Shani Mootoo schreibt wieder Romane – „Polar Vortex“ ist ein reduziertes Kammerspiel.

Wer schon länger im Blog liest, weiß, dass ich mich bemühe, wenn möglich auf die trinidadische Schriftstellerin Shani Mootoo aufmerksam zu machen, die einige der gelungeneren Romane der internationalen Moderne verfasst hat. Dabei zeigt sich Mootoo besonders als Autorin mit sehr hoher Niveau-Untergrenze, sprich: Bisher konnte man sich darauf verlassen, dass alle Texte, die man von ihr in die Hand bekommt, mindestens weit überdurchschnittlich sind. Totalausfälle, wie sie die meisten Autoren von Welt irgendwann einmal vorlegen, waren bisher nicht dabei. Da Mootoo sich zuletzt lang auf anderes zu konzentrieren schien, unter anderen Film, ging total an mir vorbei, das von ihr zuletzt wieder zwei neue Romane erschienen sind. Und zumindest im Fall von „Polar Vortex“ kann man festhalten: Das Niveau bleibt bestehen. Auch dieses ist wieder ein sehr lesenswertes Buch.

Vielleicht ist es bisher Mootoos „kleinster“ Roman. Klein in dem Sinn, dass die großen Themen, die sie immer wieder anspricht, politische Verhältnisse auf den karibischen Inseln, das hin und hergerissen Sein zwischen Integration und sich fremd Fühlen, besonders von Immigranten aus der Karibik in Kanada, sowie das Leben von LGTB, besonders aber Frauen, die Frauen lieben, wiederum in beiden Regionen, am stärksten reduziert auf privates Erleben behandelt werden. Denn „Polar Vortex“ ist gewissermaßen ein Kammerspiel. Nur zwei Figuren sind wirklich zentral, zwei weitere zeitweise als supporting Cast anwesend. Alex, gebürtige Kanadierin und Priya, aus Trinidad mit indischen Wurzeln, leben zusammen, haben geheiratet. Die beiden sind zuletzt von der Stadt aufs Land gezogen, isolieren sich relativ stark. Aber jetzt hat sich Priyas ältester Freund, Prakash, angekündigt und Alex ist deswegen einfach unausstehlich. Der Text beginnt mit einer kurzen dichten poetischen Traumpassage, in der durchweg assoziativ und in Kleinschreibung Priya am Rande eines sexuellen Aktes mit dem alten Jugendfreund steht. Dann springen wir in ihre Alltagsperspektive und erleben im ersten Teil ihre Versuche, wach zu werden und die ständigen Kämpfe mit Alex‘ Misstrauen wegen des anstehenden Besuches. Rückblenden erhellen die Verhältnisse ein wenig. Wir erfahren, dass zwischen Priya und Prakash niemals etwas lief, obwohl der wollte und wahrscheinlich bis heute will. Die beiden sind dennoch die engsten Freunde geblieben, auch wenn sie sich immer wieder aus den Augen verlieren. Prakash lebt in einer arrangierten Ehe. Im zweiten Teil bleiben wir in Prias Perspektive, doch ist eine Freundin zu Gast, die vom zentralen Konflikt ablenkt. Der dritte Teil wird aus der Perspektive von Alex erzählt, Prakash ist endlich angekommen und einiges, was wir im ersten Teil geklärt glaubten, wird fragwürdig…

Polar Vortex ist ein gut erzählter Beziehungs- oder Familienroman, der sicherlich viel Raum für psychologische Analysen dessen liefert, was man im Bereich von Freundschaft und Liebe alles kaputt machen kann, weil man einfach nicht ausreichend miteinander redet. Mootoo versteht ihr Handwerk, das weiß man. Die kurzen Kapitel sind sehr temporeich erzählt und die Frage, was zur Hölle eigentlich sonst noch im Argen liegt, dass sich Alex so unglaublich misstrauisch aufführen muss, hält auch inhaltlich bei der Stange. Trotzdem fehlen mir die poetischen Passagen ein wenig, die besonders „Cereus blooms at night“ und Teile von „He drown she in the sea“ ausmachten. Dieser Roman ist mehr – wie sagt man neudeutsch – content-driven. Und ich denke er hat auch ein paar formale Unwuchten. Besonders die Zeit bis zu Prakash Ankunft zieht sich eigentlich zu sehr. Die ersten 30 bis 40 Seiten mag das Herauszögern funktionieren, doch irgendwann stört es und wirkt gezwungen im Vergleich zu dem, was der erste Teil wirklich an Neuem bereithält.

Und ich weiß nicht, ob das Mootoos Ziel war, aber Alex wirkt auf mich definitiv wie der „böse“ Partner. Einige Elemente dieser Beziehung haben etwas eindeutig manipulatives. Ja, Priya will das alles, sozusagen. Sie willigt ein, aus der Stadt wegzuziehen, hat vielleicht sogar die Idee. Sie ändert ihre Telefonnummer, verabschiedet sich aus dem sozialen Medien und so weiter und so fort. Und Alex? Nicht. Sie hält alle ihre Kontakte weiter, während die Ehefrau praktisch von ihrer gesamten Vergangenheit isoliert wird. Alex ist auch ständig passiv-aggressiv und ihr dauerndes Priya ein schlechtes Gewissen Machen dafür, dass der beste Freund ihrer isolierten Geliebten, die ihr ganzes Leben auf Frauen gestanden hat und relativ überzeugend versichert, sich aus Männern nichts zu machen, zu Besuch kommt, ist einfach over-the-top. Klar, da ist Priyas erotischer Traum, doch genau von diesem entscheidenden Baustein weiß Alex ja nichts. Und es ist ein Traum, verdammt noch mal. Träume können vieles bedeuten, sie sind nicht zwingend Ausdruck geheimer Wünsche, zumindest nicht in einer eins zu eins Übersetzung. Nun ja, wir bekommen dann wie gesagt irgendwann Alex‘ Perspektive, doch das verändert das Urteil nicht mehr wirklich, Alex Verhalten bleibt hoch manipulativ, auch wenn jetzt deutlich wird, dass die Probleme in der Beziehung tiefer gehen, als Priya denken mag…

Wer aufgepasst hat, merkt: Der letzte Absatz ist keine Kritik am Buch, sondern beschreibt den zentralen Leseeindruck, der sich aufdrängt bzw. teasert die psychologische Interpretationsarbeit an, mit der man im Fall von „Polar Vortex“ viel Zeit verbringen könnte. Diese netten Menschen und ihre Beziehungen sind fucked up, und mit den letzten Kapiteln gelingt es Mootoo meisterhaft, immer stärker in Frage zu stellen, was man wem überhaupt glauben kann und obwohl es zum Schluss noch ein paar recht unerwartete Twists gibt, findet sie auch zum einzig richtigen Ende.

„Polar Vortex“ wirkt wie gesagt reduzierter, persönlicher, als frühere Romane Mootoos, es enthält dennoch den gleichen breit gefächerten Themenkomplex, der für ihr Werk schon immer wichtig war und erweitert zudem den Blick auf das Schicksal indischer Minderheiten in Uganda. Es bleibt dabei: Man kann sich darauf verlassen, dass Mootoo stets weit überdurchschnittliche Werke produziert, die mit viel Substanz und ohne Effekthascherei überzeugen.

Bild: Pixabay

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