Die Kathedrale als Bild und Wirtschaftsmotor. “Der Traum” – Émile Zola Serie 16.

“Der Traum” ist mal wieder ein Roman im Rougon-Marcquart-Zyklus, aus dem man endlos zitieren könnte. Aus der Entwicklung der Texte seit „Das Paradies der Damen“ fällt er ein wenig heraus. „Der Traum“ ist deutlich kürzer als die letzten gut fünf Bücher und hat wieder eine deutliche romantischere Note.

Das Ganze hebt an und spielt dann auch im Schatten einer uralten Kathedrale in der Oberstadt von Beaumont-sur-Oise, die sich ökonomisch größtenteils um den Erhalt des Gebäudes und der Klerikerschaft dreht. In diesem Schatten birgt sich ein junges Mädchen, eine entlaufene Waise, die von dem kinderlosen Ehepaar Hubert, ihres Zeichens Schmuck- und Goldsticker, aufgenommen wird. Das Mädchen lernt das Handwerk, begeistert sich für Heiligenlegenden, macht Spaziergänge im wie verwunschen wirkenden Park der Kathedrale, lernt einen jungen Mann kennen, verliebt sich, und ihr lang gehegter Traum vom Prinzen, der sie zu sich empor hebt, scheint sich zu verwirklichen. Allerdings stellt sich der junge Mann, ein Glasmaler, als der Sohn des Bischofs heraus und das ist nun gleich ein doppeltes Hindernis, da nicht nur der Bischof für seinen Sohn eine andere Ehe geplant hat, sondern auch die Adoptivmutter sehr darauf bedacht ist, dass die Tochter keine zu hoch fliegenden Träume verfolgt – was wiederum eine Reaktion auf ihre eigene Ehe ist.

Die Handlung ist also wirklich eine sehr einfache Version der Geschichte vom Mädchen niederen Standes, das vom Prinzen aus diesem erhoben werden soll. Man könnte sagen: Aschenputtel. Erweitert natürlich um eine naturalistische Ebene, die sich mit dem Goldsticker-Handwerk, der Schmiedekunst, der Glasmalerei und allgemeiner der Ökonomie einer Kleinstadt und besonders eines Bischofssitzes auseinandersetzt. Klassenfragen und das Adoptionsrecht werden diskutiert (die Heldin Angelika ist die Tochter von Sidonie aus „Die Eroberung von Plassans“, und das Ehepaar Hubert adoptiert sie in dem Wissen, dass die Mutter noch am Leben ist und enthält damit der Mutter das Kind vor).

Herausragt dieser Roman aber wieder vor allem durch seine starken Bilder und den dicht gewebten Teppich von Symbolen, besonders der Blumensymbolik. Und überall ist die Kathedrale, in deren Seitenwand das Haus der Hubert zwischen Pfeilern praktisch eingemauert ist. Und so fest diese Kathedrale zu stehen scheint, ist sie doch ein unglaublich wandelbares Gebäude, das der Leserschaft je nach Situation und Stimmung immer wieder ein anderes Gesicht zuwenden kann. Im Auftakt ist sie ein so erhabenes, wie abweisendes Kunstwerk aus Stein und Schnee:

