Der Mythos vom „Slog“ als Rationalisierung der Schwächen von „The Wheel of Time“? – Band 10.

Band 10 von „The Wheel of Time“. Sozusagen ein kleines Jubiläum. Ein Geburtstag des Schmerzes. Wikipedia fasst den Inhalt dieses Buches ganz gut zusammen:

“Perrin Aybara continues trying to rescue his wife Faile Bashere, kidnapped by the Shaido Aiel, even torturing prisoners for information. In addition, Perrin is approached with the suggestion of alliance with the Seanchan to defeat the Shaido. Mat Cauthon continues trying to escape Seanchan territory while courting Tuon, the heir to the Seanchan leadership. In the process, Mat discovers that Tuon is a sul’dam and can be taught to channel the One Power. Elayne Trakand continues trying to solidify her hold on the Lion Throne of Andor” [meine Hervorhebung].

Wer nicht allein anhand dieser zutreffenden Zusammenfassung der Handlung die strukturellen Probleme der Reihe ablesen kann, dem ist wohl kaum noch zu helfen.

Ich möchte Band 10 daher nutzen, um eines der interessanteren Themen rund um „The Wheel of Time“ zu diskutieren, das bei den Leserinnen und Lesern geradezu mythische Bedeutung erlangt hat. Der sogenannte “Slog”. Der bezeichnet (aus einem meiner älteren Texte):

“eine Phase, in der Jordan das Ziel aus den Augen verliert, die Bücher nur so dahin plätschern und in der relativ wenig passiert. „The Slog“ soll sich je nach Rechnung von Buch 7 bis 10 ziehen oder nur Buch 9 und 10 betreffen. Man findet aber auch weitergehende Zeiträume wie Buch 4 oder 5 bis 10.”

Ich bin nämlich überzeugt, dass es diesen Slog überhaupt nicht gibt. Viel zu unklar ist, von welchem Band bis zu welchem Band er sich ziehen soll und noch unklarer, was diese Bände eigentlich tatsächlich von den anderen unterscheiden soll. Auf Reddit habe ich den einzigen Versuch gefunden, den Slog etwas prüfbarer zu definieren:

“Opinions differ on when it starts but „the slog“ begins in later books when instead of momentous endings some books have cliff hanger endings, and huge sprawling story lines start taking three or more books to start and finish (Im looking at you Perrin and Faille). There are so many subplots and minor characters established by some later books that the „Plot“ of the Emonds fielders adventures seems to slow to a crawl.”

Die erste Hälfte der Aussage (cliff hanger endings) stimmt offenkundig. Aber eben ab Band 4. Die Richtigkeit der zweiten Hälfte kann man ja nun untersuchen. Hat „The Wheel of Time“ tatsächlich viele Subplots und werden es mit der Zeit mehr? Ich behaupte: nein.

Gibt es wirklich viele Plotlinien?

Zugegeben, im ersten Buch haben wir es natürlich anfangs nur mit einem Plot zu tun. Das Entreißen der fünf jungen Heldinnen und Helden aus ihrem vertrauten Umfeld und ihre Konfrontation mit dem BÖSEN. Doch bald spaltet das sich auf in einzelne Plots der zuerst voneinander getrennten Rand, Perrin und Mat, sowie später der nun unabhängig agierenden Egwene, Nynaeve und Elayne, bis diese sechs Figuren mit der Zeit zu bis zu 6 Trägerinnen und Trägern eigener Unterplots werden, die sich hier und da vereinen können. Auch das hinzustoßen der Aiel und besonders Aviendhas öffnet keine zusätzlichen Plots mehr, da die eigentlich immer in Kombination mit einer der anderen Hauptfiguren auftritt. Auch Min hat kaum bis keine Solo-Handlung. Und dann gibt es noch ein paar größere Neben- und Binnenplots. Besonders hervorzuheben sind Sinuans Flucht (vereint sich mit Egwene) und Morgase Flucht (vereint sich mit Perrin), sowie die Intrigen im White Tower (gewissermaßen aber durchgehend das Gegenstück zum Rand-Plot). Und im Großen und Ganzen ist es das. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Zustand einmal erreicht wird, aber im Moment der größten Auffächerung könnten so bis zu 9 Plots nebeneinander existieren. Auf mehr als 12 000 Seiten. Ich denke es sind eher nie mehr als 5, vielleicht 6. Und die meisten parallelen Plots treten definitiv nicht im Rahmen der Bände auf, die eng betrachtet als „The Slog“ bezeichnet werden. Denn hier sind Nynaeve und Aviendha vereint, Morgase ist abgemeldet, Elyane, Rand, Aviendha, und Min stehen regelmäßig in Kontakt und nur Perrin und Matt sind solo unterwegs. Und all das sind ja tatsächlich bloß Unterplots der langen sehr einfachen Jugendbuch-Handlung: Helden gehen in die Welt und begegnen dem BÖÖÖÖÖÖSEN.

