Endlich wieder Romane von Shani Mootoo – Transidentität in Trinidad – Mootos komplexestes Werk? „Moving forward sideways like a crab“.

Wenn „Polar Vortex“ der bisher einfachste Roman aus der Feder Shani Mootoos war, so dürfte das direkt danach erschienene „Moving forward sideways like a crab“ der Komplexeste zu sein. Die Geschichte klingt noch relativ geradlinig, wenn man sie geordnet zusammenfasst. Aber genau diese geordnete Zusammenfassung zu durchbrechen und die innerliche Komplexität der Beziehungen der Figuren zueinander und ihre Veränderungen herauszuarbeiten, ist das Ziel der Erzählung, die zugleich eine Reflektion über Identitäten wie auch eine über das Erzählen ist.

Jonathan lebt als Schriftsteller in Toronto. Die ersten acht Jahre seines Lebens ist er bei seiner leiblichen Mutter India und deren Lebensgefährtin Sid, kurz für Siddhani, aufgewachsen. Dann hat Sid, mit der Jonathan eine sehr enge und vor allem sehr viel spaßigere Beziehung verband als mit India, die Familie verlassen. Als Erwachsener sucht Jonathan immer wieder nach Sid und findet schließlich Sydney, einen älteren Mann, der wieder in seiner Heimat Trinidad lebt und sich schließlich als die/der Gesuchte herausstellt. Die beiden kommen sich näher und schließlich erzählt Sidney seine Geschichte, die eine unerhörte Beziehung einer „männlich“ wirkenden lesbischen Frau in Trinidad zu ihrer besten Freundin, einen ersten Ausbruch Richtung Kanada, die Entscheidung zur Transitionen, die Schwierigkeiten in Kanada heimisch zu werden und schließlich die Rückkehr nach Trinidad umfasst. Sydney stirbt nachdem Jonathan ihn einige Male besucht hat und zuletzt ist Jonathan mit der Verwaltung des Nachlasses beschäftigt und muss auch ein Verhältnis zur eigenen, irgendwie vor sich hin plätschernden Beziehung zu seiner Freundin in Toronto finden.

Mootoo macht es uns aber nicht so leicht, diese ganze Geschichte im Sinne eines auktorialen „was-passiert-als-nächstes“ herunter zu beten. Jonathans Desorientierung ist die unsere. Wir erfahren erste Bruchstücke aus Sydneys Leben innerhalb der Ich-Erzählung, in der Jonathan aus seiner Perspektive die Erzählungen Sydneys wiedergibt. Dann folgt einer lange Passage, relativ chronologisch erzählt, aus Sydneys Mund. Allerdings nicht ohne die Warnung des Schriftstellers Jonathan:

“Forgive me too, if I put in Sydney’s mouth here and there the most minimal of details, such as the color of the landscape and scents of the place I have come to know well, for although my intention is first and foremost to give voice to Sydney, the writer in me has begun to take flight again.”

Wir werden Sydneys langjährige platonische Freundin auf Trinidad sowohl aus seiner durch Jonathan gefilterten Erzählung, als auch aus Briefen kennenlernen, die wir als unmittelbare Äußerungen nehmen könnten, allerdings wissen wir auch, dass Briefe-Schreiber durch ihre Briefe oft versuchen, ein bestimmtes Selbstbild zu kultivieren. Es gibt noch einige Kniffe und Brüche samt natürlich der Unsicherheit, wann welche Pronomen zu benutzen sind. All das ist erzählt mit der von Mootoo bekannten Brillanz, in einem stets der Szenerie angemessenen, dennoch ausreichend leichten Stil, der sich nie in den Vordergrund drängt. Der Roman ist komplex, aber eben nicht kompliziert, man sollte ihn wie alle große Literatur erst einmal einfach als das nehmen, als das er da steht, ohne sich zu sehr in einer dauernden Reflexion auf die Unklarheiten zu verlieren. Es fügt sich, im ästhetischen Sinne, schon alles zusammen.

Im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen bleiben natürlich Brüche, die sich auch in der Form reflektieren müssen. Im Persönlichen sind das letztlich Fragen von Freundschaft bzw. Liebe und Beziehung und Moral. Jonathan steht vor dem Dilemma, diesen Sydney aufrichtig lieben zu lernen, und nur noch seinen langsamen Tod mit ansehen zu können. Aber ihm, bzw. ihr, also der früheren „Zweitmutter“, die er als Sid kennengelernt hat, hundertprozentig verzeihen, dass sie die Familie im Stich gelassen hat, kann er nicht, auch wenn die Gründe am Ende noch so nachvollziehbar sein mögen (ich nutze die Pronomen je nach Zeitebene genau so, wie sie auch im Roman genutzt werden). Gleichzeitig wird Jonathan in eine Verantwortung gedrängt, die ihm teils unangemessen scheint: Plötzlich behandelt ihn das Umfeld Sydneys wie dessen Sohn mit allen dem zufallenden Pflichten nach dem Tod des Vaters. Und dabei blamiert sich Jonathan schon an den einfachsten Gepflogenheiten der indischen Gesellschaft Trinidads – und wie auch nicht. Woher sollte er sich mit so etwas auskennt? Aber das reflektiert wiederum das Umfeld nicht.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Treibsand-Felder, auf die der Roman uns immer wieder führt. Um auch noch einen Eindruck davon zu geben, wie sprachlich schön diese Vieldeutigkeit immer wieder gestaltet sein kann, zum Schluss ein kleiner Ausschnitt:

„The sun had hit the water. Zain’s eyes were fiercely set on it. She seemed calm and, for the first time that evening, serious. A minute or so later, we turned our attention to the scene around us. With our backs to the horizon, the trees were now softly lit and in sharp focus. What a surprise, a gift it was, to realize that the hills on either side of the bay were splashed generously with chaconia, which had been obliterated earlier by the harsh light, sweeping arms of redness reaching outward as if to fan the bay. And the sky directly above was the most translucent and yet luminous shade of phthalo blue I’d ever seen. We stood staring up and Zain gripped my arm, pointed to the sky over the parking lot, and said, “How strange. So blue in this direction after sunset. And what a strange shade of blue. Almost green.” Even as I saw what she saw, and marveled, I was watching to make sure that her touching my arm had gone unnoticed by the strangers around us. I stepped forward, moving slightly out of her reach, and said, “It’s the color of the Barbados sea as seen from the air.” She asked, “Do you know what makes the sky blue?” I opened my eyes wide in a gesture of invitation, and she obliged, laughing, because she knew I was making fun of her, and as she wove in words the tale of oxygen and nitrogen and argon gas and dust particles and light waves and electromagnetic fields and color wavelengths and frequencies, I thought, You are the mother of two adult children, the wife of a businessman, you are a Trinidadian woman, you are an Indian woman, a Muslim woman, you live here in this country, but who are you, really? Zain said, “You’re not listening to a thing I am telling you, are you?” “I heard every word,” I lied. “Now, tell me what makes thunder.” Her eyes suddenly brimmed with tears. She tried to smile, but it was as if her face had broken. I wanted to put my hand on her cheek, but I dared not. I wanted to take her hand and pull her to me, but that would have been foolish. Any other two women on this beach could have interacted so, and others would have seen one woman comforting another. But I didn’t look like other women. I indicated with my head that Zain should follow me and I walked as casually as I could, toward the stairs, back to where the car was parked.“

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