Prosa-Poem einer Stadt im Wandel. Yaşar Kemals „Auch die Vögel sind fort“.

Zu “Auch die Vögel sind fort” von Yaşar Kemal hatte ich schonmal eine kleine Notiz verfasst. Allerdings verdient der kurze dichte Roman, den ich trotz später Entdeckung jetzt bereits zum dritten Mal gelesen habe, deutlich mehr. Es handelt sich um eine dieser fast perfekten Kompositionen. Eines der ganz großen Werke der Weltliteratur. Sprachlich selbst in der Übersetzung noch wunderschön. Kurz und dicht, ohne dass sich irgendjemand davon überfordert fühlen sollte. Ein kluger Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge, der niemals predigt. Viel Geschichte (History) in der Geschichte, doch die Geschichte im Sinne von Erzählung behält immer die Führungsrolle.

Ein Erzähler, über den wir nicht allzu viel erfahren, außer dass er Geld haben muss und sich in Istanbul auskennt, beobachtet drei Jugendliche, fast noch Kinder, die auf einer der letzten naturbelassenen Flächen nahe des Meeres Vögel fangen. Sie warten, bis sich die Vögel auf Disteln niedergelassen haben und werfen dann ein Netz darüber. Dies scheint eine alte Tradition zu sein. Man packt die Vögel in Käfige und verkauft sie dann vor dem Moscheen. Die Gläubigen entlassen sie wieder in die Freiheit und bitten mit dem Spruch „Fliege, Vogel, fliege vor, wart auf mich am Himmelstor“ für sich und ihr Seelenheil.

Ein kleines Problem: Diese Tradition ist fast ausgestorben. Niemand kauft die Vögel. Und so darben sie sinnlos in den Käfigen vor sich hin. Die jungen Männer sind wütend. Der Erzähler ist wütend. Und auch ein alter Vogelhändler, mit dem der Erzähler die jungen Männer in Kontakt gebracht hat um vielleicht Hilfe beim Verkauf zu finden, ist wütend. Wie können die Menschen, wie kann Istanbul, nur so grausam sein, die Vögel in den Käfigen verrotten zu lassen? Niemals kommt eine der Hauptfiguren, zu denen auch der Erzähler gehört, auf die Idee, dass unter den Umständen das Fangen der Vögel selbst grausam sein könnte. Nein: Istanbul befindet sich im Niedergang. Die Spiritualität ist verloren gegangen. Die Solidarität mit den Schwächeren. So das verzweifelte Urteilen der in einer eher losen Weise gläubigen Protagonisten.

Diese Geschichte nutzt Kemal, um uns eine lebendige Stadt im Wandel vor Augen zu stellen. Er führt uns durch alte Arbeiterviertel und zB das Viertel Dolapdere, das in seiner Beschreibung fast wie ein Zirkus der Ausgestoßenen wirkt:

“Ali Schah wohnt in Dolapdere. Dolapdere, das ausge lassenste, bunteste, schillerndste, bezauberndste Viertel der Stadt. Istanbul ist groß, weiträumig, grenzenlos und wim melt von Menschen, so zahlreich wie Ameisen. Aber wenn es auch scheint, es habe weder Anfang noch Ende, sind seine Weiten und sein Gewimmel durch innere Grenzen gegliedert. Dolapdere ist klein, aber eine Welt voller Zauber und unerschöpflicher Vielfalt, erfüllt vom ständigen Hin und Her quirliger Menschen. Man darf sagen: Dolapdere ist einzigartig auf dieser Welt. Dolapdere ist Labyrinth, ist Straße und Gasse, Absteige und Bordell, ist Tugend und jungfräuliche Unschuld. Sein Schmutz über trifft den Durchschnitt Istanbuls um Längen, aber die strahlende Sauberkeit seiner gescheuerten Dielen ist ma kellos. Ein Ort der Geselligkeit und Geschäftigkeit. Hier findet jeder Zuflucht, der die Brücken hinter sich abge brochen hat, ob er von Osten, von Westen, von Süden oder Norden kommt. Autoschlosser, Wagenbauer, Bast ler von Petroleumlampen oder Schiffslaternen, Handwer ker, die aus zwei alten Rädern ein nagelneues Fahrrad zaubern, ein Auto bauen, Motorboote und Segelschiffe konstruieren, Flickschuster, Losverkäufer, Händler mit geschmuggelten Zigaretten, Trinker, die wie Grandsei gneurs genießen, Säufer, die sich vollaufen lassen; sie alle sind dort anzutreffen. Gescheiterte und Pechvögel aus al ler Herren Länder haben hier Zuflucht und Auskommen gefunden. In Dolapdere ist alles grenzenlos: Menschen würde und Schändlichkeit, Milde und Grausamkeit, Freundschaft, Liebe, Haß und Niedertracht. Kurzum, Dolapdere ist eine Zauberstadt.”

