Ein katholischer offener Jugendclub im ländlichen Frankreich um 1850. “Die Eroberung von Plassans”. Émile Zola-Reihe 4.

Émile Zolas “Die Eroberung von Plassans” kreist um ein interessantes Thema, verliert es aber aus den Augen.

Wie der Titel bereits verrät, kehren wir mit “Die Eroberung von Plassans” im vierten Teil von Zolas Rougon-Marquat-Zyklus zurück ins ländlich-kleinstädtische Plassans aus dem ersten Roman.

Der Roman beginnt durchaus sehr gefällig mit ein paar schönen Szenen aus dem Leben der Familie Mouret, die weitläufig mit den Rougon verwandt ist. Schon bald taucht der geheimnisvolle Pfarrer Abbé Faujas auf. Dessen Einzug bei der Familie und die Versuche der nicht sonderlich religiösen bis atheistischen Familienmitglieder, mit ihm in eine Beziehung zu treten, machen die besten Szenen des Romans aus. Etwa diese schöne Reflexion des Pfarrers beim Blick aus dem Fenster über Stadt und Land:

„Der Abbé Faujas sah oben in die dunkle Nacht hinaus. Er blieb lange an dem Fenster stehen und war froh, daß er endlich allein war und ganz seinen Gedanken nachhängen konnte. Unter sich fühlte er den ruhigen Schlaf des Hauses, in dem er sich seit einigen Stunden befand, den reinen Atem der Kinder, die ruhigen Atemzüge Marthas und das regelmäßige Schnarchen Mourets. Es lag etwas wie Verachtung in der Bewegung, als er seinen Stiernacken aufrichtete und den Kopf vorstreckte, um bis an das Ende der in Schlaf gesunkenen Stadt zu sehen. Die großen Bäume des Gartens der Unterpräfektur bildeten eine dunkle Masse, und die Birnbäume des Herrn Rastoil starrten mit ihren dürren Ästen in die dunkle Nacht empor; hinter ihnen war ein Meer von Finsternis, dem nicht der leiseste Laut entstieg. Unschuldig wie ein Wiegenkind lag das Städtchen im Schlafe.“

So gelungen einige Momente sind: Wenn die besten Szenen eines Romans sich im ersten Viertel entfalten, sagt das nicht viel zum Lobe des Ganzen. Der Pfarrer fängt besonders die Frauen im Ort ein, und die entscheiden sich, eine Art Jugendclub zu gründen, der Jugendlichen, die vom „rechten Weg“ abgekommen sind, einen Halt bieten soll. Das könnte eigentlich ganz spannend werden: Der Club scheint dem verpflichtet, was man heute „akzeptierende Sozialarbeit“ nennen würde. Es wird also kein religiöses Programm aufgeträngt, stattdessen darf Karten gespielt werden, jegliche Literatur gelesen und so weiter. Sogar Alkohol wird getrunken. Prinzipiell höchst faszinierend, dass dieses Konzept damals schon so bekannt gewesen zu sein scheint, dass Zola es der Kirche zuschreiben kann. Nur spielt der Roman leider bis auf eine Szene nicht in diesem Club. Stattdessen werden ausführlich Verwaltungsdinge und Ränkespiele in Stadt- und Kirchenhierarchie referiert. Das ist wichtig, weil es später eine große Enthüllung zum Geheimnis des Pfarrers gibt, die seine Tätigkeit an die weitreichenden Unternehmungen des französischen religiösen Konservatismus im Kampf gegen den Republikanismus zurückbinden. Aber es ist leider auch unglaublich langweilig. Und es funktioniert nicht wirklich. Mag sein, dass für informierte Zeitgenossen die Tätigkeit des Pfarrers durchsichtig genug war, als dass die Enthüllung nicht aus heiterem Himmel kommt. Ich bezweifle es: Für mich wird über hunderte Seiten immer nur angedeutet, dass der Pfarrer sich irgendwelche schrecklichen Dinge hat zu Schulden kommen lassen, die mit seinem Lebenswandel zusammenhängen, und dann kommt stattdessen eine große politische Enthüllung. Es gab kein Spannungsmoment, das auf diese Wendung hingearbeitet hat. Und so oder so: Wäre es nicht viel klüger gewesen, dennoch den Roman um den Jugendclub aufzubauen, wo man einerseits hätte untersuchen können, wie sich dieser politische Plan im Kleinen, im Alltag, auswirkt und wo andererseits doch Zola so definitiv seine Stärken hat: im Beobachten und sprachlich überwältigenden Schildern von Alltagssituationen, wie er es gerade zuvor noch mit „Der Bauch von Paris“ so eindrucksvoll vorgemacht hat. „Die Eroberung von Plassans“ dagegen ist ein Roman, der sich höchstens knapp über dem Niveau von „Die Beute“ bewegt, dem bisher schwächsten Roman der Reihe.

Bild: Wiki, gemeinfrei.

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