Zola beinahe als Ästhetizist. „Die Sünde des Abbé Mouret“. Émile Zola-Reihe 5

Mit „Die Sünde des Abbé Mouret“ durchbricht Zola erstmals das Schema seines Zyklus, mit jedem Roman zwischen Plassans und Paris zu wechseln. Nach dem wenig überzeugenden „Die Eroberung von Plassans“ befinden wir uns nun in der kleinen Ortschaft Artauds. Eine sehr provinzielle Region, der man unter anderem nachsagt, von Inzest geplagt zu sein. Der Abbé, das ist Serge Mouret, der religiös gewordene Sohn der atheistischen Familie Mouret aus dem vorigen Roman. Allerdings ist es für den Genuss dieses einzelnen Werkes absolut nicht wichtig, das zu wissen. Das ist sicherlich das herausragende bisher am Rougon-Marcquart Zyklus: Anders als in modernen Serien wie beispielsweise Game of Thrones ist es tatsächlich nicht nötig, irgendeinen Roman der Serie zu kennen, um einen anderen voll und ganz schätzen zu können. Jeder steht für sich allein. Und doch befruchtet sich das ganze wie etwa ein musikalischer Zyklus, wie etwa Vivaldis vier Jahreszeiten und wächst dadurch, dass jeder Roman an einer zusammenhängenden Welt weiter arbeitet, noch einmal über das einzelne Werk hinaus.

„Die Sünde des Abbé Mouret“ ist unter den Einzel-Romanen wieder einer der stärkeren. Die Synopsis, die man ausführlicher auf Wikipedia findet, verrät nicht viel von dem, was den Text eigentlich ausmacht. Ein Pferrer bekommt eine Stelle in einem kleinen Dorf, stößt dort mit dem alten Atheisten Jeanbernat zusammen, bei dem die ungezügelt lebende Nichte Albine aufwächst. Durch eine Krankheit verliert der Pfarrer das Gedächtnis und wird von Albine gepflegt. Über ihn wacht der Doktor Pascal, der in späteren Texten noch eine größere Rolle spielen wird.

Womit „Die Sünde des Abbé Mouret“ herausragt, ist die kraftvolle Charakterzeichnung in Verbindung mit ihrer Umgebung. Der Pfarrer wird uns vorgestellt als ein Jüngling, durchaus mit Trieben, die er in einer exzessiven Marienverehrung sublimiert hat, die er allerdings wiederum in einem zweiten Schritt unterdrücken musste, da ihm schien, dass dies der wahren Verehrung Gottes im Wege steht. Der Pfarrer bleibt ein geistig aufgeschlossener Mann, der nicht auf die Ungläubigen herabsieht, aber ernsthaft um ihr Seelenheil bemüht ist. Gleichzeitig transportiert „Die Sünde des Abbé Mouret“ seine sexuelle Repression so überzeugend, wenn etwa der Pfarrer bei der durchaus gläubigen, aber ganz dem Leben und besonders dem Tierreich auf ihrem Hof zugewandten Schwester Desiderata (im Original natürlich Desirée) zu Gast ist:

“Seit er im Hof war, ging ihm der Atem aus, Hitze flog ihm über Hände, Brust und Gesicht. Nach und nach begann der Kopf ihm zu schwimmen. In verpestetem Hauch schlug ihm entgegen der lauliche Gestank der Kaninchen und Hühner, der unzüchtige Geruch der Ziege, die fettige Schalheit des Schweines. Wie eine mit Befruchtung geladene Luft war es, die zu schwer lastete auf seinen jungfräulichen Schultern. Desiderata erschien ihm größer, breiter in den Hüften; sie fuchtelte mit riesigen Armen und wirbelte in ihren Rockfalten vom Boden den starken Geruch auf, der ihm die Sinne vergehen ließ.“

