Jordan, der Beckett der Fantasy? „The Wheel of Time 9“ kapituliert vor der Möglichkeit, überhaupt zu erzählen (nach Adam Roberts)

„The Wheel of Time“ 9 („Winter’s Heart“) vermittelt zu Beginn den Eindruck, es könnte das wieder etwas stärkere Erzähltempo und das fokussiertere Erzählen des Vorgängerbandes halten. Es sieht sogar fast aus, als habe der neunte Band tatsächlich mal wieder einen echten Binnenplot, setze also nicht einfach willkürlich irgendwo nach dem Vorangegangenen ein und höre genauso willkürlich bzw. mit einer Zwischenboss-Battle dann recht plötzlich wieder auf. Denn wir erinnern uns: Faile, Perrins Ehefrau, ist entführt worden und das Buch beginnt mit den Vorbereitungen zur Jagd auf die Entführer. Parallel hat Rand einen Plan gefasst, wie sich angeblich die männliche Hälfte der „One Power“, aus der Männer ihre Magie ziehen, reinigen lässt. Das soll wohl verhindern, dass Männer beim Zaubern verrückt werden.

Kleines Problem: Der Rettungsplot gerät dann nach sechs Kapiteln komplett in Vergessenheit. Kein Witz. Die Handlung, mit der Winter’s Heart so tut, als werde Spannung aufgebaut, wird in diesem Buch ab Kapitel 6 nicht weitergeführt! Rand stolpert derweil ziellos durch die Welt und es gilt alles, was ich schon einmal über Fast Travel gesagt habe. Zumal sich die gesamte Willkür des Konzeptes hier offenbart. So leicht es zuvor war, Zusammenkünfte hier und dort abzuhalten ist Rand diesmal vollkommen überrascht davon, dass Egwene Amyrlin Seat ist, oberster Boss der Abspaltung der Magierinnen. Ernsthaft? Das ist sie immerhin seit Band 6! Und ausgerechnet diese Meldung konnten unsere durch die Welt teleportierenden, regelmäßige Konferenzen in der Traumwelt abhaltenden, die Träume anderer Figuren berührenden Heldinnen und Helden nicht übermitteln? Okay, von mir aus…

Der wunderbare unglaublich tolle Mann und beinahe Herrscher der Welt.


Der ganze Roman kommt auf jeden Fall nach einem knappen Viertel zu einem absoluten Stillstand und zieht sich, obwohl es sich um einen der kürzesten der Reihe handelt. Elayne ringt weiter um ihre Thronfolgerschaft, was sich vor allem in Gesprächen über das Ringen um die Thronfolgerschaft zeigt und ebenfalls in keiner Weise weiterentwickelt oder zugespitzt wird. Mat stolpert durch Ebou Dar, das unter der Herrschaft der Bondage Badies (Seanchan) ist und stellt fest, dass alle Frauen scharf auf ihn sind (Der Strang schließt mit einer Flucht und hat immerhin mal wieder ein paar atmosphärische Nacht&Kneipen-Passagen die durch Bilder erzählen, statt durch Info-Dumps). Und Elayne, Aviendha und Min treffen sich endlich mit Rand und machen ihren Packt, den wunderbaren unglaublich tollen Mann und beinahe Herrscher der Welt zu teilen, weil sie alle verstanden haben, dass für einen so wunderbaren unglaublich tollen Mann und beinahe Herrscher der Welt eine Frau natürlich nicht genug sein kann, offiziell. Und Elayne darf, nachdem sie nachdrücklich einfordert, endlich auch zu bekommen, was die anderen zwei schon hatten, nach langem sich Verzehren nun auch mit dem wunderbaren unglaublich tollen Mann und beinahe Herrscher der Welt ins Bett. Hallelujah! Und ihr könnt euch vorstellen, dass wir dabei einige der wunderbarsten und unglaublich tollsten Szenen der Literaturgeschichte vorgesetzt bekommen…

Vor allem ist „Winter’s Heart“ ein einziges retardierendes Moment. Es expliziert noch einmal 1000 Dinge, die vorher schon nicht gerade implizit gehalten waren und lenkt den Blick auf zahlreiche Figuren, die zuvor ohne Bedeutung waren und wenn man ehrlich ist auch jetzt bedeutungslos bleiben. Das geschieht etwa, indem die Protagonisten der Invasion der Saenchan (der Bondage-Badies) ebenso wie das Seefahrerinnen-Volk nun immer wieder Kapitel oder Unterkapitel bekommen, in denen detailliert auf ihre Sorgen, Wünsche und Motivationen geschaut wird. Jordan scheint zu glauben, auf diese Weise seine Geschichte plastischer zu machen, indem er ein breites Ensemble an gleichberechtigten Figuren aufstellt. Das ist natürlich nicht, was hier geschieht. Es werden Seiten gefüllt. Und Seiten gefüllt. Denn diese Figuren wurden eben niemals in der gleichen Weise aufgebaut wie zumindest in den ersten drei Bänden die Haupt- und Nebenfiguren. Sie poppen plötzlich in die Geschichte, es wird durch das erratische Hinwerfen von ein paar Emotionen der mindeste Versuch gemacht, sie plastisch zu gestalten und wir können uns doch zugleich ziemlich sicher sein, dass wir niemals wirklich ihre Ziele als gleichberechtigt mit denen der Protagonisten ansehen sollen oder müssen, da viele ähnlich abrupt auch wieder aus der Geschichte hinauspoppen werden. Könnte ich als Lektor nur eine große Veränderung gegenüber dieser Romanreihe durchsetzen, so wäre es die, die Antagonisten so wenig wie möglich in den Blick zu rücken und nach dem „Der-weiße-Hai“-Prinzip zu behandeln. Es liest sich einfach so unglaublich kindisch, wenn Jordan unsterbliche Magierinnen und Magier, aufgebaut als einige der mächtigsten Antagonisten dieser Welt, mindestens von der Größe eines Saruman in „Der Herr der Ringe“ miteinander kleine Streitigkeiten ausfechten lässt wie Jungs und Mädchen auf dem Schulhof, wenn er versucht die doch in erster Linie aufgrund ihrer Rätselhaftigkeit anfangs noch halbwegs interessanten Saenchan plötzlich zu gleichberechtigten Figuren mit einer Psyche zu machen und auf diese Weise Seite um Seite fühlt, ohne dass irgendeiner dieser Bögen tatsächlich irgendwo hinführt.

