Brutale Jugendgeschichte mit schwieriger „Wir-Perspektive“.

Die jungen Hunde ist eine relativ kurze Erzählung aus der ersten Werkphase von Mario Vargas Llosa. Man könnte es gewissermaßen als ein verkleinertes Die Stadt und die Hunde betrachten. Auch hier eine Gruppe Jugendlicher. Auch hier gesellschaftliche Zwänge, durch die manövriert werden muss. Auch hier ein schulisches Umfeld. Doch stärker noch als im längeren Roman gilt in dieser Erzählung: Die Hölle, das sind die anderen.

Durch einen Vorfall mit dem Hund der Schule verliert Cuéllar sein Geschlechtsteil und zieht sich weitere Verletzungen zu. Nach längerer Zeit im Krankenhaus stößt er scheinbar wiederhergestellt wieder zu der Gruppe seiner Freunde. Es beginnt jene Zeit, in der man sich fürs andere Geschlecht interessiert, und Cuéllar will nicht so richtig mitziehen. In der Schule bekommt er den Spitznamen „Schwänzchen“ und mit der Zeit nennen ihn auch die Freunde so. Bei Cuéllar kommt es immer wieder zu Wutausbrüchen, doch irgendwann „reclaimed“ er den Begriff für sich und begeistert zugleich als Sportler und Draufgänger, während sein Verhalten jedoch immer aggressiver wird. Es ist nicht so, dass er anders als die Freunde nicht bei Frauen landen könnte. Er verweigert sich. Doch gleichzeitig spielt er immer wieder auf kleine Affären an. Während die Leben der anderen sich langsam auf den gesellschaftlich erwarteten Pfad begeben (Flirts, etwas Machismo, dann der ruhige Hafen der Ehe), kommt es bei Cuéllar schließlich zur großen Katastrophe…

Die jungen Hunde erzählt vom Kampf nicht in erster Linie mit gesellschaftlichen Institutionen wie Kadettenanstalt und Polizei. Noch nicht einmal mit bösartigen sozialen Zwängen. Die Freunde versuchen Cuéllar zu integrieren. Auch die späteren Freundinnen sind aufgeschlossen. Die Eltern unterstützen ihn, vielleicht sogar zu sehr. Es geht vielmehr um ein System subtiler Konventionen und ganz besonders auch internalisierter Erwartungshaltungen. Dem korrespondiert letztlich auch der ungewöhnliche Erzählstil, der einerseits einen Zeitraum von fast 20 Jahren auf etwa 90 Seiten kondensiert, ohne dabei den Eindruck großer Distanz zu vermitteln, der gleichzeitig stilistisch regelmäßig zwischen der dritten Person Singular Plural der ersten Person Plural wechselt. Solche Erzählperspektivwechsel können mehrfach in einem längeren Satz zu erfolgen und haben den Effekt, auch sprachlich gewissermaßen die Schlinge um das Erzählte immer enger zu ziehen. Das wir, das ich, das ihr, das er, alles verschmilzt zu einem erdrückenden Sprachkosmos, wie ein einziger, mündlicher Malstrom, der stark von der Dringlichkeit des Geschehens geprägt ist.

Ich glaube allerdings, dass das ähnlich wie die Zeitsprünge in Derborence im spanischen Original deutlich natürlicher wirken könnte. In der Übersetzung braucht es schon ein bisschen, bis man sich daran gewöhnt hat. Dann ist es aber nicht so, dass die Erzählweise regelmäßig aus dem Erzählten reißen würde. Im Gegenteil.

Bild: Pixabay

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