Die hässliche Fratze der „Liebe“ – Band 4 von „The Wheel of Time“ ist beinahe unerträglich.

Okay. Band 4 von „The Wheel of Time“ schafft mich. Ist Jordan auch mit „The Dragon Reborn“ noch einmal das beinahe Unmögliche gelungen – nach einem schon deutlich schwächeren zweiten Band, und den in der Rezension dazu skizzierten zahlreichen Gründen, warum die 14-Buch-Serie eigentlich nicht funktionieren kann, einen relativ starken dritten Band vorzulegen, erfüllt „The Shadow Rising“ wieder alle Befürchtungen.

Rumsitzen, nichts tun, Übers Nichtstun reden

Die ersten 150 Seiten bestehen einmal mehr aus drögestem Nichtstun. Die Figuren sind in Tear gestrandet, wo sich die Prophezeiung erfüllt hat, der Held das magische Schwert bekommen hat und zum dritten Mal den absoluten Böhöhööösen besiegt, der sich natürlich wieder als nicht der wahre absolute Böse herausstellte. Jetzt hockt man herum und fragt sich, was man als nächstes tun sollte. Die Leser fragen sich das auch. Vielleicht spazieren gehen? Vielleicht ein Bier trinken? Entschuldigung, das war ich. Den Figuren würde es aber vielleicht auch gut tun. Die Frauen sprechen ausgiebig darüber, dass es ihnen nicht gelingt aus den gefangenen schwarzen Magierinnen verwertbare Informationen zu pressen. Und die Männer spielen wieder ihr altes Spiel:

„Argh! Diese Aufgaben sind viel zu groß! Hilfe, als männlicher Magier werde ich verrückt werden! Hilfe, als männlicher Magier wird Rand uns alle umbringen, wenn er verrückt wird! Ich will weg! Ich will diese Aufgabe nicht. Aber ich kann nicht. Wir waren doch mal Freunde!? Aber kann man überhaupt mit dem Dragon Reborn befreundet sein?“

Ja. Gut. Irgendwie so halbwegs interessante Standard-Fantasy-Topoi. Durchaus Stoff für eine unterhaltsame Geschichte. Aber die wurden doch jetzt wirklich durchexerziert. Und durchexerziert. Und durchexerziert. Wie oft kann man von seinem Schicksal weglaufen und wieder hin? Und wieder weg? Und wieder hin? Ihr langweilt euch, weil ich mich jetzt für ein paar Zeilen wiederholt habe? „The Shadow Rising“ hat 1000 Seiten solcher Wiederholungen. Und Jordan hält es eben wirklich für notwendig, wenn die Figuren länger rumsitzen, nichts tun, und übers Nichtstun reden uns auch in aller Breite auszubuchstabieren, wie die Figuren rumsitzen, nichts tun, übers Nichtstun reden. Kämpft euch da erstmal durch.

Da waren sie wieder, meine drei Probleme…

Alle Probleme fallen Jordan jetzt wieder vor die Füße. Die Geschichte wurde zu schnell zu groß, sodass wir nun grob zum vierten Mal in etwa den gleichen Plot lesen werden. Es herrscht ein Weltkrieg, sodass Jordan das Beste an seiner Serie, die durch oft poetische Beschreibungen liebevoll gestaltete (wenn auch ehrlich gesagt je länger man darüber nachdenkt wenig glaubhafte) Welt zu enthüllen, kaum in Anschlag bringen kann. Neue Städte und Landschaften entdecken und Weltkrieg passen halt nicht gut zusammen. Und wir befinden uns in den obersten Gefilden der Herrschaft, Rand ist jetzt sogar defacto bereits der größte Herrscher aller Reiche, auch wenn er sich noch in einem Krieg wird durchsetzen müssen. Die ersten drei Bände hatten ihre nervigen Stellen, doch waren immerhin stets relativ unterhaltsam, sodass ich Lust hatte, weiterzulesen. Band 4 hat das Potenzial meine Rezensions-Serie von Zeitvertreib zu (natürlich unbezahlter) Arbeit werden zu lassen.

