Filmfreitag: Schwierigkeiten mit Farbfilm? Wenders Werkschau Teil II

Weiter geht es mit dem vergangene Woche begonnenen:

Der Himmel über Berlin“

“Audiovisuell” dürfte das der stärkste Wenders sein. Im Kern handelt es sich eigentlich um eine Klang/Text/Bildcollage aus Berlin wenige Jahre vor der Wende. Engel leben in dieser Stadt, können die Welt nicht direkt beeinflussen, aber hören und spüren die Gedanken und Sorgen der Menschen und berühren die Lebenswege auf diffuse Weise indirekt.

Wikipedia und das Booklet zur DVD behaupten der Film habe eine Handlung, die in etwa so geht: „Der Engel Damiel (Bruno Ganz) möchte sich verkörpern und das Leben selbst erfahren. Im Gegenzug strebt die Trapezkünstlerin Marion (Solveig Dommartin) nach dem Himmel.

Ja, das ist irgendwie in diesem Film verborgen. Aber Handlung würde ich das nicht nennen, so wie es ausgeführt ist. Wir sind schon halb durch die Laufzeit, da Damiel das Ziel überhaupt wirklich formuliert und Marion war zuvor und bleibt eigentlich auch dann vor allem eine von mehreren Figuren, in deren Gedanken wir tiefer eintauchen. Die beiden finden zum Schluss zueinander, aber das ist so ohne jede „Chemie“, da die beiden weder narrativ noch emotional etwas verbindet, es wirkt schrecklich aufgesetzt. Nein, hätte diese Handlung den Film tragen sollen, sie hätte früher aufgegriffen werden müssen, konsequenter entwickelt (etwa dadurch, dass Marion ihren Engel schon relativ früh spürt und es ihn aus irgendeinem Grund besonders zu ihr hinzieht) und die beiden hätten das Ganze so spielen müssen, dass es die Zuschauer wirklich interessiert, welches Schicksal das Paar erwartet. In etwa wie die Beziehung zwischen dem „Filmstar“ (Peter Falk, stärkste Performance des Casts) und dem Engel, die kurioserweise deutlich konsequenter vorausgedeutet und entwickelt wird.

Und ja: Genauso hätte der Film ablaufen müssen, soll aus einem interessanten Film ein herausragender werden. Denn was so überzeugt ist stattdessen vor allem das Schweifen durch Berlin in den für Wenders typischen überragenden Bildkompositionen, die sich mit dem bisher wohl doch besten Soundtrack vereinen. „Der Himmel über Berlin“ (Drehbuch Peter Handke) versucht Großstadt-Poesie zu sein, wenn nicht gar ein polyphoner Großstadtroman in Bildern. Und in den besten Momenten erinnert die Collage etwa an Dos Passos‘ „Manhattan Transfer“. Das es allerdings schafft, zusätzlich zu den Großstadteindrücken tatsächlich glaubhafte verbundene Geschichten zu erzählen.

In den schwächsten Momenten, das kommt leider noch erschwerend hinzu, trägt Handke textuell zu dick auf. Dann erzählen sich unsere Engel, offenkundige nur für den Zuschauer bestimmt, Dinge, die sie doch schon längst wissen, in einer gestelzten Theatersprache, wobei Bruno Ganz wieder wirkt wie ein Schauspieler, der einen Schauspieler spielt, der eine andere Rolle spielt. Diese Monologe über den Menschen im Allgemeinen und die Vergangenheit Berlins im Besonderen hätte man definitiv visualisieren können und müssen, und der Film hätte deutlich gewonnen dadurch (den Menschheitsschicksalsquatsch hätte man sich auch sparen können, das deckt der Film im Film rund um den Holocaust, der mit Peter Falk gedreht wird, viel besser ab). Der Himmel über Berlin ist ein Erlebnis, dass dennoch nicht wirklich auf baldige Wiederholung drängt. Und die Geschichte ist, sind wir ehrlich, übelster Kitsch.

