Schlegels „Lucinde“ ist immernoch langweilig. Und seine Romantik schreckliche Sakralisierung bürgerlicher Spießigkeit.

Nun habe ich mir also auch Schlegels Lucinde noch ein mal reingezogen. Gott, ging mir dieses Buch als junger Leser auf den Nerv. Ein konfuses Sammelsurium an Ideen, kaum von einer nur angedeuteten Romanhandlung zusammen gehalten. Ein Traktat, eigentlich.

Heute ist es zumindest Anfangs angenehme Erholung vom durchnormierten gefälligen Modernismus der Literaturschulen, die den Markt für „Literatur“ beherrschen.

„Die Menschen und was sie wollen und tun, erschienen mir, wenn ich mich daran erinnerte, wie aschgraue Figuren ohne Bewegung; aber in der heiligen Einsamkeit um mich her war alles Licht und Farbe und ein frischer warmer Hauch von Leben und Liebe wehte mich an und rauschte und regte sich in allen Zweigen des üppigen Hains. Ich schaute und ich genoß alles zugleich, das kräftige Grün, die weiße Blüte und die goldne Frucht. Und so sah ich auch mit dem Auge meines Geistes die Eine ewig und einzig Geliebte in vielen Gestalten, bald als kindliches Mädchen, bald als Frau in der vollen Blüte und Energie der Liebe und der Weiblichkeit, und dann als würdige Mutter mit dem ernsten Knaben im Arm. Ich atmete Frühling, klar sah ich die ewige Jugend um mich und lächelnd sagte ich: Wenn die Welt auch eben nicht die beste oder die nützlichste sein mag, so weiß ich doch, sie ist die schönste.“

Hier versucht zumindest einer eine spezielle eigene Idee von Schönheit in entsprechender Sprache auszudrücken und man hat, obschon das deutlich gekünstelter wirkt als etwa der Stil Goethes, das Gefühl, diese „Welt“ ist in diesem Stil bei sich, zu Hause. Es liest sich stimmig.

Dessen ungeachtet aber bleibt der alte Eindruck. Lucinde ist vor allem ein Traktat, das Schlegels Vorstellung des Romantischen expliziert. Die geriert sich als radikale Absage gegen die Welt, beschränkt sich dann aber darauf, deren Ordnung zu mystifizieren und zu naturalisieren, oder beschränkter: das Ideal im Bestehenden, hier die bürgerliche Ehe, wird als natürlich mystifiziert.

„Du hast recht, das kleine Landgut müssen wir durchaus kaufen. Es ist gut, daß du gleich die Anstalten getroffen hast, ohne auf meine Entscheidung zu warten. Richte alles ein, wie es dir gefällt; nur nicht gar zu schön, wenn ich bitten darf, aber auch nicht zu nützlich und vor allen Dingen nicht zu weitläuftig (…)

Leichtsinnig lebte ich über die Erde weg, und war nicht einheimisch auf ihr. Nun hat das Heiligtum der Ehe mir das Bürgerrecht im Stande der Natur gegeben. Ich schwebe nicht mehr im leeren Raum einer allgemeinen Begeisterung, ich gefalle mir in der freundlichen Beschränkung, ich sehe das Nützliche in einem neuen Lichte und finde alles wahrhaft nützlich, was irgend eine ewige Liebe mit ihrem Gegenstande vermählt, kurz alles was zu einer echten Ehe dient. Die äußerlichen Dinge selbst flößen mir Hochachtung ein, wenn sie in ihrer Art tüchtig sind, und du wirst am Ende noch frohlockende Lobreden auf den Wert eines eignen Herdes und über die Würde der Häuslichkeit von mir hören.“

Ganz besonders heftig gilt das für die Rollen von Mann und Frau und das Verhältnis der Geschlechter zueinander.

