„Holzfällen“. Thomas Bernhard ist das Gegenteil eines wütenden Meinungs-Schriftstellers.

Thomas Bernhard wurde mir zum ersten Mal von einer sehr belesenen Freundin empfohlen. Wir waren damals beide schon aus der Phase des identifikatorischen Lesens herausgewachsen. Des Lesens also, das in Literatur vor allem nach der Bestätigung sucht, dass sehr kluge Menschen das Gleiche denken wie man selbst. Nach einer Haltung, die erklärt, wer dumm und wer klug ist. Nach der richtigen politischen Positionierung. Das ist kein falsches lesen. So nähern sich fast alle jungen Menschen der Welt der Literatur. Und gerade, wenn man nicht ewig nur leichte Unterhaltung als Zeitvertreib nahelegen will, hilft das ungemein: Schau mal, der Goethe fand schon genau das schlimm, was du auch schlimm findest. Hier, die Lasker Schüler hat sich auch schon so verloren gefühlt. Und so weiter. Irgendwann bewegt man sich darüber hinaus, schon allein weil es anfangen sollte zu langweilen, immer das Gleiche zu lesen.

Oder auch nicht. Denn das identifikatorische Lesen der Teens und frühen Twens scheint heute die dominante Lesehaltung durch alle Altersklassen.

Die Empfehlung für Bernhard hatte mich damals zuerst gewundert. Ich las „Holzfällen“. Und war dieses Granteln, diese Wutausbrüche eines älteren Mannes während einer Party auf dem Ohrensessel, nicht genau jenes wütende selbstgerechte alles Verdammen, das uns eigentlich nicht mehr sonderlich reizte? Die gesamte Kunstwelt dumm, halb Österreich latent faschistisch, und sowieso weiß keiner etwas besser als der Ich-Erzähler? Ist das nicht geradezu Haltungsliteratur mit Nachbrenner?

Bernhard über die Komposition verstehen lernen

Es hat gedauert, bis ich mich vom Gegenteil überzeugen konnte. Ich bin nicht mehr sicher, ob es eine zweite Lektüre brauchte oder ob sogar erst das Hörbuch die Offenbarung brachte. Denn Bernhard ist definitiv ein Hör-Autor. Einer der Autoren, die man immer in Anschlag bringen sollte, wenn diskutiert wird, ob das Hören eine gleichwertige Form des Rezipierens von Romanen sei, wie das lesen. Denn das ist es. Beim Hören entgehen sicher Dinge, die Lesenden auffallen. Doch beim Lesen entgehen Dinge, die Hörenden auffallen. Beweis: Bernhard, den viele Lesende stets nur als diesen wütenden Grantler nehmen.

Doch Bernhard ist ein hochmusikalischer Autor. Sänger als Jugendlicher, später unter anderem am Mozarteum in Musiktheorie geschult und immer darauf bedacht, dieses musikalische Verständnis auch in die Komposition seiner Romane einfließen zu lassen. Da ist einmal die einfache Musikalität der Sätze. Weit ausgreifend, oft elliptisch. Melodisch und rhythmisch. Das heißt nicht: Süßlich. Bernhards Musikalität ist eine sehr moderne – dass in „Holzfällen“ der Auersberger regelmäßig als Webern-Nachfolger geführt wird, und zwar als schlechter, hat seinen Grund. Auch Bernhard steht gewissermaßen in der Nachfolge der zweiten Wiener Schule. Nur eben: nicht epigonal. Sondern im gleichen Geiste einer formal geschlossenen, selbst neue Form begründenden, Disruption nur noch durch Tradition legitimierter Formen.

Die Musikalität geht weiter, indem größere kompositorische Bögen wie Schleifen immer wieder vom Ohrensessel in die nähere und fernere Vergangenheit geschlagen werden, wobei Motive, sich gleich oder ähnlich wiederholende Satzfragmente, variiert und durchgeführt werden. Dabei werden gewissermaßen vier Geschichten parallel erzählt:

Die, wie der Erzähler sich dazu hat breitschlagen lassen, auf diese Party zu kommen. Die vom Leben und Tod der Joana, zu deren Ehren die Party gegeben wird. Und die der weiteren Vergangenheit bis in die Jugend des Erzählers und seiner „künstlerischen“ Freunde, die sich nun hier zusammenfinden. Und zuletzt die der Party selbst und der Abgestoßenheit des Erzählers von dieser, die erst durch den seltsam rustikalen Ausbruch des Wildente-Schauspielers: „Wald, Hochwald, Holzfällen!“, durchbrochen wird.

