele Figuren mit Namen zählt WOT angeblich etwa).

Substantiell neues gibt es zu „The Knife of Dreams“ nicht zu sagen. Immerhin kommt das ein oder andere lang Ausgewalzte zum Ende und ein paar Entwicklungen Richtung Finale werden angestoßen. Aber relevante Unterschiede zum sogenannten Slog gibt es wie gesagt nicht. Ab Band 12 wird es besser werden…

Stilfragen

Zum Schluss möchte ich noch auf eine stilistische Eigenart Jordans schauen, die mich ganz besonders nervt. Es sind Beschreibung wie die folgenden:

„It was very unpleasant for “ordinary” gai’shain who ran away and were recaptured. For Sevanna’s gai’shain, it might be better to die in the attempt. At best, they would never be allowed the opportunity for a second try.“

“These days, Pevara was suspicious of everyone and nearly everything.“”

Wirklich! Was soll das? Jordan mach das immer wieder. Er haut ein starkes Statement heraus, um das dann im Nebensatz wieder zu kassieren. Wenn man also versuchen würde zu fliehen, hätte man schreckliche Folgen zu erdulden, mindestens aber würde man wie eine Gefangene behandelt? Das ist keine schreckliche Folge, das ist die Definition von Gefangenschaft. Sie verdächtigte alles und fast jeden? Warum dieses fast? Es ist nicht so, dass an dieser Stelle dann relevante Ausnahmen folgen würden. Und wie könnten sie auch, wenn ich alles Verdächtige, kann ich nicht einige Menschen davon ausnehmen. Selbst fielen die Menschen unter die Ausnahme, würden ihre Handlungen ja wiederum unter „alles“ fallen. Solche Sätze nach dem Motto „Wenn das nicht gelingen würde, hätte er einen grausamen Tod zu erwarten, im mindesten Fall aber eine kleine Schelte“, baut Jordan wirklich mit erschreckender Regelmäßigkeit. Er baut mit der rechten Hand Gravitas auf, um sie mit der linken wieder einzureißen. Und Roberts weist darauf hin, dass Jordan ganz ähnliches auch wieder immer wieder in Beschreibungen macht, wo er regelmäßig statt zu sagen, wie etwas ist, sagt wie es nicht bzw. nicht ganz ist:

“Jordan is a writer who writes ‘this fire was not at all small, and the room seemed not far short of hot, a welcome heat that soaked into the flesh and banished shivers’ [p. 343] because he is constitutionally allergic to the phrasing ‘a large fire warmed the room.’”

Warum? Ich meine, wir sprechen hier nicht von Stellen, an denen diese Einschränkungen zusätzliche Bedeutung schaffen. Es sind einfach Stellen, an denen ein klares passendes Wort durch vier oder fünf diffuse ersetzt wird.

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