Viel verweilen wir am Hafen, wo sich die schönsten Bilder ergeben:

“Das morgenhelle Meer spiegelte sich in den Zweigen der riesigen Platane vor dem öffentlichen Strand. Ihre Krone stand im gleißenden Licht, das sich wie ein Wild bach über die Ebene ergoß. Der Himmel über Istanbul färbte sich glühendrot, jeden Augenblick mußte der Tag anbrechen, würden die bleiernen Kuppeln der Moscheen aus dem Dunkel aufsteigen. Von weit her, aus der Gegend Ambarli, hallte das dumpfe Tuckern eines Kutters. Den Kopf auf der Brust, waren die beiden Jungen eingeschlafen. Das Feuer war verlöscht, Asche bedeckte die Glut. Aber auch die Vögel schliefen in ihren Käfigen. Ab und zu schlug in der Enge des Käfigs am Fuße der Pappel ein Vogel mit den Flügeln. Dann entstand ein kurzer Tumult hinter den Gittern, der sich aber schnell legte, und es herrschte wieder tiefe Stille. Eine sanfte Brise strich in ständigem Wechselspiel vom Wald, vom Meer, dann wieder vom Çekmece-See herüber, rein und bis ins Inner ste erfrischend, daß man sich wie neugeboren fühlte, leicht wie eine Feder, bereit, im Freudentaumel des Morgen windes davonzufliegen, der das All erfüllte.”

Klassengegensätze werden berührt, etwa im Antagonismus der Gruppe der jungen Vogelfänger, die aus einem armen Außenviertel zu ihrem Platz reisen und in einem Zelt nächtigen und einer anderen Gruppe wohlhabender Jugendlicher, die mit einer Mischung aus Interesse und die Nase rümpfen ihrem Scheitern beiwohnen. Nie allzu ausführlich, und teilweise auch im Konjunktiv, werden die Biografien der Protagonisten geöffnet, sodass aus dieser kleinen Geschichte ein Ungeheuer breites Gesellschaftsbild wird, das jedoch genug Offenheit aufweist, um zu atmen.

Was dabei besonders fasziniert ist, wie konsequent Kemal innerhalb der Perspektive seiner Protagonisten bleibt. Kemal selbst war Sozialist und ein Kämpfer für den letztendlich säkularen Fortschritt. Doch seine Protagonisten sind das selten. Dieser Autor weiß noch, wie langweilig es ist, wenn LeserInnen in Büchern immer nur sich selbst finden. Das Andere aufzuschließen, aus dem, was man vorfindet, Schönheit zu schaffen, die das Vorgefunden überschreitet: das ist, was Kunst leisten kann. Kemal gelingt es, uns seine Protagonisten sympathisch zu machen, ohne dass man sich ernsthaft mit ihrer Sache gemein machen kann. Er stellt uns den allgegenwärtigen Eindruck eines spirituellen Verfalls vor die Augen, und gleichzeitig die Verrücktheit dieser Vogelfängerei, von der man doch auch nicht hoffen darf, dass sie immer so weitergeht. Doch immer wieder baut Kemal kleine Tricks ein, die uns aus unsrer Skepsis auf die Seite der Protagonisten schubsen. Etwa wenn nach anfänglichem scheinbaren Erfolg ausgerechnet auf dem Taksim-Platz endlich die Menge genau unsere doch ach so rationalen Einwände gegen das Vogelfangen und die idiotische Idee, Geld auszugeben, nur um die Vögel wieder freizulassen, die doch immer frei sein könnten, formuliert. Nur um dann zu erklären: Die Kinder sollten doch lieber wie andere Kinder vernünftig sein und Zigaretten verkaufen.

Ja, „Auch die Vögel sind fort“ lässt sich durchaus als ein politischer, sogar als ein geradezu revolutionärer Roman lesen. Genau, weil er uns nie sagt, was wir zu denken haben. Weil es keine Predigt-Passagen gibt und keine vorbildlichen Figuren, hinter die wir uns bedingungslos stellen können. Und auch, weil diese Jugendlichen trotzdem tatsächliche Anteilnahme und Mitleid auf sich ziehen.