Stickereien und tiefe Ausschnitte

Apropos Seiten füllen. In Band 9 gerät auch eine bisher schon anstrengende Angewohnheit an ihren (bisher?) absoluten Höhepunkt, die ich in der Rezession zu Baand 6 als Detail-Overkill bezeichnet habe. Ihr glaubt gar nicht, wie genau ihr bei der Lektüre erfahren werdet, welche Kleider und oder/andere Art von dazu auch noch regelmäßig wechselnden Bekleidungen besonders die Frauen in diesem Roman tragen. Mit welchen Stickereien und welche Art von Ausschnitt. Und ich muss sagen, dass die fehlende Balance schon sehr augenfällig ist (nicht erst seit diesem Band). Was die Männer tragen, wird doch wenn überhaupt sehr kurz abgehandelt.

Inneneinrichtungen von Häusern sind auch ein sehr bedeutendes Thema in „The Wheel of Time“ 9.

Der Band hat ein paar Stärken, besonders den Beginn und des Weiteren die Tatsache, dass man zumindest das Gefühl haben kann, dass langsam einige Grundlagen gelegt werden, um die Serie endlich auf ihr schon lange notwendiges Finale zuzutreiben. Er ist aber vor allem als Explikation der typischen Schwächen der Serie interessant und dabei zum Glück so kurz, dass man das noch mit Humor nehmen kann.

Der Beckett der Fantasy?

Mit besonders viel Humor genommen hat das mein Gewährsmann Adam Roberts, dessen Rezensionsreihe bekanntlich sehr viel früher „The Wheel of Time“ sehr viel negativer gelesen hat. Mit Band 9 kapituliert Roberts und kommt zu dem Schluss, dass Jordan uns von Anfang an auf eine falsche Fährte geführt hat und niemals einen klassischen Fantasy-Roman schreiben wollte, sondern eigentlich Anti-Fantasy verfasst, die komplett alle Erwartungshaltungen an eine stringent erzählte Geschichte oder sogar eine Heldenreise unterläuft. Dass es sich tatsächlich eher um ein Verzweifeln an der Möglichkeit von Worten, überhaupt irgendetwas, geschweige denn so etwas wie Wahrheit, auszudrücken, handelt. Eine konsequente Verweigerung des Erzählens im Stil des großen Samuel Beckett. Adams vermutet an der Wurzel dessen ein ungeklärtes Verhältnis des Autors zum Thema Bondage, das ihn gleichermaßen zu faszinieren wie abzustoßen scheint. Weshalb die Reihe Bondage nicht nur in diesen strangen Saenchan externalisiert, für die Bondage bzw. Femdom gewissermaßen ja die Grundlage der Gesellschaftsform liefert. Sondern „The Wheel of Time“ wird sprachlich und formal geradezu selbst zu einem Bodage-Akt, dessen erlösender Höhepunkt aber immer wieder herausgezögert werden muss. Ich glaube nicht, dass Roberts tatsächlich hinter dieser Interpretation steht, allerdings ist es eine sehr pfiffige Art und Weise, mittels Lob, psychologischer Ausdeutung und einem Vergleich mit einem der unbestritten größten Literaten der Moderne freundlich zu sagen: dieses Buch ist langweilig.

Doch da nun immerhin ein paar neue Konflikte angelegt sind, könnte 9 ja der Wendepunkt sein, ab dem man aus eigenem Antrieb Richtung Schluss weiterlesen will. Let’s Stay positive…

(Ich habe mich allerdings jetzt erstmal mit dem herausragenden „Amras“ erholt).

Bild: eigenes.

2 Gedanken zu “Jordan, der Beckett der Fantasy? „The Wheel of Time 9“ kapituliert vor der Möglichkeit, überhaupt zu erzählen (nach Adam Roberts)

  1. Alexander Carmele sagt:

    Also das Lesen dieser Rezension hat mich wahnsinnig amüsiert. Ich habe richtiggehend gelacht. Super so in den Tag zu starten. Hätte ich nur vor dem Lesen ein Fünkchen vorgehabt, das Buch zu lesen, so hätte ich jetzt sicherlich nicht mehr dran zu denken gewagt. Es hört sich eher wie ein Fanservice an … im übrigen habe ich mal in Amras gelebt und die Leute dort mögen „Amras“ von Bernhard gar nicht. Es war amüsiert, wie hasserfüllt sie auf diesen wunderbaren Text reagieren! Guten Start in die Woche, und ja, vielleicht wird ja Band 10 das absolute, alles vereinigende Finale. Ich hoffe es.

    Gefällt 1 Person

    1. soerenheim sagt:

      Das Finale kommt leider erst mit Band 14. Die letzten 3 Bände sind von einem neuen Autor verfasst und werden nochmal deutlich besser. Aber bis Band 11 bleibt es auf diesem Niveau…

      Ja, das ist nicht so selten, dass Spielorte „ihre“ Autoren erstmal hassen. War bei Davos ja auch so, bis sich mit dem Zauberberg-Bezug Geld verdienen ließ.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.