Don’t come Knocking“

„Don’t come Knocking“ hat für Wenders Verhältnisse tatsächlich einmal eine relativ stringent erzählte Geschichte. Ein alternder Westerndarsteller flüchtet vor seiner Rolle zurück in die Arme der Mutter, muss sich mit eigener Vaterschaft auseinandersetzen und findet in einem kaputten Outsider-Freundeskreis rund um seinen Sohn und eine junge Frau, die nach einem Ort sucht, die Asche ihrer Mutter zu verstreuen, einen neuen nachhaltigeren Halt. Kann man nicht meckern. Das ganze ist ein bisschen whacky, derweil unterhaltsam und berührend und ohne die für Wenders typischen Überlängen erzählt. Gleichzeitig muss ich wieder bemerken, dass mich Wenders als Farbfilm-Regisseur nicht auf die gleiche Weise überzeugt wie in Monochrom. Klar, der Bildaufbau ist weiterhin stark und Wenders macht Farben sprechen. Aber die gleiche Eindringlichkeit der Bilder entsteht nicht. In einigen wenigen Momenten: ja. Aber im Großen und Ganzen hat man auch oft das Gefühl, durch das Fotoalbum irgend eines amerikanischen Kleinstadtbewohners zu blättern.

Million Dollar Hotel“

Diesem Film wird vorgeworfen, er sei eine komplette Katastrophe. „Style over substance“, eine Handlung, die keinen Sinn ergebe und der man nicht folgen können. Das halte ich für großen Quatsch. Ich erinnere mich zwar auch noch an eine Film-Session mit Freunden, in der die Atmosphäre mich geflasht hat, aber die Konzentration zum Schluss deutlich nach lies. Das mag allerdings auch an Alkohol und parallelen Gesprächen gelegen haben.

Die Handlung ist wirklich einfach: Ein junger Mann hat sich von einem Hotel gestürzt. Der reiche Vater hat Sorge, dass ein Selbstmord negativ auf ihn abgefärbt und nutzt seinen Einfluss, um das FBI zu Ermittlungen anzustacheln und diese zu beeinflussen. Das Hotel ist voller kaputter Halbweltgestalten, die den Skandal nutzen, um mit Gemälden eines der Bewohner reich zu werden, die dem Toten zugeschrieben werden. Erzähler ist ein geistig etwas einfacher gestrickter Protagonist, der allerdings mehrfach durchblicken lässt, dass er das zumindest teilweise nur spielen könnte. Am Ende gibt es einen doppelten Twist und das einzige, was an der Geschichte unglaubwürdiger sein könnte als das Hotel voller Aussteiger und Absteiger ist die Idee, dass irgendein Bonze so viel in Bewegung setzen könnte, um einen Selbstmord zu vertuschen.

Aber das ist auch nicht wirklich entscheiden. Das Hotel ist ja doch vielmehr Metapher für die Wege, auf denen man sich irgendwie das Leben schlägt, zwischen Leben und Tod stehend, so eine Art Fegefeuer in dem vielleicht noch Erlösung möglich scheint, deren Möglichkeit aber durchaus Teil der Folter sein könnte. Das Problem von „Million Dollar Hotel“ ist eher, dass der Film zuviel stringente Handlung hat. Nicht zu wenig. Das beißt sich mit der Wendersschen Weitschweifigkeit und der Konzentration auf die Bilder, die durchaus wieder größtenteils sehr gelungen sind. Der Film hat das gleiche Problem wie alle Wenders-Farbfilme: So sehr der Regisseur es versucht, er kriegt die Palette nicht ganz so für seine Zwecke unter Kontrolle, wie im Schwarzweißfilm. Auch die langen Passagen, die bei der „Liebe“ oder so etwas ähnlichem verharren und das damit verbundene kitschige Wenderssche Erlösungs ideal beißen sich mit dem ansonsten strenger am Hollywood-Drehbuchschema orientierten Plot. Das macht den Film teilweise so schwer erträglich und lässt ihn sich lang anfühlen Und mag vielleicht auch die Orientierungslosigkeit einiger Zuschauer erklären. Man ist hin und hergerissen zwischen zwei Prinzipien der Ästhetik, die nicht wirklich zusammen finden. Aber wer behauptet, es fehle an einem kohärenten Plot, hat einfach nicht richtig aufgepasst. Es fehlt an einer Entscheidung, was für ein Film „Million Dollar Hotel“ sein soll.