“Als es acht Uhr schlug und der Tag erwachte, hatte die Verirrte schon längst jeden Schutz verloren. Hätte sie nicht den Schnee festgetreten, bis zu den Schultern wäre er ihr gegangen. Die altertümliche Pforte hinter ihr war von ihm überzogen, als spanne sich ein Mantel von Hermelin darüber aus, hier am Fuße der grauen Fassade so nackt und glatt, daß nicht ein Flöckchen Schnee daran haften blieb. Die großen Heiligen des Bogenganges waren von oben bis unten von ihm bedeckt; die weißen Füße und die weißen Köpfe erglänzten in unschuldsvoller Reinheit. Weiter oben traten die Szenen im Giebelfelde, die kleinen Heiligen in den Wölbungen in deutlichen Zügen hervor; wie helle Pünktchen hoben sie sich von dem dunklen Hintergrunde ab. So ging es fort bis zur höchsten Freude, der himmlischen Hochzeit der Agnes, welche die Erzengel unter einem Regen weißer Rosen zu feiern schienen. Aufrecht auf seinem Pfeiler mit der weißen Palme und dem weißen Lämmlein stand das Bildnis der ländlichen Jungfrau; den keuschen Leib bedeckte der Schnee, inmitten dieser starrenden Kälte ein mystisches Sinnbild siegreicher Auferstehung der unbefleckten Jungfräulichkeit. Zu der Heiligen Füßen ein elendes, in Schnee gehülltes Kind, so starr und weiß, als sei es selbst zu Stein geworden; in nichts unterschied es sich mehr von den erhabenen Jungfrauen.”

Doch sie wandelt sich über das erste Kapitel, in dem sich Angelikas Situation von fast hoffnungslos zu unendlich glücklich über die neue Familie verändert, zu einem zwar immernoch kalten Eispalast, der auf Angelika nun ermunternd wirkt:

“Als sie an jenem Morgen die Kirche betraten, stand Angelika abermals unter der Pforte der heiligen Agnes. Es war während der Woche Tauwetter eingetreten; doch hatte es nicht angehalten, sondern sich ein so rauher Frost eingestellt, daß der halbgeschmolzene Schnee auf den Bildereien ein wahres Blütenfeld von Eisnadeln erzeugt hatte. Die Jungfrauen schmückte jetzt eine vollständige Eisfläche; sie hatten durchsichtige Gewänder mit gläsernen Spitzen angelegt. Dorothea hielt eine Fackel, deren durchsichtiges Wachs ihr aus den Händen tropfte; Cäcilie trug eine silberne Krone, von der lebendige Perlen herniederrieselten; Agathe hatte über den mit Zangen gezwickten Busen eine kristallene Rüstung gezogen. Auch die Darstellungen im Giebelfelde, die Jungfrauen in den Wölbungen schienen im Laufe der Jahrhunderte zu Juwelen eines riesigen Reliquienschreines geworden zu sein. Agnes selbst schleppte einen Krönungsmantel nach, der aus Licht gewoben und mit Sternen bestickt war. Ihr Schäfchen hatte ein diamantenes Vlies erhalten und ihre Palme die Farbe des Himmels angenommen. Die ganze Kirchentür strahlte von der Klarheit starker Kälte wider. Angelika erinnerte sich der Nacht, die sie dort unter dem Schutze der Jungfrauen verbracht hatte. Sie erhob den Kopf und lächelte ihnen zu.”

Sie kann in den späten Abendstunden ein geradezu bedrohlicher Schatten über der Stadt sein, der Angelika aber besonders begeistert, da darin eine kaum zu fassende Größe liegt. Doch wenn man so durch den Garten dahinstreift, ist sie auch ein Hort des Lebens, der vor Lebendigkeit beinahe zu bersten droht:

