„Tod in den Anden“ und Anmerkungen zu Mario Vargas Llosas „Shared Universe“ rund um die Figur Lituma.

Ich habe in meinem Artikel über Vargas Llosas Die Stadt und die Hunde von der stilistischen Wende von 1973 gesprochen. Damit ist gemeint, dass der Autor von da an seine Versuche, all die disparaten Stilmittel der literarischen Moderne unter einen Hut zu bekommen und zu einem runden „totalen Roman“ (seine Worte) zu vereinen, der die erzählte Welt stilistisch in absoluter Weise durchdringt, aufgegeben hat und einfachere Werke verfasst. Und das bemerkenswerterweise eher nicht aus Verzweiflung sondern aus Erfolgsgründen. Viel näher dürfte man dem Ziel nicht mehr kommen können, als es Llosa mit dem Duo Das grüne Haus und Gespräch in der „Kathedrale“ gelungen ist. Was also jetzt? Selbstimitate, die wahrscheinlich nicht an diese beiden Meisterwerke herankommen werden? Das ganze zur Masche machen und als nächstes ein „Gespräch in der Kathedrale““ für die 80er und 90er Jahre anstreben?

Nein: Ganz grob gesprochen hat Llosa entschieden, die technische Raffinesse etwas zurückzufahren aber alles, was er zuvor an literarischen Verfahrensweisen entwickelt hat, weiter für sich nutzbar zu machen wie es gerade passt und sehr hintergründige kleinere Romane zu verfassen, die eine breitere Leserschaft intelligent unterhalten und zum Nachdenken anregen können. Natürlich ist das mit der Wende von 1973 etwas grob gesetzt, Der Geschichtenerzähler von 1987 etwa steht den Werken von vor dieser Zeit näher als vielen aus der Zeit danach. Und Tante Julia und der Kunstschreiber ist nicht einfach nur eine Abkehr vom Alten sondern in den Kunstschreiber-Kapiteln zugleich auch ein witziges Spiel damit.

Tod in den Anden derweil dürfte unter den tatsächlich einfach konstruierten Romanen einer der stärksten sein. Vielleicht zugleich mit Wer hat Palmino Molero umgebracht? Den aus Das grüne Haus bekannten Sargento Lituma hat es in ein kleines Andenorf verschlagen, wo es zu mehreren mysteriösen bestialischen Morden kommt. Lituma kämpft mit dem Aberglauben und zugleich auch der teils heftigen Ablehnung der Dorfbewohner ebenso sehr wie mit seinen eigenen Vorurteilen. Die, generalisiert, wiederum durchaus auch die Ablehnung der Dorfbewohner erklären. Denn die sind es eben gewohnt, dass die Städter auf sie sowieso nur herab schauen. Politisch im Zentrum der Handlung stehen die Aktivitäten des Leuchtenden Pfad, einer sehr gewalttätigen linken/indigenen Bewegung, gegen die sich Llosa als ehemaliger Linker früh und sehr aktiv positionierte. Während mittlerweile der leuchtende Pfad nur noch sehr wenige Sympathisanten hat auch in den radikalsten Teilen der Linken, brachte das Llosa damals nicht nur Freunde ein. Umso mehr dürfte schwarz-weiß Denker überraschen, dass diese Gruppierung und ihre Sympathisanten in Tod in den Anden nicht einfach als der Bösewicht erscheinen, dem der edle Lituma gegenüber steht. Im Gegenteil: Wie sich diese Gruppe herausbilden konnte und wieso sie durchaus auf Unterstützung besonders in der Landbevölkerung bauen konnte (gleichzeitig aber auch, dass eben längst nicht alle den Leuchtenden Pfad unterstützen und dass dieser natürlich auch eine gewaltige Drohkulisse aufbaute), all das wird durch die auf zwei Zeitebenen konstruierte Handlung gut nachvollziehbar, ohne dass es einmal nur eine längere dezidiert „politische“ Passage gäbe, also eine, in der Theorien ausgebreitet würden oder diskutiert. Und dabei könnte das wahrhafte Grauen des Romans sogar noch ein ganz anderes sein, das mit der Politsekte wenig zu tun hat… aber ich möchte euch nicht den ganzen Text spoilern.

Gemeinsam mit Das Grüne Haus, Palmino Molero, Maytas Geschichte, Tante Julia und der Kunstschreiber, Ein diskreter Held und La Chunga ist Tod in den Anden nicht zuletzt auch einer der Texte, die man als Lituma-Komplex bezeichnen könnte. Ein spannendes Unterfangen des Autors, in dem dieser durch das Einsetzen dieser Haupt- bzw. teilweise Nebenfigur Geschichten in unterschiedlichen Teilen des Landes quer durch die Zeit miteinander verbindet und so die Romane gewissermaßen in etwas ansiedelt, das man heute „shared universe“ nennen würde (was natürlich insofern Bullshit ist, als dass es in den meisten Romanen im Gegensatz zu dem, was etwa Karl-Heinz Bohrer behauptet, üblich ist, sie bezogen auf „unsere“ Realität zu denken, die Nicht-Anwesenheit Litumas in „Das Gespräch in der „Kathedrale““ also nicht bedeutet, dass dieser Roman nun in einer anderen Welt spielt). Es schärft aber eben zumindest den Blick für die Verbundenheit und damit auch dafür, wie sich ein Mensch und sein Blick auf die Welt ändern kann und wie sich die Welt ändert.

Bild: Pixabay. (Ja, ich weiß, das sind chilenische Anden. Finde kein freies Bild aus Peru…)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.