Das schöne, derbe, wilde, repressive Land: „Mutter Erde“. Émile-Zola-Serie 15.

Es scheint, ab „Das Paradies der Damen“ hat Zola zu seiner vollen Form gefunden. Während die Romane davor noch eine Abfolge von Treffern und kleineren oder größeren Ausfällen waren, bin ich seitdem bisher auf keinen Text mehr gestoßen, der sich nicht mindestens auf der Seite der besseren Hälfte des Werkes ansiedeln lässt. Nicht jeder Roman ist so ein Jahrhundert-Text wie „Germinal“, aber jeder ist doch zumindest thematisch interessant und auch formal wenigstens sauber durchgeführt.

Das gilt auch wieder für „Mutter Erde“. Ein Dorf- bzw. Land Roman, der nicht in der Kleinstadt Plassans spielt, sondern im gänzlich bäuerlichen (ebenfalls fiktiven) Rognes and der Beauce. Als Protagonist der Geschichte wird gemeinhin Jean Marcquart genannt, der in meiner deutschen Übersetzung aus unerfindlichen Gründen Hans heißt. Er kommt als Wanderarbeiter in die Gegend und bleibt, verliebt sich in Francoise, eine von zwei Schwestern, die vorerst für ihn unerreichbar ist. Doch eigentlich ist „Mutter Erde“ vielmehr ein großes Ensemble-Stück. Ähnlich wichtig, vielleicht wichtiger für die zentralen Themen des Romans ist der Handlungsstrang um den alten Fouan, der seine Felder noch lebend unter den drei Kindern aufteilt, um Erbschaftssteuer zu sparen, was unter den Kindern zu allerlei Konflikten führt. Oder die um den Großbauern Hourdequin, der sein Wirtschaften auf modernere Techniken umstellt und weiter umstellen will, doch bis jetzt nicht das größte Glück damit hat.

Denn darum geht es eigentlich: Um Landleben im Umbruch. Die Französische Revolution hat die Bauern, denen es noch nicht zuvor gelungen war, Land zu kaufen, endlich zu Eigentümern gemacht. Allerdings oft zu solchen, die gerade bis gar nicht über die Runden kommen. Und dann zerstückelt die Erbteilung das Land noch weiter, was natürlich für Konflikte sorgt. Gleichzeitig sucht man, durch geschickte Heiraten und Ankäufe sein Land zu vergrößern, was ebenfalls für – genau – Konflikte sorgt. Einige warnen: Es befindet sich eine neue Großbauern-Klasse im Entstehen. Andere halten dagegen: Vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Wir produzieren ja kaum genug für uns. Zwischendurch blickt Jean mit einer Geschichte, die er erzählt, bis zu 400 Jahre zurück in die unterschiedlichen Lebensweisen des Bauernstandes und immer mal wieder bekommen wir solche Schlaglichter zu sehen, wenn über die Vorgeschichte der einzelnen Familien gesprochen wird.

Mit seinem Ensemble macht es „Mutter Erde“ Leserinnen und Leser nicht ganz leicht. Zola ist kein Autor der überlebensgroßen Figuren, die sich heftig in Hirn und Herz brennen. Er schafft keinen Rastignac, keinen Dimitri oder Aljoscha Karamasow, keinen Naphta oder Settembrini. Prinzipiell sicher nicht schlimm. Solche Figuren würden schwer in eine Welt passen, die als die relativ normaler Menschen, von Milieu und Ökonomie stark bestimmt, vorgestellt werden soll. Letztendlich zeigt sich Zola damit als früher Autor innerhalb einer Tendenz, die bis heute fortdauert und die Figuren immer stärker tatsächlich als Figuren in einem Spiel, als kleine Rädchen in einem großen System reflektiert. Allerdings: Im Fall von „Mutter Erde“ sind es eben so viele Figuren und ihre Geschichte so gleichberechtigt, dass es dann dauern kann, bis man sich, wenn die Handlung auf einen anderen Strang wechselt oder gar viele zugleich auftreten, orientiert hat: Aha, das ist die und die, sie hatte das und das Problem. Hat man diese Orientierung gefunden, stellt der Roman ein Dorf plastisch und glaubhaft über mehrere Jahre vor Augen. Natürlich mit schönen, poetischen, leicht romantisch angehauchten, Landschaftsszenen:

“Aber die Saat wuchs noch mehr heran, und aus den weichen Matten ward ein Meer, ein grenzenloses Meer von Halmen. Des Morgens dunstete an schönen Tagen ein rosiger Nebel darüber empor; eine Brise fuhr in langgezogenen, regelmäßigen Stößen heran und wallte die grüne Flut auf: ein schaukelndes Gewoge, das am entgegengesetzten Ende der Ebene wieder verrann. Ein schwankendes Flimmern entfärbte die Spitzen der Halme; mit goldigem Schmelz umspann es die Weizenfelder, blaute den Hafer, übergoß mit violettem Geschimmer die zitternden Sprossen des Roggens. Unaufhörlich rollten neue Wellen daher; wie das Meer in der Flut, trieb es gärend heran. Abends blinkten die von dem sinkenden Gestirn grell beleuchteten Häuser gleich weißen Segeln aus der Ferne herüber; wie Schiffsmasten ragten halb versteckte Kirchtürme über die grüne See. Die Luft ward frisch; feuchte Nebel dämmerten hernieder; ein murmelndes Rauschen zog über den Ozean der Saaten, und wie eine ferne Küste hob sich ganz hinten der verschwommene Umriß eines Waldes ab.”