“Die Kathedrale zu ihrer Rechten, diese wuchtige, zum Himmel strebende Masse, überraschte sie noch mehr. An jedem Morgen bildete sie sich ein, daß sie sie zum ersten Male sehe, und diese Entdeckung bewegte sie tief; sie begriff, daß das alte Gemäuer lebte und dachte wie sie. (…) Immer weiter strebte sie entzückt und geraden Weges vom Erdboden empor mit ihren Gegen- und Strebepfeilern des Chores, die zwei Jahrhunderte später ausgebaut und verziert mit ihren Glöckchen, Pyramiden und Spitzen im Vollwerte der Gothik schimmerten. Traufröhren leiteten am Fuße der Strebepfeiler das Wasser von den Bedachungen ab. Eine mit Geißblatt umrankte Brustwehr grenzte die Terrasse über den Kapellen der Apsis ein. Die Spitze zeigte gleichfalls Blumenschmuck. Das ganze Gebäude blühte, je mehr es sich dem Himmel näherte, in ununterbrochener Verjüngung auf; befreit von den Schrecknissen mittelalterlicher Priesterherrschaft warf es sich an den Busen des Gottes der Vergebung und der Liebe. Es hatte gleichsam dieses leibliche Gefühl, es dünkte sich frei und glücklich, als habe es einen Kirchengesang angestimmt, rein und fein in der stattlichen Höhe sich verlierend. Im übrigen lebte die Kathedrale wirklich. Hunderte von Schwalben hatten ihre Nester unter den Kranz von Geißblatt geklebt, ja selbst in die Ausbuchtungen der Glöcklein und Spitzen. Ihr Flug führte unaufhörlich um die von ihnen bewohnten Strebe- und Sperrpfeiler herum. Auch die Holztauben der Ulmen im bischöflichen Garten drängten sich mit langsamen Schritten nach Art von Spaziergängern an den Rand der Terrassen, öfter putzte sich ein Rabe, verloren im Blauen und kaum so groß wie eine Fliege, auf der Spitze eines Türmchens das Gefieder. Eine ganze Welt von Pflanzen, Flechten, Grasarten sprossen aus den Spalten der Mauern und hauchte dem alten Gestein durch die geheime Arbeit ihres Wachstums Leben ein. An den Regentagen erwachte die ganze Apsis und grollte unter dem Geräusche des auf die Bleilagen des Daches herniederprasselnden Regens, der sich durch die Rinnen der Galerien von Stockwerk zu Stockwerk mit dem Lärm eines entfesselten Stromes ergoß. Selbst die schreckliche Windsbraut der Monate Oktober und März belebte die Kathedrale und verlieh ihr eine Stimme des Zornes und der Klage, wenn sie durch ihren Wald von Giebeln und Bögen, von Rosetten und kleinen Säulen pfiff.”

Und das ist nicht einfach nur ein Selbstzweck. In „Der Traum“ untersucht Zola auf subtil poetische Weise nicht zuletzt auch Glanz und Elend der religiösen Erfahrung und setzt sich von früheren, teils sehr religionskritischen Werken ab, indem hier Religion als eine sehr ursprüngliche ästhetische Erfahrung gezeigt wird, die sich allerdings entzündet an der in Stein und herrliche Kunstwerke gegossenen Tradition von mehr als 1800 Jahren. Eine Erfahrung, die Kraft geben kann und Angelika immer wieder zu positiven Handlungen inspiriert, während es doch gleichzeitig sozusagen der „Muff“ dieser 1800 Jahre ist, der sich ihrer Liebesgeschichte in den Weg zu stellen droht.

Nicht so gelungen ist allein der Bericht über Angelikas Begeisterung für Heiligenlegenden in der Kindheit. Wo es locker zwei bis drei Seiten und dann der ein oder andere Verweis auf die Legenden später getan hätten, langweilt uns Zola mit endlos scheinenden Zusammenfassungen der Legenden, die Angelika gerade liest (und ich glaube sie liest fast alle!), ohne dass daraus in diesem Moment oder später ein Mehrwert erwachsen würde. Man kann diese Seiten überfliegen, eigentlich sogar beinahe überspringen und das Buch verliert dadurch nichts.

Innerhalb des Zyklus gehört „Der Traum“ nicht zu den Werken, die man unbedingt gelesen haben muss, um ein rundes Bild des Kosmos zu bekommen, es ist aber einer der sprachlich schöneren, motivisch dichteren und zugleich kürzeren Texte, sodass es wenig Grund gibt, ihn nicht zu lesen. Zudem wird das Milieu der solideren, besser gestellten Handwerkerschaft in keinem anderen der Romane bearbeitet.

Bild: Wikiart, gemeinfrei.

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