Ich habe schon an mehreren Stellen kritisiert, dass konservative Künstler regelmäßig fähiger wirken, überzeugende Linke und Liberale vorzustellen, ja, einige der Erinnerungswürdigsten und am liebevollsten gezeichneten (Links-)Liberalen kommen aus konservativer Feder, so etwa der Stepan Trofimowitsch und weitere Figuren Dostojewskis. Progressiven geraten Konservative dagegen oft zu platten Karikaturen oder zu verkleideten Liberalen, was nicht nur politisch auf ein Problem verweisen dürfte, sondern vor allem auch ästhetisch definitiv ein Problem ist (Eine starke Ausnahme zB ist Zadie Smith). Zola gehört als progressiver Autor nicht in dieses Schema. Er ist wirklich fähig, das Innenleben seiner religiösen Figuren nachzuvollziehen, sie, seien es Konservative, seien es neue Freunde des Kaiserreiches oder alte Monarchisten, überzeugend und ohne Bosheit zu entwickeln. Gleichzeitig hält er es nicht für nötig, die Figuren, die ihm politisch am nächsten stehen dürften, auch regelmäßig zu den Helden seiner Texte zu machen, in „Die Eroberung von Plassans“ etwa waren die Progressiven mit die problematischsten Figuren. So wirkt dann auch ein Text wie „Die Sünde des Abbé Mouret“, der in seiner Gestaltung nicht in erster Linie auf Realismus zielt, wie eine ganz reale von Menschen bevölkerte Welt.

Denn „Die Sünde des Abbé Mouret“ ist sicher einer der ungewöhnlicheren Texte im Gesamtwerk Zolas. Er könnte beinahe aus der Feder eines Romantikers stammen. Denn geographisch im Zentrum steht das „Paradies“, ein alter Landsitz, den Louis XIV bauen lies und dann dem mittlerweile greisen Verwalter überließ. Das ist der oben erwähnte Atheist Jeanbernat. Das Landgut und besonders die großen Gärten sind weitestenteils verwildert und dienen Albine und später ihr und dem an Gedächtnisverlust leiden Abbé als fantastische Spielfläche. In dem Zusammenspiel von wuchernder Wildwuchs, Ruinen und dem Erblühen von Gefühlen, die nicht sein dürften, schafft Zola überwältigende Bilder wie etwa diese:

“Sie flüsterte: »Da ist eine Marmorfrau, die der Länge nach in das fließende Wasser gestürzt ist. Das Gesicht ist im Wasser vergangen.« Er wollte sich das auch ansehen und hob sich mit aufgestemmten Händen. Ein kalter Luftzug streifte seine Wange. Zwischen Binsen und Wasserlinsen, im Tagesstrahl, der durch die Öffnung fiel, lag die Marmorfrau auf dem Rücken, bis zum Gürtel entblößt, ein Faltengewinde deckte ihre Schenkel. Eine hundertjährig Ertrunkene, langsamer Selbstmord eines Marmorbildes, das leidvoll in diese Quellentiefe versunken war. Die klar sie überrieselnde Welle hatte ihr Antlitz ausgeglättet zu gesichtlos bleichem Stein, während ihre beiden Brüste, wie durch eine Nackenbewegung aus dem Wasser gedrängt, unversehrt waren und lebendig geschwellt schienen von vergangener Lust. »Sie ist gar nicht tot,« sagte Sergius und ließ sich herunter, »irgendwann müssen wir hierherkommen und sie aus dem Wasser ziehen.«

Auf der Ebene der Handlung ist „Die Sünde des Abbé Mouret“ wahrscheinlich der untypischste Zola und noch ein gutes Stück melodramatischer als die allem Realismus-Bestreben zum Trotz bereits melodramatischen Vorgänger. Doch manchen Anklängen an moderne Daily Soaps zum Trotz: Diese Handlung wird sauber ausgeführt und fesselt. Hinzu kommt eine fantastische Welt Gestaltung, die Ihresgleichen sucht. An „Die Sünde des Abbé Mouret“ könnte nicht nur Freude finden, wer sich in den großen bürgerlichen Gesellschaftsromanen zu Hause fühlt, sondern auch wer sich hingezogen fühlt zu Sprachkunstwerken, die Verfall atmen. Wie etwa die Romane Huymans und andere Autoren des Fin de Siecle, oder die Novllen von Nerval und Montparnasse.

Bild: Wiki, gemeinfrei

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