Poetische Dialektik. L’Archipel Noir erzählt sensibel von Tradition und Fortschritt, Individuum und Gesellschaft.

L’Archipel Noir ist der dritte Teil der vierteiligen Reihe Cycle de Vrénalik von Esther Rochon, von der nur der erste Teil in einer leider gekürzten Version auf Deutsch erschienen ist. Das französische Original von Der Träumer in der Zitadelle dürfte unstrittig unter die größten phantastischen Romane der Moderne zählen. Oder vielleicht besser sollte, denn leider ist der Text heute praktisch unbekannt. Der Nachfolger, L’aigle du profendeur strahlt noch immer diese starke mysteriöse Atmosphäre aus und glänzt mit wohlkomponierten Bildern, auch wenn ihm diese absolute innere Geschlossenheit des Vorgängers abgeht.

In L’Archiple Noir nun geschieht, was bereits zu erwarten war: Die Erzählung öffnet sich vollständig der im zweiten Band angedeuteten modernen Welt, die rund um die isolierte Inseln Vrend und Vrénalik existiert. Protagonist ist Taïm Sutherland, der die Großstadt Ister-Inga in Richtung Ougris verlässt, eine etwas kleinere Küstenstadt, wo er als Nachtwächter im Hafen ein neues Leben anfangen will. Das lässt sich gut an. Die Arbeit ist leicht, er hat Zeit, sich in der großen Bibliothek herum zu treiben und verliebt sich dort in Chann. Die beiden verbringen einige Zeit miteinander dabei erzählt Chann Sutherland von ihrem Vater, der eben aus dem bekannten Vrénalik kommt und tot oder verschollen ist. Er gehörte zu jenen, die nicht an den Fluch glauben, den der Träumer in Band 1 mit dem Verlust der Statue des Seegottes Hatzlén über die Insel gebracht haben soll, der verhindert, dass Bewohner die Insel verlassen. Sein Unglück aber lässt andere an den Fluch umso stärker glauben. Nachdem sich Sutherland intensiver mit der Geschichte von Vrénalik auseinandergesetzt hat findet er in der Bibliothek auch ein Buch:

“Le Rêveur dans la Citadelle. (…)« J. Green, le rédacteur du texte qui suit, déclare qu’il n’en est pas l’auteur, mais le traducteur. Le manuscrit original se trouve dans les caves de la Citadelle de Frulken, à Vrénalik.“

Es ist der erste Band der Reihe, als Finder und Editor angegeben ist der Protagonist des zweiten.

Das knappe erste Viertel des Buches, das größtenteils auf dem Kontinent spielt, strahlt sanfte Film-Noir-Vibes aus, jedoch ohne Verbrechen. Es hat etwas melancholisches wie auch meditatives und überzeugt in seiner mild-düsteren Poesie:

La nuit s’écoula. La séparation était proche. Chann ne put retenir ses larmes. Un peu avant l’aube, les amants sortirent pour descendre au port. Le froid était intense ; au moindre souffle de vent des cristaux de neige, tombés la veille, dessinaient des ruisseaux sur la glace noire, l’asphalte et le ciment. L’horizon pâlissait quand ils s’engagèrent sur le quai. Un peu avant d’en atteindre le bout, Chann s’arrêta, retenant Sutherland par la main. Ils s’embrassèrent, puis elle rebroussa chemin tandis qu’il s’embarquait.“

Sutherland lässt der Gedanke an Vrénalik nicht mehr los, und er schifft sich ein in Richtung der Insel. Die Städte dort finden wir größtenteils verlassen vor. Sutherland wird von einer Gemeinschaft einiger hundert Menschen aufgenommen, die die kalten Jahreszeiten im hohen Norden in der Ruine der aus den Vorgängern bekannten Zitadelle verbringen. Im Sommer geht man auf die Felder und in die Städte und baut das nötigste an, im Winter wird gejagt. Über den Winter freundet sich Sutherland mit Ivendra und Anar an, dem „Zauberer“ und seiner Schülerin aus Band 2. Deutlicher noch als im Vorgänger wird, dass Zauberer sein mehr eine Rolle als eine Fähigkeit ist. Und gleichzeitig, dass in einer solchen Gesellschaft im Niedergang dem Ritual eine bedeutende Magie innewohnen kann, ohne dass es im Sinne der Fantasy „magisch“ wäre. Später nehmen die beiden Sutherland mit in den Tempel, der eigentlich ihre Heimat ist, er lernt dort Strénid, eine Art Orts- oder Stammesvorsteher, kennen, der auch einmal in Anar verliebt war, mit der Sutherland nun eine Affäre verbindet. Die Gemeinschaft ist nicht von Dauer. Strénid wird aggressiv und wird vor die Tür gesetzt. Ivendra gelingt es derweil, Sutherland zu einer Reise zu überreden, die für beide ein weiterer Schritt einer Bewegung ist, auf die ich unten noch genauer eingehen werde. Für Ivendra ist dabei die Hoffnung zentral, eine Prophezeiung zu erfüllen, nach der ein Fremder die Statue Hatzléns wiederentdecken soll und den Fluch von der Insel heben.

