Kriminalroman mit ein paar Schwierigkeiten. „Die Bestie im Menschen“ – Émile Zola Serie 17.

Émile Zolas “Die Bestie im Menschen” macht dem Namen alle Ehre. Ein bei der Eisenbahn Angestellter Inspecteur findet heraus, dass seine junge Frau noch vor ihrer gemeinsamen Zeit eine Affäre mit einem der Präsidenten der Gesellschaft hatte. Oder so sieht er das zumindest, wir würden sagen: Sie wurde von dem alten Mann, eine Art Ziehvater, missbraucht. Er zwingt seine Frau, ihn bei einem Komplott zu helfen und auf der Zugfahrt nach Le Havre ermorden die beiden den Präsidenten. Wohlgemerkt, nicht einmal aus Rache für das, was der Präsident der Frau angetan hat, sondern aus Eifersucht auf den Nebenbuhler. Den Mord beobachtet der Lokführer Jacques Lantier (Bruder von Etienne aus „Germinal“ und Claude aus „Das Werk“ und „Der Bauch von Paris“), der gerade in einem Dorf bei seinen Adoptiveltern entlang der Strecke zu Gast ist. Jacques hat derweil selbst ein Problem mit gewaltvollen Neigungen. Immer, wenn er zuviel nackte Frauenhaut sieht, überwältigt ihn die Mordlust. Bisher ist es ihm gelungen, diese offensichtlich pathologische Neigung zu unterdrücken bzw. in Richtung seiner Lokomotive „Lison“ zu sublimieren.

In Paris wird gegen das Ehepaar ermittelt, doch es gelingt Severine, einem höherrangigen Beamten, der die Sache durchschaut, schöne Augen zu machen und sich gleichzeitig an Jacques heranzuschmeißen. Außerdem scheint es, als wolle der Gerichtsoffizier gar nicht zu tief in die Sachen blicken, aus Angst, zu viel über die Verhaltensweisen des Präsidenten zu enthüllen.

Das ist schon eine interessante Konstellation. Jacques verliebt sich in Severine, wobei die durchaus gute Gründe haben könnte, ihn aus dem Weg zu schaffen. Sie allerdings weiß wiederum nicht, welche Mordlust in Jacques schlummert.

Dennoch ist „Die Bestie im Menschen“ keiner der richtig starken Roman aus der Feder Zolas. Es ist vielmehr einer dieser Krimi/Gesellschaftsroman-Hybriden, bei denen die Krimi-Handlung dem Gesellschaftlichen im Weg steht und andersrum. Die Krimi-Handlung ist noch nicht mit jener Konsequenz entwickelt, die man von zeitgenössischen Kriminalromanen kennt. Wir wissen als Leser relativ viel, es gibt kein „Wer war es?“ als bohrende Frage, die durch den Romanen leiten könnte. Gleichzeitig sind die Figuren wie stets bei Zola nicht von jener Kraft etwa derer Dostojewskis, dessen „Die Brüder Karamasow“ beispielsweise so viel mehr aus einem sozial-psychologisch fundierten Krimi-Thema macht. Die Krimi-Handlung ist aber gleichzeitig so dominant, dass sie dem eigentlichen großen Talent Zolas im Weg steht: Dem durchleuchten von Milieus, was in der zweiten Werkhälfte von starken Geschichten getragen wird, die sich aus kleinen Konflikten zu einer großen Klimax hin entfalten. In „Die Bestie im Menschen“ fehlt den Konflikten ihre tiefe soziale Verwurzelung, und auch Paris und Le Havre wirken in diesem Roman dadurch seltsam leblos, wie Theaterkulissen, und die Stärke der Bilder bleibt hinter denen der größten Romane deutlich zurück.