Und wenn man das erst einmal durchblickt hat, merkt man auch, wie das einheitliche Bild des besserwissenden Wütenden zerfällt. Nur oberflächlich lädt Bernhard für gewöhnlich zur Identifikation mit seinen Figuren ein. Dabei ist Holzfällen sicher noch der am wenigsten gebrochene der großen Romane, denn hier kämpft eine Figur vor allem mit Brüchen der eigenen Innenperspektive. Andere Texte, etwa „Wittgensteins Neffe“ oder „Alte Meister“, filtern die Erzählung einer Figur durch die Erzählung einer anderen Figur und manchmal sogar durch diese beiden Figuren eine dritte. Als eine Schlüsselszene für Holzfällen scheint mir schon früh ein scheinbar marginaler Moment, in dem der Erzähler während des Begräbnisses von Joana vom Hüsteln des Lebensgefährten der Joana erschreckt wird. Dieser Mann könnte ja lungenkrank sein! Plötzlich hat der erzähler Angst sich anzustecken. Aber nur, bis er sich erinnert, dass er ja selbst lungenkrank ist, wahrscheinlich viel schlimmer krank, und seinerseits zu husten beginnt. Nun hört der andere auf zu husten und dem Erzähler scheint es, dieser nehme nun Abstand, da er seinerseits Angst bekommen habe, sich anzustecken. Dieses Verhältnis lässt sich auf fast alle Verhältnisse im Text übertragen. Sollen wir das wirklich ernst nehmen, dass die anderen „künstlerischen“ Menschen auf der Party sich heillos selbst überschätzende Looser sind? Oder ist nicht vielmehr der Erzähler das arme Würstchen? Der, der als einziger aus seinem 50er Jahre Bohème-Zirkel wohl nicht einmal ein halbwegs erfolgreicher Wiener Künstler geworden ist und den anderen nun vorwirft, zu viel von sich selbst zu halten und nicht wenigstens weltweit anerkannte Meister ihres Fachs geworden zu sein, sondern nur Österreicher oder im schlechtesten Fall in Wien geachtete Künstler? Die Jeanine Billroth etwa, auf die er so herab schaut: Die war, wie wir dann im letzten Romandrittel erfahren, immerhin sozusagen seine künstlerische Ziehmutter und Geliebte. Und da scheinen durchaus sehr warme Gefühle von Seiten des Erzählers vorhanden gewesen zu sein und weiter vorhanden zu sein, die sich unter diesem Lächerlich Machen, diesem Hass, verbergen und ihn möglicherweise noch befeuern. Ja, der Hass wirkt geradezu ödipal. Und waren es nicht diese erbärmlichen künstlerischen Menschen, diese selbstgerechten Wiener Zirkel, die den Kontakt zur Joana gehalten haben und versucht haben, sie zu unterstützen, und eben nicht der ja auch unglaublich selbstgerechte Erzähler im Ohrensessel? Auch jene Episode rund um das Auflachen der jungen Schriftsteller und die Erinnerung an die eigene Schriftsteller-Jugend unterstreicht das, zumal der alte Erzähler eigentlich in ganz ähnlicher, nur subjektiv überlegener Situation am Rande der Party steht wie nun die jungen. Und zuletzt formuliert der Erzähler dann ja auch genau die Selbsterkenntnis – grad so wiederwärtig wie die anderen zu sein. Auch sein Selbstbild – er scheint sich in allen Künsten für den Besten zu halten, ohne dass klar würde, ob er je etwas geschaffen hat – und das typisch bernhardsche unterschwellige Anrufen höherer Mächte („naturgemäß“, „wie gesagt wird“) um das eigene Urteil abzusichern, verraten eigentlich große Unsicherheit.
Das soll nun wiederum nicht heißen, dass man nicht vieles an der Kritik, vieles an den Wutausbrüchen des Erzählers teilen kann. Es ist vielmehr diese Spannung, es sind diese Widersprüchlichkeiten und deren wie gesagt musikalische Durchführung, die den Roman auch abseits der Identifikation mit der Erzähler-Haltung lesenswerte machen.

