Nachtrag zur Artus-Reihe: Der Parzifal des Wolfram von Eschenbach ist wahrscheinlich die komplexeste Artus-Romanze.

Der Parzifal-Stoff dürfte in der Arthurliteratur einer der faszinierendsten sein. Roger Sherman Loomis hat ihm mit The Grail ein ganzes Buch gewidmet, unzähligen mindere Bücher zu dem Thema wurden desweiteren veröffentlicht. Was der Gral genau ist, bleibt weiterhin umstritten, Loomis leitet dessen heutige Bedeutung als magischer Kelch, der das Blut Christi aufgefangen hat, aus verschiedenen teils historischen, teils mythologischen, teils etymologischen Verwirrungen her, wobei besonders für die irische Tradition eines „Cup of Plenty“, so einer Art Tischleindeckdich, im Nachhinein christliche Erklärungen gefunden worden seien.

Ins Zentrum der meisten Gralsdichtungen steht die Ankunft eines Ritters beim geheimnisvollen Fischerkönig, oftmals eine Parade, bei der mal eine Lanze, mal eine Hostie, mal beides präsentiert wird, und natürlich das heute klassische Motiv der ausgebliebenen Frage nach dem Leid des Königs. Im, wenn auch in seiner heutigen Form erst um 1400 verfassten Mabinogion, dessen Quelle nach aktuellem Forschungsstand aber zu den ältesten der Arthurzyklen gehören sollen, wird auf den sonst dem Gral vorgehaltenen Teller gar ein abgetrennter Kopf präsentiert.

Als literarisch höchstwertigste Variante des Parzifal gilt gemeinhin der des Wolfram. Dort ist der Heilige Gral ein einfacher Stein, was zumindest Loomis nicht auf eine besonders alte Quelle, sondern auch ein simples Missverständnis des Mittelhochdeutschen Autors zurückführt. Was Interpretation und Einordnungen betrifft möchte ich hier aus Zeitgründen, und weil das Thema von zahlreichen Experten sicherlich überzeugender bearbeitet wird als von mir, als Ausgangspunkt auf die Wikipedia verweisen.

Formal jedenfalls gehört Parzifal definitiv zu den am schönsten zu lesenden mittelalterlichen Dichtungen. Am besten sollte man zumindest immer mal wieder in die Mittelhochdeutsche Version rein schauen, und unbedingt in Versen lesen. Noch klüger dürfte es aber sein, sich das von Peter Wapnewski gelesene Hörbuch zu besorgen. Das kürzt zwar den Text auf ein (letztlich doch deutlich erträglicheres) Maß von etwa 12 Stunden zusammen, liefert dann aber eine professionell vorgetragenene deutschsprachige Versübersetzung, und dazu kurze Erklärungen von einem Experten, der auch ohne Probleme immer wieder in den mittelhochdeutschen Vortrag wechselt und auf Besonderheiten des Ausdrucks hinweist, die im Deutschen heute gar nicht mehr richtig zu fassen sind. Mittelalterliche Dichtung wurde bekanntlich für den Vortrag verfasst, nicht für die Lektüre im stillen Kämmerlein.

Entsprechend möchte ich es wirklich jedem nahe legen, sich dieses Kernstück der Arturdichtung tatsächlich anzuhören.

Bild: wiki, gemeinfrei

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