Sowie mit ähnlich dichten Beschreibung des Dorflebens, hier etwa eines Markttages und später all der Kniffe, derer man sich bei einem Kuhhandel bedient:

„Sie mußten sich durch das Gewühl in der Mitte des Platzes drängen; dort hielt sich das Volk auf. Man sah ein wirres Durcheinander blauer Blusen; alle Abstufungen von Blau waren vertreten, von dem harten Blau der neuen Leinwand bis zum ausgeblaßten Blau hundertmal gewaschenen Stoffes. Dazwischen blinkten runde weiße Flecke: die Hauben der Weiber. Ein paar Damen gingen mit bunt schillernden Seidenschirmen herum. Man vernahm Lachen, hörte plötzliche Rufe, die in dem surrenden Gewoge verhallten: dann das Wiehern eines Pferdes, ein Blöken von dem Stand des Rindviehs her. Ein Esel hob mit einmal laut zu schreien an. »Hierher!« sagte Lise, den Kopf wendend. Die Pferde waren im Hintergrunde an die Stangen gebunden, ungeschirrt einen Strick um den Hals und einen zweiten um den Schwanz geschlungen. Die Kühe seitwärts standen fast frei; sie wurden nur mit der Hand gehalten von ihren Verkäufern, die sie hin und wieder den Standort wechseln ließen, um sie besser zu zeigen. Gruppen von Männern und Weibern blieben stehen und musterten die Tiere. Hier wurde nicht gelacht, die Leute sprachen kaum, ließen nur selten ein paar kurze Worte fallen.“

Doch die moderne Welt ist dabei nicht einfach abwesend. Sie spielt immer wieder in Gestalt der Politik auch in das Landleben hinein, so ist etwa der Bau einer direkten Straßenverbindung, der einfach nicht beschlossen werden will, regelmäßig Thema. Und ein Trunkenbold und Taugenichts im Dorf wird mit der Zeit als enttäuschter Veteran und Revolutionär der ersten Stunde kenntlich, den die bürgerlich-monarchistische Konsolidierung der 1789er Revolution gebrochen hat:

„»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Jawohl, aber nicht ohne eine neue Revolution. Man hat uns betrogen bei der Teilung, die Bürger haben alles genommen, aber, potz Blitz und Kanonen! man wird sie zwingen, es wieder herauszugeben … Ist ein Mensch nicht soviel wert wie der andere? Ist es zum Beispiel Gerechtigkeit, daß dieser Tropf in der Borderie alles hat und ich nichts? Ich verlange meine Rechte, verlange mein Teil, jedermann soll sein Teilhaben.«

(…)

„»Wart, wenn’s wieder losgeht, wollen wir uns sprechen … Jawohl, ich hab‘ ein Wort mit dir zu reden, verwünschte Memme! Du spielst den Helden heut, weil du mit dem Schulzen, mit seinem Schreiber, mit deinem Viersousabgeordneten bist! Nicht wahr? dem Herrn Abgeordneten machst du Katzenbuckel, bist vernagelt genug, dir einzubilden, er sei der Stärkere, er könne dir dein Getreide verkaufen helfen? Ich hab‘ nichts zu verkaufen, aber mit dir, mit dem Schulzen, seinem Schreiber, dem Abgeordneten, mit den Gendarmen –schau her, was ich mit euch allen mache! Morgen kommt an uns die Reihe, da werden wir die mächtigen sein; nicht ich allein, all‘ die armen Teufel, die genug haben, in Hunger und Elend zu verkommen, und dann die anderen, ihr nämlich, gewiß ihr, sobald ihr mal werdet müde sein, den Bürger zu füttern und euch selbst nicht einmal satt zu essen! … Dann gibt’s keine Grundbesitzer mehr, das Land gehört dem, der es nimmt. Hörst du, Junge, das Land, ich nehm’s mir und scheiße drauf.«“

Die Familie Karl derweil, die einst in der „Judengasse“ von Chartres gewohnt hat, stellt nostalgisch die Stadt an mehreren Stellen dem Dorf gegenüber.

An anderen stellen präsentiert sich „Mutter Erde“ derb, auch sexuell sehr freizügig. Auf dem Dorf wird gef*** wie es eben gerade passt. Das geht auch einher mit einer Atmosphäre, in der Vergewaltigung höchstens ein „Na, das war aber jetzt nicht ok“ nach sich zieht, und die Verdichtung des zweiten Hälfte des Romans auf einen Plott, in dem einer der Brüder aus der Erbteilung immer wieder versucht, sich Franziska zu unterwerfen, was von dessen Frau geduldet und schließlich sogar aus machttaktischen Gründen unterstützt wird, dürfte für manche LeserInnen schwere Kost sein. Zola folgt hier aber klar seinem Prinzip, auch das schlimmste darzustellen. Nie wirkt es, als heiße er solches Verhalten gut oder nutze es für billige Effekte.

„Mutter Erde“ ist wieder ein durch und durch lesenswerter Roman. Von größere Ausgewogenheit Unkonzentriertheit als die früheren, in Plassans spielenden Land-Romane, weniger romantisch, ohne die sprachliche Schönheit aufzugeben. Mittlerweile beeindruckt doch sehr, wie viele Werke, die man unter die stärksten Romane ihrer Zeit zählen muss, und das nicht nur für den französischen, sondern für den europäischen Raum, der Vielschreiber Zola geschaffen hat. Man bedenke: neben den 20 Romanen des Rougon Marcquart Zyklus stammen aus Zolas Feder ja noch mindestens weitere 7 großen Romane, 6 Theaterstücke und zahlreiche Novellen, die auch oft den Umfang kleinerer Romane erreichen.

Bild: wikiart, gemeinfrei

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