Ein Bildband zur Geschichte des Chanson. “Chanson” von Olaf Salié.

“Chanson” von Olaf Salié ist ein dickes und schweres Buch. Auf den ersten Blick: ausgesprochen hübsch. Es ist nicht ganz leicht, einen Referenzrahmen für solche Bildbände zu finden, da sie so unterschiedliche Ziele haben. Manche wollen vor allem Zeitgeschichte optisch vermitteln. Andere Kunst. Andere legen aus, was die großformatigen Bilder abbilden. Dieser hier zeigt einerseits schöne dokumentarische und künstlerische Fotografien aus 100 Jahre Geschichte des französischen Chansons, und möchte auf diese Weise wohl vor allem ein schönes Buch zum blättern sein. Auf der anderen Seite soll aber auch in Leben und Wirken bedeutender Künstlerinnen und Künstler und die Geschichte des Chansons im Ganzen eingeführt werden. Das eine gelingt auf den ersten Blick, das andere mit einigen Abstrichen.

Besonders der Auftakt überzeugt mich nicht wirklich. Wenn Salié über französische Kultur und Mentalität berichtet, um zu zeigen dass Chanson ein zentraler Bestandteil davon ist, wird es sehr klischeehaft. Franzosen pflegen ein lockeres Verhältnis zu Liebe und zum Körper, sie lieben Wein und Käse, sie sind sehr stolz auf ihre Nation und so weiter und so fort. Sicher können Klischees etwas Wahres haben und sicher ist der Autor Franzose. Klischees bleiben es trotzdem. Auch werden einige Generalisierung vorgenommen, die das Thema des Buches eher unterlaufen. Da beginnt der Chanson eigentlich schon bei provenzalischen Troubadouren und Francois Villon wird kurzerhand eingemeindet. Ähnlich könnte man Walther von der Vogelweite und Helene Fischer gemeinsam als deutsche Schlagersänger präsentieren. Doch wenn man dem Begriff die historische Trennschärfe nimmt, nimmt man ihm auch die internationale. Zeitweise scheint ist, als sei jedes Lied in französischer Sprache „Chanson“, jedes in anderer nicht und dann müsste man über Chanson wirklich nicht mehr gesondert schreiben.

Das Niveau hebt sich, wo der Autor konkreter werden kann und muss. Die historischen Abrisse über das Fin de Siècle, die Pariser Bohème, die entstehende politisch engagierte Arbeiterlied-Szene in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und die großen Spektakel von Moulin Rouge und Lido zwischen den Kriegen ist deutlich detaillierter beschrieben, mit Fokus auf Künstlerinnen und Künstler, unter deren Wirken man sich etwas vorstellen kann und jetzt ist das Thema schon so halbwegs abgegrenzt.

In der Folge widmen sich dann längere Kapitel den einzelnen Größen des Chanson, unter anderem Edith Piaf, Yves Montand, Georg Brassens, Jacques Brel, Juliette Greco, Barbara. Diese Teile sind im Großen und Ganzen sehr gelungen, wenn sie auch deutlich stärker ins Persönliche und die gesellschaftliche Bedeutung der Personen einsteigen, als ins musikalische. Die Texte sind mit Humor und einem gewissen Sinn für Tragik verfasst, und bieten damit deutlich mehr als einfach nur Informationen. Manchmal hätte ich mir zu der ein oder anderen Figur deutlich mehr gewünscht, während andere für mich weniger Raum verdient hätten. Aber das sind letztlich persönliche Vorlieben.

Ein wenig schade ist, dass in einem 2020 erschienenen Buch die derzeit unglaublich lebendige junge französische Chansons-Szene praktisch keinen Raum bekommt. Einzig Louane wird erwähnt, deren Songs doch im Großen und Ganzen sehr poppig wirken und über deren textliche Tiefe man mE streiten kann („Le chanson, c’est surtout le texte“, das ist die einzige etwas präzisere Definition, auf die sich das Buch letztendlich festlegt. Textfokussierte Lieder, die normalerweise auch mit einem einzelnen Instrument vorgetragen werden könnten) Und gerade in diesem Bereich hat Frankreich derzeit wieder so viel zu bieten. Musik, die offenkundig an die lange Tradition anschließt und dabei dennoch sehr modern wirkt. Allem voran natürlich Pomme, die spätestens seit ihrem auch in Deutschland ausgestrahlten Konzert auf Arte zu der Stimme der neueren Liedkunst wird und gleichzeitig auch zur Stimme einer politisch engagieren Jugend.

„Chanson“ ist wie gesagt ein optisch sehr schönes Buch, die Fotografien besonders aus der Frühzeit des Chansons sind teilweise atemberaubend. Die Texte zu den Einzelkünstlern sind gut geschrieben und informativ, und dennoch frage ich mich, wer letztendlich die Zielgruppe sein kann. Wer sich einfach nur informieren will kann das in der Wikipedia umfassende und kritischer und Fans werden nicht viel Neues lernen. Aber wahrscheinlich richtet es sich, auch ob des Preises von 50 €, eher an Liebhaber, die sich zwar schon auskennen aber etwas über ihre Lieblinge lesen wollen und das in einem optisch besonders ansprechenden Umfeld. Die werden sicher fündig werden. Und da man oft ja oft nur Fan einzelner Künstlerinnen und Künstler ist, bleibt vielleicht auch einiges Neues entdecken. Denn das ist sicher der große Vorteil eines solchen Buches: Man muss sich Informationen nicht mühsam zusammensuchen sondern wird von einem ins Nächste gestoßen und kann dann noch immer googeln, wenn man mehr wissen möchte. Früher hätte ich gesagt: Eigentlich muss man einem Buch zu diesem Preis zwingend eine CD mit Beispielstücken der Künstlerinnen und Künstler beigeben. Auch heute wäre das noch schön, aber zum Glück gibt es Youtube. Denn bloß über Musik zu lesen und nicht zu wissen, wie sich das dann eigentlich anhört – das ist doch witzlos.

Bild: wiki, gemeinfrei.

6 Gedanken zu “Ein Bildband zur Geschichte des Chanson. “Chanson” von Olaf Salié.

  1. versspielerin sagt:

    oh, spannend, sowohl das buch als auch deine rezension – dass das moderne/ aktuelle chanson so wenig raum findet, ist allerdings wirklich bemerkenswert. wird bspw. zaz – die ich viel eher noch als louane im chanson-bereich sehe – denn gar nicht erwähnt? lg

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    1. soerenheim sagt:

      ZAZ kommt vor, sogar mit eigenem Artikel aber ist ja jetzt auch nich sooo neu. Sie ist älter als ich & ich bin alt…

      Ich dachte eher an die Generation Pomme, Angèle (wird zumindest zum Schluss kurz genannt) usw. All die Anfang/Mitt-20er, die derzeit in Frankreich eigene Songs mit kleiner Instrumentation machen.

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    1. soerenheim sagt:

      Naja, 41, auf der Bühne seit den mittleren Nullern. Da haben die Back Street Boys grad ihr letztes gemeinsames Album gemacht. Das würde ich nicht mehr als neuesten Chanson bezeichnen. Und das hätte das Buch mE besser leisten können: Schauen, was in den letzten 2 bis 3 bis 5 Jahren los war.

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  2. versspielerin sagt:

    alles gut 🙂 … also, ich würde aber die letzten zehn Jahre schon durchaus auch noch als aktuell bezeichnen. außerdem ist zb ZAZ ja auch noch aktiv, gerade mit einem neuen album. aber egal, ich weiß jetzt, worauf du hinaus wolltest, auf das ganz junge, blutjunge chanson, sozusagen.

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