Der Amerikanische Freund“

„Der Amerikanische Freund“ hat mich von allen Wenders-Filmen bisher am wenigsten überzeugt. Da ist wieder das alte Problem mit den Farbfilm, vielleicht mit Ausnahme von Paris Texas: Der Regisseur hat die Bildgestaltung nicht in gleicher Weise unter Kontrolle wie in seinen Schwarz-Weiß-Filmen. Und da ist das gleiche Problem, das „Million Dollar Hotel“ hat. Der Versuch, dem strengen Hollywood-Drehbuchformat zu folgen beißt sich mit der Ziellosigkeit in der wendersschen Erzähl-Ästhetik, die so viel besser zu seiner Schwarz-Weiß-Ästhetik passte würde, da dort die Bilder die Festigkeit liefern, die dem Plot abgeht.

Funktioniert in „Der Amerikanische Freund“ dafür wenigstens die Erzählung? Die Rezensionen sollten es vermuten lassen. “Wenders‘ Beschreibung subjektiver Realitätserfahrung gehört zu den besten Leistungen des deutschen Films der 70er Jahre“, heißt es etwas im Lexikon des internationalen Films.

Wirklich? Mich überzeugt da einfach absolut nichts. Eine Verbrecherorganisation sucht einen Auftragsmörder und kommt ausgerechnet auf einen darin vollkommen unerfahrenen Bilderrahmenmacher? Sorry, damit ist der Verbrecherring für mich schon einmal diskreditiert. Und der Rahmenmacher mit seiner tödlichen Krankheit sagt natürlich relativ bald: Klar, mache ich. Oder vertraut irgendeinem Arzt in Paris mehr als seinem eigenen Arzt, dass die Krankheit schlimmer geworden sei? Weil er ansonsten einen Tag warten müsste, bis er die neuen Blutwerte bekommt? Aber fährt stattdessen eben nach Paris, was doch allein schon von Hamburg aus einem knappen Tag dauern dürfte, woraufhin die Blutwerte sicherlich auch nicht sofort vorgelegen haben. Am ehesten überzeugt noch die Ehefrau, die lange nur vermutet, dass dunkle Geschäfte laufen und sich zum Schluss zwischen Liebe und Verzweiflung breitschlagen lässt, dabei zu helfen, dass alles glatt geht. Und der ganze Handlungsaufbau… Wir beginnen also mit einem alten, für tot erklärten, Künstler, der in Wahrheit in New York posthum weiter Bilder malt, die dann für viel Geld verkauft werden. Der Rahmenmacher in Hamburg stellt fest, dass sich das Blau der Bilder verändert hat. Ich würde doch erwarten, dass das noch irgendwie in den Rest der Geschichte spielt, dass die Verbrecher etwa den ganzen Mist eigentlich inszenieren, um den Mitwisser beiseite zu schaffen. Und dass in der gesamten Geschichte der Auftragsmorde eine zentrale Rolle spielt. Pustekuchen. Es wirkt fast, als hätten die beiden Stränge nichts miteinander zu tun. Und wenn man recherchiert, haben sie das auch nicht. Wenders fand die Sache mit dem Maler interessant und hat sie aus einem anderen Roman von Patricia Highsmith geklaut und ein bisschen an diese Verfilmung von… angepasst. Aber wirklich nur ein wenig angepasst, so dass beide ein paar Berührungspunkte haben. Die Handlungen greifen nicht ineinander und so eröffnet Wenders seinen Film mit einem Thema, das für den Verlauf der Haupthandlung praktisch keine Bedeutung hat, das aber dennoch eingeführt wird, als hätte es die allergrößte. Nein, tut mir leid. „Der amerikanische Freund“ ist zwar einer an einigen Stellen immer noch visuell überdurchschnittlicher Film, aber er geht in alle Richtungen aus dem Rahmen.

Fazit zur Wendersreihe: Es gibt, besonders SW, wenige Regisseure, die so konsequent in der Bildkomposition sind. Die meisten SW-Filme sind zwar narrativ etwas weitschweifig, behandeln aber ihre Themen sehr einfühlsam. Durchaus einen Blick wert. Die Farbfilme fallen etwas ab, doch zumindest „Paris, Texas“ und „Don’t come Knocking“ sind wenigstens einmaliges Ansehen wert. Auch „Million Dollar Hotel“ ist besser als sein Ruf.

Bild: eigenes.

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