Denn wenn man sich ein Stück weit von der konkreten Handlung zurückzieht und das Muster betrachtet, taugt „Auch die Vögel sind fort“ durchaus zu einer Parabel auf die Schöpfungs- und Vernichtungszyklen der Moderne. Das Vogelfangen ist ja selbst praktisch ein frühkapitalistisches Unternehmertum. Es wuchs sich, wie wir im Buch lernen, anfangs mit dem Wachstum von Istanbul zu einem Geschäftsmodell aus, mit dem man ernsthaft reich werden konnte. Der Zeitlauf hat es überholt und schon beinahe überflüssig gemacht. Aber die Jungs, die nichts anderes können und kein Kapital haben um in ein moderneres Unternehmen einzusteigen, sich etwa einen Bauchladen zu besorgen, sie müssen doch auch noch essen. Und gleichzeitig verdrängt der Kampf ums Dasein, die Vorstellung, dass jeder seines eigenes Glückes Schmied zu sein habe, auch die traditionelle Mildtätigkeit, auf die die Schwachen, die Alten, die Kranken vielleicht noch hätten zählen können wie die Vögel in früherer Zeit. Und es gibt eben kein hinaus aus dem Zyklus des Vogelfangens. Das nächste geistesgestörte Geschäftsmodell steht schon bereit. Sollen die Kinder wirklich Zigaretten verkaufen? Wahrscheinlich selbst anfangen zu rauchen, andere mit Rauchwaren versorgen, damit dann jemand zahlen kann, um die Vögel wieder zu befreien (lies: den Raucherhusten zu bekämpfen, den Lungenkrebs zu heilen und was sonst diese Form des Vogelfangens eben wieder an Zerstörung nach sich zieht). Und sind die Jungs, die Menschen auf dem Taksim-Platz und wir alle nicht gewissermaßen selbst solche Vögel, die immer wieder gefangen werden müssen, ausgelöst, und kaum ausgelöst sich auf den nächsten Köder stürzen, über den das nächste Netz schon fällt? Solche Fragen erlaubt Kemal, öffnet Kemal überhaupt erst, indem er seine Geschichte mit größter Zuneigung zu den Protagonisten erzählt und nicht darüber hinweg geht, dass der Fortschritt, auch wo er berechtigter Fortschritt ist, über Dinge fortschreitet, die einmal das Leben von Menschen ausgemacht haben, die vielleicht auch nichts anderes können oder nicht in den nächsten Zyklus der Tretmühle springen wollen. Würden solche Fragen aus buchstabiert, sie wären bereits durchgestrichen. „Ja, Herr Lehrer“, würde man sagen und das Buch schon etwas geringer schätzen und vielleicht gar nicht zu eigenen Gedanken angestoßen werden.

Denn es ist ja nicht so, dass man den Text nicht verstanden hat, wenn man nicht auf diese Gedanken kommt. Vielleicht hat man ihn sogar falsch verstanden, falls das geht, ein literarisches Werk einfach falsch verstehen. Das Entscheidende ist: Man bekommt eine unglaublich dicht, unglaublich schön erzählte Geschichte, die auf ihren engen Raum eine überwältigende Weite entfaltet, wenn man sich darauf einlässt. Und man bekommt Raum für Gedanken, die weit über das hinausgehen, was die Figuren im Text sagen und denken und fühlen. Man ist aber gezwungen ihr Denken und Fühlen immer mit zu bedenken und ernst zu nehmen. Denn da ist nichts im Text, was es durchstreicht. Keine Perspektive, auf die man sich gemütlich zurückziehen kann und sagen: der/die hat recht. Man wird geistig mit großer Freiheit in eine Konkrete Welt gestoßen, die Substanz hat, die Widerstand leistet, man kommt um echtes dialektisches Abwägen gar nicht herum.

Und deshalb konnte man „Auch die Vögel sind fort“ bei Erscheinen 1978 sicher mit großem Gewinn lesen, kann es heute noch und wird es in 100 Jahren noch können. Und das macht Kemal, natürlich auch mit anderen Werken, „Wie das Lied der tausend Stiere“, zu einem der großen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts.

Bild: Pixabay.

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