Nana – Gelegenheit, über die Ideologische Konzeption des Rougon Marcquart Zyklus zu sprechen.* Émile Zola-Reihe 9.

*die der Zyklus aber immer wieder unterlaufen wird.

Mit „Nana“ bin ich glaube ich bei Zolas bisher berühmtestem Roman angekommen. Berühmt, das scheint bei diesem Autor immer zu bedeuten: Mit sexueller Thematik, hat für einen Skandal gesorgt. Wobei man hier, wenn ich Wikipedia glauben darf, Zola vor allem vorwarf, er habe das Milieu, aus dem er schrieb, nicht gut genug gekannt, während jener behauptet, ausgiebige Recherchen betrieben zu haben, wozu in jeder sein eigenes Kopfkino starten darf.

„Nana“ ist die Geschichte einer Aufsteigerin aus dem Lumpenbourgeoisen Milieu, die es trotz schlechter Stimme zur Star im Musiktheater bringt, wobei sie ganz besonders damit Aufsehen erregt, dass sie in der Rolle der Venus vollständig nackt auftritt. Der Chef des Theaters, in dem sie spielt, besteht in Gesprächen immer wieder darauf, sein Theater als Bordell bezeichnen zu lassen und tatsächlich scheint das die Haupteinkunft der erfolgreicheren Schauspielerinnen: Sich als Mätressen Adliger Herren zu verdingen. Nana hat ein Kind zu versorgen, weshalb sie vieles erduldet, andererseits aber auch einen starken Willen zur Macht oder bewundert zu werden, und im Verlauf des Romans gelingt es ihr nicht nur, sich vom Bankie Steiner ein ganzes Haus einrichten zu lassen (das hätte sie beinahe schon am Anfang haben können), sondern diesen Mann auch so weit zu bringen, dass er es ignoriert, wenn sie Nebenbuhler empfängt und er auch die gleichgeschlechtliche Liebschaft zu Nanas Freundin Satin akzeptiert. Natürlich muss es zum Schluss doch zu einer großen Katastrophe kommen…

Der Roman beginnt recht schwach mit einer dieser Massenszenen im Theater, die sich zwar besser liest als Zolas politische Massenszenen, aber sich doch sehr deutlich zieht. Kein Vergleich etwa zu Hugos furiosen Beginn von „Der Glöckner von Notre Dame“. Dann aber nimmt das Ganze Tempo auf, die Verwicklungen zwischen Halbwelt und Gesellschaft der oberen Zehntausend sind spannend geschildert und besonders Nana und ihre Freundinnen erscheinen als durchaus vielschichtige Figuren. Der tragische Schluss scheint fast ein wenig erzwungen im Angesicht der Vorgeschichte. Aber „Happy Ends“ für „Gefallene“ waren in der bürgerlichen Literatur lang tabu…

„Nana“ ist kein Roman auf der Höhe der größten Romane Zolas, dafür bietet er Raum, endlich einmal über die ideologische Konzeption des Rougon Marcquart Zyklus zu sprechen. Denn der soll ja wohl, wie der Auto mehrfach erklärt hat, die starken Einflüsse von Milieu und Vererbung von Eigenschaften „untersuchen“, und ich weiß wirklich nicht, ob das gelingt. Zola scheint einerseits der Vererbung sehr viel Bedeutung einzuräumen, sagen wir fast 100%. Und andererseits dem Milieu-ebenso viel! Zweimal 100% ist ein bisschen zu viel Prozente… Man sieht, das muss ich irgendwie in die Quere kommen und ich habe nicht das Gefühl, dass es Zola innerhalb seiner Romane gelingt, seine Idee einer starken Determiniertheit menschlicher Entwicklung überzeugend zu vermitteln. Wie auch, wo er gleichzeitig das Gegenteil vertritt und seine Romane als Apelle versteht, die Gesellschaft zu verändern und das „Determinierte“ in neue Richtungen zu lenken. Den Romanen als Romane kommt das allerdings sehr zugute. Nana ist die Tochter von Gervais und Coupeau aus dem Roman „Der Totschläger“. Damals haben wir sie gerade in die Halbwelt verschwinden sehen. Wir erinnern uns: beide Eltern waren Alkoholiker und nicht wirklich fähig, langfristig etwas aufzubauen. Milieu und Vererbung, könnte man sagen binden sie an die Unterschicht. Und Nana? Verfolgt dagegen stattdessen trotz weniger echte Talente einen langfristigen Plan und ist damit ziemlich erfolgreich. Im Roman wird eigentlich nie erwähnt, dass sie trinke oder übermäßig trinke. Ihr angestammtes „Milieu“ hat sie lange hinter sich gelassen. Zu behaupten, in ihr stecke viel von den Eltern oder von ihrer Herkunftsschicht, kann man sich eigentlich nur herablassen, wenn man jeder Art von Prostitution oder sich aushalten lassen prinzipiell auf einer der niedrigsten Stufen des gesellschaftlichen Lebens ansiedelt (das Leben in Stufen zu gliedern müsste man natürlich zusätzlich. Ich beziehe mich hier auf Zolas Weltbild bzw. das seiner Zeitgenossen, nicht auf meines). Ansonsten ist Nana eher die Geschichte einer recht erfolgreichen Aufsteigerin, die sich dafür teils fragwürdiger Mittel bedient, die aber in hinsichtlich ihrer Biografie all zu verständlich erscheinen. Auch, als sie Paris verlässt, fällt sie erstmal nicht auf die Nase, sondern findet gerüchteweise in Russland eine noch bessere Position. Ihre Rückkehr und ihren Fall lösen dann ganz mondän die Blattern aus. Das kann passieren, hat aber weder mit Milieu noch mit Vererbung zu tun.

Des Weiteren gibt „Nana“ Anlass, einen Finger auf die größte Schwäche des Rougon Marcquart Zyklus zu legen. Das Weitergeben der Figuren von Buch zu Buch – es funktioniert nicht so wirklich. Mal sind die zeitlichen Abstände zu groß, mal die Figuren zu blass. Ernsthaft, liebe Leserinnen und Leser, hättet ihr in Nana die Tochter aus „Der Totschläger“ erkannt, hätte sie sich etwa einen anderen Namen gegeben? Anhand von Charaktereigenschaften oder gewissen Verhaltensweisen? Ich nicht. Zolas Romane sind im Schnitt deutlich besser als die Balzacs und auch die besten Zolas übertreffen wiederum die besten Balszacs. Da lege ich mich gerne fest. Aber wo Balzacs Figuren von Roman zu Roman vererbt, fühlt man sich bei ihnen gleich wieder zu Hause. Julien ist Julien in verschiedenen Lebensphasen, Rastignac ist immer Rastignac – übermenschlich groß, verschlagen und stets kenntlich. Das funktioniert bei Zola nur so lala. Und das nimmt dem Zyklus dann doch leider eine seiner größten potentiellen Stärken.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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