Lauter Affairen und trotzdem langweilig. Zolas „Ein feines Haus“. Émile Zola-Reihe 10.

Okay, über „Ein feines Haus“ habe ich nicht viel zu sagen. Ein junger Mann (Octave Mouret) lebt in einem großen Haus und versucht jede einzelne Bewohnerin flachzulegen. Rundherum gibt es noch allerlei andere Affären, meist aus sehr materiellen Gründen geschlossene Ehen, allerlei Streit und insgesamt präsentiert der Roman eine Welt, in der die Männer nichts außer Sex oder ihre Ruhe wollen und die Frauen nichts als Geld. Okay, das ist platt, das ist tiefstes Klischee – aber wäre es doch wenigstens mit etwas mehr Witz gestaltet. Ich brauche keine Kunst, die mir nach dem Mund redet, ich brauche Kunst, die den Geist anspricht. Nichts davon hier. Bisher einer der langweiligsten Romane Zolas und auch im Vergleich mit Nana, der ja ein ähnliches Thema aufgreift, allerdings durch die Extreme von Gosse und Hochadel führt, während in diesem Fall das mittlere Bürgertum die Kulisse bietet, durchweg schlechter entwickelt. Ohne Spannungsmoment, ohne irgendetwas, auf dessen Auflösung von hingefiebert.

Damit ist die Rezension vorbei, doch noch viel Platz, um etwas allgemeiner zu werden. Ein wenig wirken die letzten Zola-Romane, als habe sich der Autor in einigen der frühen texte viel Mühe gegeben, die Atmosphäre von Stadt und Land zu zeichnen, und nun lässt er einfach nur noch Geschichten darin stattfinden nach dem Motto: Das ist passiert und dieser sagte jenes zu jener. Auch wenn ich so etwas noch nicht innerhalb einer großen Serie erlebt habe, ist das eine Schwachstelle zahlreicher Romane. In den ersten Kapiteln wird sich viel Mühe gegeben, bildhaft eine Welt auszumalen und dann geht es zack zack zack mit irgendwelcher Handlung, ohne dass die Autoren sich die Mühe geben, die Handlung weiterhin in diese Welt zu stellen. Das weit überschätzte Doktor Schiwago von Boris Pasternak ist ein ganz großer Verbrecher in diese Richtung. Jedes Kapitel beginnt mit einer kleinen Beschreibung und dann kleben die Dialoge aneinander wie in einem Theaterstück. Nur eben ohne Schauspiel. Als male jemand auf einem Gemälde nur das erste Viertel detailliert aus und auf den Rest der Leinwand schreibt er „Berge, Wald, ihr wisst ja wie das aussieht. Zwei Menschen die sich küssen.“ Kein Grund, das jetzt auch noch auszumalen. Und so weiter. In keiner anderen Kunst als der Literatur würde das akzeptiert werden (naja, zugegeben kennt die moderne Bildende Kunst mittlerweile Schlimmeres. Aber das wird vorbeigehen). All zu oft, scheints, wird die Literatur da kaum wirklich als Kunst genommen, sondern als ein Ort um alternative Fakten oder von mir aus sogenannte „Welten“ auszubreiten. Nur eben nicht wirklich auszubreiten, sondern wie etwa in einigen der letzten Zola-Romane einfach vorauszusetzen, was man einmal irgendwo beschrieben hat. All die atmosphärischen Details, egal wie sie letztlich aufbereitet sind, sollten aber mehr als nur Vorbereitung für Handlung sein. Sie sind etwa, was Akkorde für eine Melodie sind oder gar was die zweite und dritte Stimme der ersten.

Sie sind, wenn nicht die Farben in einem Bild, (denn es gibt vieles, was man Äquivalent zur Farbe setzen könnte: Sprachregister, Manierismen der Erzählstimme und so weiter), doch ein Gutteil dieser Farbe, und wenn man die plötzlich mitten im Gemälde weglässt, sollte man schon einen wirklich guten künstlerischen Grund dafür haben.

Den Grund weiß oder sehe ich in „Ein feines Haus“ nicht. Und wenn die folgenden Romane nicht zurückfinden zum erzählerischen Niveau von Werken wie „Der Bauch von Paris“ fürchte ich, dass diese Rezensions-Serie ihre positivsten Besprechungen hinter sich hat.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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