Bernhard hören!

Zuletzt: Wie fast alle Thomas Bernhard Hörbücher wird auch Holzfällen von Thomas Holtzmann mit einem leichten wiener Einschlag gelesen (oder sagen wir allgemeiner „Süddeutsch“. Denn obwohl Holtzmann, Bayer, lang am Burgtheater tätig war, hätte ich Schwierigkeiten, genau die wienerischen Eigenheiten des Vortrags zu beweisen). Und das ist meiner Meinung nach nicht ein Zusatz, der zum Text selbst, der offenkundig auf den ersten Blick auf Hochdeutsch verfasst ist, hinzugefügt wird, sondern ein Herausarbeiten einer Qualität des Textes, die die meisten Lesenden wahrscheinlich niemals erkennen würden. Denn Thomas Bernhards Werke sind natürlich durchweg Werke der fingierten Mündlichkeit. Hier soll der Eindruck von einem erweckt werden, der frei von der Seele weglabert, und der Satzbau und die Wortstellung sind dabei durchaus in einer Sprache verwurzelt, die zumindest einen leicht dialektalen Grundton nahelegt. Ganz ähnlich, wie etwa Peter Kurzecks Werk auch ohne direkt umgangssprachlich wiedergegebene Worte in einer Art “Kunst-Hessisch” verfasst sind. Wenn man all das verstanden hat, kommt man vielleicht der Möglichkeit nahe, Bernhard zu verstehen und wirklich zu lesen. Wer sich nur rauspickt, was dieser Autor an herrlich bösen Dingen über Politik, Personentypen und Gesellschaftszirkel sagt, die man selbst auch nicht leiden kann, hat mit dem Lesen noch kaum angefangen.

Bild: Pixabay

2 Gedanken zu “„Holzfällen“. Thomas Bernhard ist das Gegenteil eines wütenden Meinungs-Schriftstellers.

  1. Alexander Carmele sagt:

    Bernhard hat selbst in einem Text über das Gehör geschrieben, nämlich in „Das Kalkwerk“:

    „Schreibe ein Arzt über das Gehör, sei das völlig wertlos, schreibe ein Philosoph darüber, sei das auch völlig wertlos. Man darf nicht nur Arzt und man darf nicht nur Philosoph sein, wenn man sich eine Sache wie das Gehör vornimmt und an sie herangehe. Dazu müsse man auch Mathematiker und Physiker und also ein vollkommener Naturwissenschaftler und dazu auch noch Prophet und Künstler sein und das alles in höchstem Maße.“

    Ich finde Bernhard auch zum Lesen sehr musikalisch, besonders die Neologismen, die ständige Worterweiterungsschlagen und Determinativkomposita, diesen Herumeiern, Sich-Nicht-Helfen-Können. Aber gesprochen kann ich es mir auch gut vorstellen. Die Rezension hat mich dennoch überzeugt. In „Holzfällen“ läuft meines Erachtens alles auf den „Wildenten-Schauspieler“ hinaus. Einfach phantastisch, das Buch.

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    1. soerenheim sagt:

      Die Konzentration auf den Wildente-Schauspieler ist ja auch die Konsens-Interpretation und das, was uns der Erzähler schon fast überdeutlich als epiphanisches Moment präsentiert. Ich würde davon ein Stück weggehen, denn bei näherer Betrachtung hat der Schauspieler nicht viel zu bieten. Er sagt nichts klügeres als die anderen „Künstlerischen Menschen“ und er war sicher nicht der erste im Auersberger-Kreis, der auf die Idee kam, dass man sich in der Natur fokussieren kann. mW mag der Schauspieler Anlass sein, er taugt kaum zum Grund für ein Umschlagen der Stimmung des Erzählers, das liegt viel mehr in der bereits früh im Roman angelegten Tatsache, dass er selbst in diesem Kreis nichts ausergewöhnliches ist. Vll sogar ein größerer Heuchler.

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