Zum Vergleich: Virginia Woolfs „To the Lighthouse“, nur 200 Seiten, enthält, wenn man es ebenso aufdröseln möchte, mindestens 6 sauber entwickelte, miteinander verbundene Plotlines voller Bedeutung: Die antizipierte Fahrt zum Leuchtturm, die Emanzipation der Kinder besonders vom Vater (die beiden laufen schließlich zusammen), Lily Briscoe’s Ringen um ihr Gemälde und der Streit, ob Frauen „malen können“, der Verlust von Mintas Brosche, der in die Verlobung mit Paul führt, die Auseinandersetzung mit Mr Ramseys philosophischem Werk und der Frage, ob er ein „One-Hit-Wonder“ bleibt und dazwischen Mrs Ramseys Balancieren zwischen den Aufgaben in der Familie, dem Pflegen der Beziehung zu den Gästen und dem Festhalten ihrer ureigenen Individualität. Als Ereignis unterbricht zudem noch der 2. Weltkrieg dieses Geflecht und setzt es brutal neu zusammen.

Was in „The Wheel of Time“ tatsächlich auftritt, ist der Figuren- und Detail-Overkill, und das von mir im letzten Buch bereits kritisierte Zuweisen von Motivationen und komplizierten Hintergrundgeschichten zu letztendlich irrelevanten Nebenfiguren. Aber man kann hier kaum von tatsächlichen Subplots sprechen. Denn für diese Figuren wird eben kein Handlungsbogen gespannt. Sie tauchen auf, um dann mit den Helden konfrontiert zu werden oder sich ihnen anzuschließen, sie sind oft tatsächlich nicht viel mehr als eine breit ausgewalzte, mit rudimentären, doch irrelevanten, Emotionen ausgestattete Variante jener Querverstrebung in Star Trek 5, an der sich Scotty den Kopf stößt. Eine Unannehmlichkeit, ein Hindernis für unsere Helden. Ein Plot aber ist mehr als ein Ereignis, auch wenn es ein langes Ereignis ist.

Der Slog als Rationalisierung

Meine These: Der Slog ist, womit sich das Fandom die Einsicht rationalisiert hat, dass es sich bei „The Wheel of Time“ in sehr vielen Gesichtspunkten um keine besonders gelungene Buchreihe handelt. Denn das Fandom von „The Wheel of Time“ ist tatsächlich kein sonderlich unkritisches, muss man hervorheben. Es scheint in der Breite zu wissen, dass Jordan eher flache Charaktere schreibt, regelmäßig Gebärden wiederholt, sich mit Frauen schwertut und allerlei mehr. Es gibt daher online auch eine regelrechte Unterstützungskultur, um neu Einsteigenden zu helfen, durch die doch oft sehr anstrengende Reihe zu kommen. Und es gibt zahlreiche jubelnde Rezensionen, die dennoch zumindest jeweils für ein Buch den Finger sehr genau auf die Schwächen der Reihe legen. In Wahrheit beginnen die Schwächen natürlich spätestens bei Band 4, haben sich allerdings schon in Band zwei einmal deutlich angemeldet, wie man anhand meiner größtenteils eingetroffenen Prognosen auf Basis dieses Bandes prüfen kann. Und sie hören seitdem nicht auf. Aber was wäre das für eine Reihe, für die man fast von Anfang an weitreichende Schwächen eingestehen muss muss? Also wird das Ganze auf den Slog beschränkt, Den immerhin einige Leserinnen und Leser, das sollten wir nicht vergessen, auf die Bände 4 bis 10 beziffert (!). Ich muss leider weiter gehen und sagen: Es gibt ihn nicht. The Slog ist Projektion. The Slog ist im Großen und Ganzen The Wheel of Time (allerdings – Vorgriff – erklären die letzten 3 starken Bände von Brandon Sanderson noch besser, wie der Mythos vom Slog entstehen konnte).

Und damit möchte ich niemanden dissen, der/die diese Bücher einmal geliebt hat. Besonders wenn wir als junge Leserinnen und Leser eingestiegen sind, kann uns fast alles begeistern und besonders das rein vom Ausmaß her Gewaltige. Ich z.b. war hin und weg von Ted Williams „Otherland“, bei dem ich heute ziemlich sicher davon ausgehe, dass es ähnliche Probleme hat wie „The Wheel of Time. „Der Drachenbein-Thron“ vom gleichen Autor fand ich so unerträglich langweilig als erwachsener Leser, dass ich gar nicht durch das Buch kam. Unsere Jugendlieben wachsen in der Erinnerung, und das ist nicht schlimm. Wenn ich, wie geplant, „Otherland“ irgendwann noch mal lese, werde ich sicher viel zu kritisieren haben. Und trotzdem das Buch, dass ich als Jugendlicher gelesen habe, und das gewissermaßen ein ganz anderes war, in guter Erinnerung behalten.