„Die Bestie im Menschen“ ist dennoch alles andere als langweilig, und enthält auch immer wieder starke Passagen. Sei es aus der Welt der Eisenbahnen:

“Eine andere, viel mächtigere Lokomotive als jene, eine Eilzugslokomotive mit zwei großen gefräßigen Rädern, stand wartend allein; dichter, schwarzer Rauch stieg aus ihrem Schornstein ruhig und kerzengerade in die Luft. Seine ganze Aufmerksamkeit aber wurde jetzt von dem nach Caen bestimmten drei Uhr fünfundzwanzig Zug in Anspruch genommen, der schon mit Reisenden besetzt war und die Vorlegung der Lokomotive erwartete. Diese selbst konnte man noch nicht sehen, da sie jenseits des Pont de l’Europe festgehalten wurde, dagegen hörte man sie durch eiliges, halblautes Pfeifen ihrem Wunsche nach freier Fahrt Ausdruck geben, wie Einer, den die Ungeduld treibt. Jetzt schrie Jemand laut einen Befehl, sie antwortete durch einen kurzen Pfiff, daß sie verstanden hätte. Ehe sie sich in Bewegung setzte –einen Augenblick Stille, dann aber wurden die Ventile geöffnet und mit betäubendem Zischen streifte der Dampf den Erdboden. Dann sah man unter der Brücke eine weiße Masse aufquellen, die erst sich aufblähte und dann wie schneeweiße Flaumfedern umhergewirbelt, unter den eisernen Rippen der Brücke in Nichts zerflatterte. Ein großer Theil der Strecke wurde plötzlich in weiße Wolken gehüllt, während die dichter gewordene Rauchsäule der anderen Lokomotive ihren schwarzen Schleier ebenfalls ausbreitete. Aus ihm heraus erschallten die langgedehnten Töne des Signalhorns, Befehle, das Dröhnen der Drehscheiben. Der Rauchschleier zerriß und er unterschied einen Zug von Versailles und einen von Auteuil, die sich soeben bei der Ankunft des einen und der Abfahrt des andern gekreuzt hatten (…)”

Sei es vom Land:

“An dem Abend aber, an welchem unsere Erzählung begann, sah man gegen Dunkelwerden bei einer milden, aber trüben Witterung einen Reisenden, der den Zug in Barentin verlassen hatte, mit lang ausholenden Schritten den Fußpfad nach la Croix-de-Maufras verfolgen. Das Gelände bildet hier eine ununterbrochene Folge von Thälern und Abhängen und durch dieses wellige Land führt die Eisenbahn abwechselnd auf künstlich aufgeschütteten Dämmen und in der Tiefe zwischen den Bergen. Dieser beständige Terrainwechsel, die Höhen und Tiefen zu beiden Seiten der Strecke, verhindern die Anlegung von Landstraßen. Das Gefühl großer Einsamkeit wird dadurch noch vermehrt; das dürre, weiß schimmernde Erdreich ist unbebaut geblieben; halbwüchsige Bäume krönen einige Schwellungen des Bodens, während tief unten durch die Thäler von Weiden beschattete Bäche rieseln. Wieder andre, kreidige Anhöhen sind vollständig nackt und unfruchtbare Abhänge folgen sich; das Schweigen und die Bangigkeit des Todes lagert über der Gegend. Der junge, kräftige Reisende beschleunigte seinen Schritt, als wollte er der Traurigkeit dieses milden Halbdunkels über diesem einsamen Stückchen Erde entrinnen (…)”

Aber es ist nach der letzten Handvoll von Meisterwerken, als die sich der Rougon-Marcquart-Zyklus etwa seit „Das Paradies der Damen“ präsentiert hat, schon ein gewisser Qualitätsabfall zu konstatieren. Auch gehört „Die Bestie im Menschen“ für mich nicht zwingen zu den Texten, die man lesen muss, um ein rundes Bild des Zyklus zu bekommen. Der Schluss allerdings, in dem ein führerloser Zug voller wie wahnsinnig singender Soldaten am Vorabend des deutsch-französischen Krieges durch Frankreich rast, hinterlässt ein überzeugendes Bild, das an Gogols wilde Troikafahrt als Symbol für den Weg des russischen Staates in die ungewisse Zukunft erinnert und deutet den Krieg voraus, der im Zyklus noch Thema werden wird.

Bild: wiki, gemeinfrei

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