Zielsicher an den spannenden Momenten vorbei erzählt. Zolas „Seine Exzellenz Eugène Rougon“. Émile Zola-Reihe 6

„Seine Exzellenz Eugène Rougon“ gehört leider wieder zu den schwächeren Texten des Romanzyklus, mit dem ich mich in dieser Serie beschäftige. Im Mittelpunkt steht, natürlich Eugène Rougon, der Bruder von Aristide , um dessen Karriere sich der bereits besprochen Roman „Die Beute“ drehte. Die beiden Texte haben einiges miteinander gemein. Beide sind sozusagen Pariser Verwaltungs-Romane und wenn sich die Tendenz fortsetzt, dürften dass die uninteressantesten Romane aus dem Zyklus bleiben.

Rougon ist ein konservativer Karrierist im Kaiserreich Napoleons III, der zu Beginn des Roman sich schon von allen Ämtern zurückziehen möchte. Durch die Unterstützung von Freunden schafft er es dann aber doch noch einmal, Innenminister zu werden. Rougon steht für die absolute Reaktion, er sagt Dinge wie:

“Ich bitte Eure Majestät im Namen des Volkes, ziehen Sie Ihre mächtige Hand nicht zurück. Die Gefahr liegt nicht in den zu weit gehenden Vollmachten der Regierung, sondern in dem Mangel an Unterdrückungsgesetzen (!). Wenn Sie Ihre Hand zurückzögen, würden Sie alsbald die Hefe der Bevölkerung aufwallen …“

und legt sich darüber mit dem halben Kabinett an. Damit durchbricht Zola ein Prinzip, das bis jetzt seine Romane trotz aller politischen Inhalte über den politischen Roman hinaushob. Seine Konservativen waren bisher, ebenso wie die Liberalen und Linken, immer glaubhafte Figuren, mit denen man durchaus sogar deutliche Sympathien haben konnte. Rougon dagegen wirkt deutlich wie eine Karikatur, was auch das Wenige, was der Roman an Handlung aufzubieten hat, unterläuft. Die politische Handlung ist etwas gelungener als in „Die Beute“, einfach weil man nicht ganz so wild in der Pariser Stadtpolitik herumgeworfen wird und deutlich nachvollziehbarer ist, welche politischen Ziele von welche Figuren verfolgt werden. Sonderlich spannend ist es für heutige Leser dennoch nicht. Es geht um Hausbauten und eine Eisenbahnlinie, Dinge, die für den großen Lauf der Geschichte heute nur noch von peripherer Bedeutung sind und die gleichzeitig auch nicht ausreichend die Politik des Kaiserreiches lebendig werden lassen, als dass sich die Wahl des Gegenstandes so rechtfertigen ließe. Aber immerhin, man blickt leichter durch als in “Die Beute“. Interessanter hätte eine Nebenhandlung sein können, bei der die selbstbewusste Clorinde Balbi um Rougon wirbt, ihm aber klar macht, sie fange mit ihm nur etwas an, wenn die beiden heiraten. Rougon aber hat andere, strategische, Heiratspläne. Stattdessen verkuppelt er Clorinde mit einem guten Freund, möglicherweise in der Hoffnung, sie dann zur Geliebten machen zu können. Clorinde entwickelt jedoch stattdessen selbst politische Ambitionen und wird später als federführend im Hintergrund von Rougons neuerlichem Aufstieg enthüllt. Ach, wäre diese theoretisch so interessante Figur doch bloß ein bisschen lebendiger gestaltet. Könnte man ihr all ihre Ränkespiele abnehmen. Das wäre ein spannender Roman geworden. Stattdessen scheint Zola hier von seinem bisher so guten Instinkt für gelungene Momente und Szenen komplett verlassen. Es gibt eine geheime Verschwörung, den Kaiser zu ermorden, die bis zur misslungenen Tat voranschreitet? Lass uns das doch einfach in zwei Sätzen in einem kleinen Gespräch abhandeln. Eine Ratssitzung, die ein möglicherweise kommunistisches, möglicherweise aber auch streng royalistisches Lehrbuch? Hey, darauf können wir schonmal 30 Seiten verwenden!

In allen bisherigen Besprechungen habe ich immer mindestens eine Passage herausgegriffen, um die erlesene Sprache Zolais bzw. seiner Übersetzungen zu vor Augen zu führen. Hier aber schlagen die Schwächen des Romans sich auch im Sprachlichen deutlich nieder, denn eine wirklich zitierenswerte Passage habe ich nicht gefunden. Wenn man den ganzen Zyklus lesen möchte, sollte man wohl auch „Seine Exzellenz Eugène Rougon“ einmal lesen. Ich denke aber, nach der Lektüre werden sich Bücher herauskristallisieren, die man mehrmals lesen will um das Ganze von Zolas Paris und seinen Landschaften zu erhalten, während man einige schwächere Zeitromane getrost wird beiseite lassen können. „Seine Exzellenz Eugène Rougon“ wird zur zweiten Ordnung gehören.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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