Den Slog also gibt es nicht. Und Adam Roberts hat eine besonders hübsche Rezension (allerdings zu Band 9) ausgegraben, an der sich der Zwiespalt kritischer Fans besonders deutlich zeigt. Ich habe sie hier gefunden. Roberts kommentiert:

“This is, I think, one of the most astonishing reviews I have ever read. Seidman describes the book as ‘stunning’ and uses the superlative ‘excellent’ twice despite conceding that the novel is stale, draggy and possessed of unpleasant shortcomings. And he does so with a straight face. He then suggests how a reader might get through the volume in such a way as to camouflage precisely those shortcomings. Assuming that ‘stunning’ is not being deployed in its abattoir bolt-gun sense, and putting aside the theory that ‘excellent’ is used sarcastically, this amounts to a reviewer saying ‘vol. 8 is an excellent novel, although, obviously in a shit way, but maybe volume 9 won’t be so shit, and maybe, if you swallow them both together, that as yet unwritten book will be sweet enough to disguise the shitty taste of this one.’”

Ob ihr „The Wheel of Time“ hasst oder liebt – kauft Adams Buch. Er kann die Serie überhaupt nicht ab, hat auch viel früher als ich aufgegeben, das Positive zu suchen, und seine Rezensionen sind weniger detailiert als meine. Aber ich fürchte sie sind deutlich witziger. Und: das Buch ist voller Besprechungen bekannterer und unbekannterer Sci-Fi & Fantasy-Werke, die es zu entdecken lohnt.

Der Rahmen, der möglich gewesen wäre

Zum Schluss dann doch noch ein paar Sätze zum Buch selbst. Roberts ist mittlerweile sehr ungehalten und behauptet, in diesem Buch passiere überhaupt nichts. Ich möchte etwas freundlicher sein, aber tatsächlich plätschert, was in vorangegangenen Büchern begonnen wurde, sehr unmotiviert weiter. Mat ist noch immer auf der Flucht aus Ebou Dar, und während diese Passagen sich noch atmosphärisch am stärksten lesen, kommt die Gruppe kaum aus der Stadt heraus. Perrins Versuch, Faile zu befreien, besteht vor allem aus Lagern, Nachdenken und über das Nachdenken sprechen. Elayne trifft sich mit einer Masse von Figuren, um ihre Thronfolge zu sichern, wobei uns wie bereits in der letzten Rezension ausgeführte nicht wirklich irgendetwas an ihren Gegenspielerinnen interessieren muss (s.o., Stichwort „Scotty“). Am meisten frustriert, dass dieser Roman durchaus einen denkbaren Rahmen gehabt hätte, um Spannung zu erzeugen. Den Rand ist ja ausgezogen, um die männliche Hälfte der „One Power“ zu reinigen. Und quer durch den Band stellen immer wieder Figuren fest, dass irgendwo fern sehr mächtige Magie gewirkt wird und man weiß nicht genau, worum es sich handelt: Die übriggebliebenen Forsaken? The Dark One? Rand? So hätte im Hintergrund durchaus Spannung aufgebaut werden können, die einzelnen Handlungen im Roman verbunden, indem den Figuren dieses Wirken der fernen Magie immer bedrohlicher erscheint. Nur: wir wissen eben doch, worum es sich handelt und wir wissen auch schon ziemlich zu Beginn des Buches, dass davon keine Bedrohung ausgeht. Wir wissen, dass es sich um ein gemeinsames Ritual der „Guten“ handelt und nicht etwa um einen großen Kampf, einen Widerstreit der Mächte, wie wir spekulieren könnten, wenn das Ritual nicht am Anfang des Romans gezeigt worden wäre sondern wir mit der Information zu Rands Unterfangen alleine wären. Entsprechend nebenbei wird dann auch der Strang „unheimliche Magie in der Ferne“ irgendwann mitten im Buch abgefrühstückt, ebenfalls aus der Ferne und mit einem bloßen Gefühl:

“The beacon that had been burning for so long had just vanished. One instant it had been there, that raging blaze of saidar, and then it was gone as if it had never existed. Sumeko’s massive bosom heaved as she drew a deep breath. “I think something very wonderful or very terrible has happened today,” she said softly. “And I think I am afraid to learn which.” “Wonderful,” Elayne said. It was done, whatever it was, and Rand was alive. That was wonderful enough. Monaelle glanced at her quizzically. Knowing about the bond, she could puzzle out the rest, but she only fingered one of her necklaces in a thoughtful manner. In any case, she would pry it out of Aviendha soon enough.”

Zum Schluss gibt es dann ein bisschen Action: Nach 3 Bänden Vorbereitung (!!!) beginnt die Belagerung von Tar Valon und Egwene wird gekidnappt.

Bild: Pixabay

2 Gedanken zu “Der Mythos vom „Slog“ als Rationalisierung der Schwächen von „The Wheel of Time“? – Band 10.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Allein deiner Rezensionen wegen ist die Reihe legitimiert. Ich amüsiere mich prächtig. Ich werde es dennoch nicht lesen – der Slog ist das Buch selbst, die ganze Reihe, diese seltsame, sich steigernde Kadenz, das las sich wunderbar.

    Gefällt 1 Person

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