14 Bände, in denen immer wieder der gleiche Kram durchgespielt und eskaliert wird, um dann auf höherer Ebene noch einmal den gleichen Kram zu erzählen, dass es nicht einmal mehr gute Unterhaltungsliteratur. Wenn Jordan nicht bald etwas anderes einfällt, als „Hey, der dunkle Lord befreit sich aus seinem Gefängnis!“ – „Ok… wir wollen eigentlich nich, aber wir bekämpfen den dunklen Lord!“ – „Ätschi bätschi, das war noch gar nicht der richtige dunkle Lord“, dann fällt „The Wheel of Time“ ins Bodenlose. Es wäre jetzt wirklich Zeit einen Schritt zurück zu machen, Nebengeschichten zu erzählen und die letzte große Konfrontation von mehreren Seiten anzugehen. Das immer vorausgesetzt, man hält überhaupt weitere Bücher für nötig. Tatsächlich ist der erzählenswerte Teil der Geschichte in drei Büchern mehr als auserzählt, und man hätte selbst da noch solche Nebengeschichten unterbringen können. Ich meine – die gesamte Handlung der ersten 200 Seiten von „The Shadow Rising“ hätte sich zusammenfassen lassen in wenigen Sätzen: „bisher war es Egewene, Elaine und Nynaeve noch nicht gelungen, etwas brauchbares aus den schwarzen Aes Sedai herauszubekommen. Matt und Perrin fühlten sich von Rand entfremdet. Je wohler der sich in seiner Rolle als „Drache“ fühlte, desto erratischer begann er sich zu verhalten. Dabei sahen die beiden durchaus, dass auch Rand mit seiner Rolle rang. Kein Wunder, hatte der doch jede seine Aktionen stets auf Zeichen beginnender Verrücktheit abzuklopfen begonnen.“

So, jetzt ist das aus dem Weg, und wir können vielleicht anfangen, eine Geschichte zu erzählen.

Die „Liebe“

PS: Schrecklicher Bonus: Nachdem das bisher relativ gemütlich nebenbei abgehandelt wurde, erhebt in „The Shadow Rising“ die „Liebe“ ihr hässliches Haupt. Es hatte sich abgezeichnet, doch offenkundig erheben tatsächlich unsere drei (!) weiblichen Hauptfiguren alle einen gewissen Anspruch auf den männlichen Helden. Das macht die Romane nicht nur noch mehr als allein der rasche Aufstieg zum Drachen zu einer anstrengend pubertären Machtfantasie, es liest sich auch einfach unerträglich. Nicht nur in den jeweiligen Passagen, sondern auch gesamt, da Jordan seine Figuren viel zu stereotyp und charakterlos aufbaut, um sie dann zu glaubhaften Interaktionen bewegen zu können, die uns vermitteln können, warum sich Figuren ineinander verlieben. Aber kein Problem, er lässt dann Protagonistinnen einfach Dinge sagen wie:

“‘This was all supposed to be different.’ She sighed. ‘I thought I would meet a man, learn to know him over months or years, and slowly I would come to realize I loved him. That is the way I always thought it would be. I hardly know Rand. I’ve talked with him no more than half a dozen times in the space of a year. But I knew I loved him five minutes after I first set eyes on him.’”

Problem gelöst. Immer cool, Figuren die Schwächen meiner Erzählung wegerklären zu lassen.

Ebenfalls besonders schwer ins Gewicht fällt, dass die männlichen Hauptfiguren sich einfach nicht zu entwickeln scheinen. Es gibt mittlerweile eine sehr starke Handlung-Rollen-Diskrepanz. Perrin, Matt und Rand wirken immer noch wie die Teenager aus dem ersten Band, obwohl sie große Schlachten durchlebt haben und zu mächtigen Helden geworden sind. Tatsächlich sind Egewene, Elaine und Nynaeve dahingehend glaubhafter entworfen. Überhaupt interagieren die miteinander deutlich stärker und man hat er das Gefühl in diesem Dreieck tatsächlich zwischenmenschlichen Beziehungen beizuwohnen. Das hat den Nebeneffekt, dass man ihnen auch ihr Wachstum in die Rolle bereits relativ starker Magierinnen und engagierter Spioninnen/Detektivinnen eher glauben möchte als den anderen Drei in die Rolle großer Trickster und Krieger. Umso schwerer wird es allerdings, ihnen die tiefe „Liebe“ zu diesem Teenager-Drachenlord abzunehmen.

Später wird es immerhin etwas besser. Nach gut 200 Seiten bricht Rand auf, um sich an die Spitze der Aiel zu stellen, und dieser Teil der Geschichte bleibt schrecklich. Geschichtsunterricht in langen Rückblenden, kitschige Schwüre rund um das Thema Ehre und eine Wüstenvolk-Welt, die der Autor sich offenkundig selbst nicht recht vorstellen kann. Dazu ganz viele Traumpassagen, den ausführliche Träume als Geschichtsunterricht sind bekanntlich der beste Weg, uns etwas über die Vergangenheit der Welt zu enthüllen. Das geht auf keinen Fall subtiler, etwa in Interaktionen einfacher Menschen. Moment… ging das nicht noch auf den ersten 150 Seiten einer Serie namens „The Wheel of Time?“

Perrins Reise, um die alte Heimat zu retten, dagegen ist recht plastisch erzählt & enthält spannende Winnetoueske Anschleich- und Kampfpassagen sowie Widerstandsorganisation a la Robin Hood und nähert sich zumindest halbwegs dem Niveau des ersten Bandes an.

Bild: Pixabay.

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