„Es sollte eigentlich nur zwei Stände unter den Menschen geben, den bildenden und den gebildeten, den männlichen und den weiblichen, und statt aller künstlichen Gesellschaft eine große Ehe dieser beiden Stände, und allgemeine Brüderschaft aller einzelnen“

„Durch das, was seine Freundin ihm offenbart hatte, ward es dem Jünglinge klar, daß nur ein Weib recht unglücklich sein kann und recht glücklich, und daß die Frauen allein, die mitten im Schoß der menschlichen Gesellschaft Naturmenschen geblieben sind, den kindlichen Sinn haben, mit dem man die Gunst und Gabe der Götter annehmen muß.“

Ich denke da muss man nicht viel zu sagen. Was für ein Spießbürger. Die urbürgerliche Scheidung der Sphären – die „männliche“ Öffentlichkeit, das „weiblich“ Häusliche, die etwa weder der Bauernstand, noch die Arbeiterschaft so kennt, wird Schlegel zur Natur. Und was ist seinem Protagonisten schließlich Erlösung und größtes Glück? Natürlich: Die Ehe und Lucindens Schwangerschaft:

„Weißt du noch, wie ich dir schrieb, keine Erinnerung könne dich mir entweihen, du seist ewig rein wie die heilige Jungfrau von unbeflecktem Empfängnis, und nichts fehle dir zur Madonna wie das Kind?

Nun hast du es, nun ist es da und wirklich. Bald trage ich ihn auf dem Arm, bald erzähle ich ihm Märchen, bald unterrichte ich ihn sehr ernsthaft, bald gebe ich ihm gute Lehren, wie der junge Mensch sich in der Welt zu betragen hat.“

Die auch gleich Anlass ist, die Angebetete zu belehren:

„Ich mache mir oft Sorge über deine Gesundheit. Du kleidest dich gar zu leicht und liebst die Abendluft! Das sind gefährliche Gewohnheiten, die du wie manche andre ablegen mußt.

Denke, daß eine neue Ordnung der Dinge für dich beginnt. Bisher hieß ich deinen Leichtsinn schön, weil er an der Zeit war und zum Ganzen stimmte. Ich fand es weiblich, wenn du mit dem Glück scherzen, und alle Rücksichten zerreißen und ganze Massen deines Lebens oder deiner Umgebung vernichten konntest.

Nun ist aber etwas da, worauf du immer Rücksicht nehmen, worauf du alles beziehen wirst. Nun mußt du dich allmählich zur Ökonomie bilden, versteht sich im allegorischen Sinn.“

Das Fragment „versteht sich im allegorischen Sinn“ ist dabei natürlich reine Lüge, wie wir an den Überlegungen zum Landgut sehen. Schlegels Romantik ist radikale Besitzstandswahrung der herrschenden Klassen + kitschige Verbrämung.

Ich lese so etwas heute, anders als mit 20, ohne mich aufzuregen. Wie kann leben, wer sich stets aufregt, das Andere Anderes denken. So ist das eben mit den Anderen. Sie sind naheliegender Weise nicht Ich. Und ästhetisch gelungen gestaltete Gedanken aus anderen Denkkreisen können den eigenen Blick sicher eher erweitern, als wenn man stets nur das Eigene im Anderen sucht.

Allerdings… Ich sagte nicht , dass Lucinde ästhetisch gelungen gestaltet ist. Ich sage es ist „schön geschrieben“. Besser vielleicht: „hübsch“. Denn auch wenn das Chaos für Schlegel Sinn ergibt und man, wie das Nachwort andeutet, dies anhand seines persönlichen Begriffssystems rekonstruieren kann, es bleibt doch ein konfuses Buch. Beginnt als Briefroman, schaltet nahtlos eine Erzählung in der dritten Person ein und Dialoge, die noch im Brief zu stehen scheinen aber doch unmittelbar sind. Das Ganze schließt mit einer Art Wechselgesang. Nur weil man die Weltanschauung eines Anderen durchblicken kann, ergibt die weder in ihrer Niederschrift noch in ihrer Gesamtheit deshalb auch Sinn und/oder ist als literarisches Werk schön.

Bild: Pixabay

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