“Einmauern/Zurückgezogenheit – Hingabe/Offenheit” – Diese Begriffspaare habe ich in meiner Rezension von Der Träumer in der Zitadelle als das zentrale Thema dieses Buches identifiziert. Während die Thematik von Der Träumer in der Zitadelle diesem sowohl wörtlich zu interpretierenden, als auch auch immer symbolischen, Gegenteil-Paar folgt, entspinnt sich die Thematik von L’Archipel Noir entlang gegenläufiger Bewegungen. Sutherland ist offenkundig auf der Flucht. Vor der Zivilisation, wenn man es so nennen möchte, vor dem Chaos, vor den Zumutungen der modernen Gesellschaft. Sein Weg führt ihn immer tiefer in die Isolation. Die Kleinstadt ist nicht genug. Die Zitadelle mit ihrer primitiven Agrargesellschaft ist nicht genug. Die kleine Tempelgemeinschaft ist nicht genug. Im vierten Teil, den man mindestens genauso gut, wie man ihn materiell lesen kann, als spirituelle Reise lesen muss, ist er zuletzt allein mit dem Zauberer unterwegs, der ihm das Problem der Gesellschaft Vrénaliks poetisch ausmalt:

“Mon peuple est un poisson qui meurt en eau trop peu profonde. Il étouffe, il suffoque, et aussi il rêve. Ses rêves hantent les êtres de la terre entière. Rêves troubles, rêves phosphorescents, rêves d’océan et de sel. Se pourrait-il qu’un jour ait existé où mes paroles avaient un sens ?”

Schließlich wird die Statue entdeckt und der Zauberer bleibt in der Höhle zurück, um zu sterben. Er sagt:

“Je fais des cadeaux, expliqua Ivendra. À celle qui me remplace, je donne ma fatigue ; à vous qui m’aidez, je donne ma mort. Ce moment-ci est une charnière. Pour que naisse convenablement ce qui sera nouveau, il faut que soit convenablement détruit ce qui est ancien. Ce moment-ci n’a pas de nom ; avant que nous entrions dans la caverne, c’était l’ancienne époque ; quand vous en sortirez, ce sera le début de la nouvelle.”

Und Sutherland steht nun vor der Wahl, mit der Statue zurückzukehren und sich unter Menschen zu begeben oder in vollständige Isolation weiterzuleben. Wichtig: Die Aufgabe ist, so Ivendra, erfüllt. Der Fluch, wenn es ihn denn gegeben hat, sei in dem Moment von den Insel genommen, in dem sich Sutherland der Statue angenommen hat, es stehe ihm frei, ob er sie den Bewohnern der Insel zurückgibt oder mit in den Süden nimmt und verkauft oder sonst irgendetwas damit anstellt.

Vrénalik derweil befindet sich tendenziell in einer ähnlichen Bewegung wie der Protagonist. Als Gesellschaft isoliert man sich, kann sich nicht mehr reproduzieren und wenn es so weitergeht, steht am Ende der Isolation die Auslöschung. Doch einige Protagonisten innerhalb dieser Gesellschaft wollen einen gegenläufigen Weg anstoßen. Heraus aus einer Welt, die schon längst überkommen ist. Hin zu dem, was der Kontinent hat. Und ausgerechnet Sutherland, der dem entsagt hat, soll dazu der Schlüssel sein. Materiell ist das wahrscheinlich ziemlicher Humbug. Im Roman wird angedeutet, dass mittlerweile durchaus eine große Zahl von Bewohnerinnen und Bewohnern die Inseln verlassen hat und ohne jegliche Katastrophe ganz woanders lebt. Und die Inseln werden von Touristen besucht und von Archäologen untersucht. Aber symbolisch ist das eine sehr gelungene Fabrikation. Und der Zauberer weiß um die Macht von Erzählungen, gerade weil er sie zwar durchschaut aber dennoch als Repräsentant einer jahrhundertealten Tradition auch weiterhin glaubt. Er weiß also auch, dass der „Fluch“ nicht durch schöne Politikerreden à la „Build back better“ oder „Make in Germany“ gebrochen werden kann, sondern nur durch Handlungen, die voller Respekt vor der Tradition deren Einschränkendes Moment aufheben (im berühmten dreifachen Sinne).

Damit ist zwar etwas begonnen, doch längst nicht gewonnen. Nachdem die Mission erfüllt ist, müssen die Hauptfiguren ein Verhältnis zu der neuen Zeit finden, die damit eingeläutet wurde. Für Sutherland gibt es keinen Weg in die noch tiefere Isolation, doch er stellt fest: auch keinen zurück in den Süden. So beschließt er, sich den Gepflogenheiten Vrénaliks zuzuwenden. Strénid dagegen greift nun die gegenläufige Bewegung auf und bricht auf in den Süden, um da da ein halblegendäres Land, eine moderne Enklave Vrénaliker Ausgewanderter, zu finden. Und Anar zuletzt erbt die Rolle des Zauberers und hat nun die unweigerlichen Veränderungen zu verwalten, die die Gesellschaft von Vrénalik ereilen werden. Darin angelegt natürlich auch, dass Sutherlands neues Equilibrium kein Dauerhaftes sein kann. Denn höchstwahrscheinlich wird Vrénalik mit der Zeit immer mehr werden wie die Welt, vor der er geflohen ist.

Ehrlich gesagt: Das ist in seiner Offenheit auf der Ebene der Handlung und seiner Geschlossenheit auf der Ebene der Ideen ein fast perfektes Ende für das Projekt, das mit „Der Träumer in der Zitadelle“ begonnen wurde. Ich bin gespannt aber auch ein wenig besorgt, ob der vierte Teil, der die Geschichten der gleichen Figuren weiterspinnen wird, hier nicht am Ende mehr kaputt macht, als er noch an zusätzlichen Stärken aufbauen kann. Aber ich hatte ja auch zuvor schon die Befürchtung, dass die Integration des Modernen nicht gelingen könnte.

Bild: Eigenes.

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